Das theologische Testament des Berliner Lehrers

Von Heinz Zahrnt

In beabsichtigter Imitation seines großen, allzeit verehrten Lehrers Karl Barth, hat Helmut Gollwitzer seine akademische Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin mit einer Vorlesung „Einführung in die evangelische Theologie“ beschlossen. Und ebenso wie Barth wollte auch Gollwitzer mit seinem letzten Kolleg keine allgemeine Einführung in das Studium der Theologie bieten, sondern eine Art Bilanz seines eigenen lebenslangen theologischen Denkens, Arbeitens und Lehrens ziehen.

Diese Bilanz ist Gollwitzer vollauf gelungen. Alle Stärken und Schwächen seiner Theologie finden sich in diesem Buch noch einmal wieder:

Helmut Gollwitzer: „Befreiung zur Solidarität – Einführung in die Evangelische Theologie.“ Verlag Christian Kaiser, München, 1978; 229 S., 25,– DM.

Das mag auch der Grund dafür sein, warum der Fachtheologe mit der Lektüre der insgesamt zwölf Vorlesungen einige Mühe hat. Die Neugier, mit der er das Buch zunächst in die Hand genommen hat, ist bald gestillt, denn Neues gibt es hier nicht zu lesen – es ist alles schon einmal dagewesen.

Freilich wird man die leise Langeweile, die einem beim Lesen – trotz des leidenschaftlichen Stils – beschleicht, nicht speziell Gollwitzer zur Last legen dürfen. Vielmehr ist dies nur ein Ausdruck des allgemeinen Erschöpfungszustands, in dem sich die abendländische Theologie seit einiger Zeit befindet. Eine im vorigen Jahr in den Evangelischen Kommentaren veröffentlichte Umfrage, was eigentlich mit der deutschen Theologie los sei, hat den Eindruck erweckt, daß mit ihr gegenwärtig augenscheinlich nicht viel los ist: Alle Fragen sind schon so oft gestellt und alle Argumente so häufig hin- und hergewendet worden, daß man überall nur noch auf Vertrautes, allzu Vertrautes trifft. Gollwitzers Buch bestätigt diesen Eindruck.