Zwei Anthologien: Beate Pinkerneils und Walter Hansens Sammlungen

Von Reinhold Grimm

Wird man sie, zähneknirschend, wieder auswendig lernen müssen, die Ballade mit ihren unzähligen Strophen, Alptraum der Schüler und Tummelplatz schulmeisterlicher Gedichtvermittlung? Kehrt diese Lieblingsform der Pädagogen, nach den didaktischen Eiertänzen der letzten Jahre, im Triumph auch ins Klassenzimmer zurück (falls sie es je wirklich verlassen hat)? Denn auf das elterliche Bücherbord scheint sie in der Tat, mit alldem „Klingling, bumbum und tschingdada“, das ihr laut Liliencron gebührt, aufs neue einziehen zu wollen. Die Ballade kommt heute wieder in Schwang. Davon zeugen, so umfangreich wie unüberhörbar, gleich zwei Anthologien –

„Das große deutsche Balladenbuch“, herausgegeben von Beate Pinkerneil; Athenäum Verlag, Königstein, 1978; 891 S., 28,– DM

„Das Buch der Balladen“, herausgegeben von Walter Hansen, mit Bildern von Alfred Bast; Mosaik Verlag, München, 1978; 399 S., Abb., 29,80 DM

Beide Sammlungen enthalten, gemäß dem Untertitel der zweiten, „Balladen und Romanzen von den Anfängen bis zur Gegenwart“; ja, sie enthalten sogar noch ein gut Teil mehr. Des Freiherrn Detlev von Liliencron „Die Musik kommt“ – die Militärmusik nämlich – wird man allerdings vergebens suchen, trotz allen Klingklangs, trotz seiner schwungvollen Lautmalerei. Hat sich also tatsächlich etwas geändert? Darf die Ballade, gut balladentheoretisch gefragt, nun in vertieftem, kritisch erneuertem Sinn als jenes „lebendige Ur-Ei“ (Goethe) gelten, das sämtliche Keime fruchtbar vereinigt, sämtliche Gattungsmöglichkeiten, ob bekannt oder unbekannt, gegenwärtig hält, so vergangenheitsschwer wie zukunftsträchtig? Oder wäre sie, wie sie uns da präsentiert wird, einfach ein hohles, flüchtiges Windei? Was ist daran Mode, was geschichtlicher Wandel? Wieviel ist dauerhaft in diesen zwei Bänden, wieviel ephemer, gar steril?

Hausbuch mit ollen Kamellen