Der Varta-Führer hat sich sehr verbessert. Die Ausgabe 1979/80 läßt kaum noch Wünsche offen. Sogar in den Restaurants sind die Varta-Inspektoren sicherer geworden, machen manche Modetorheiten Michelins nicht mit, kommen zu ihren eigenen, meistens milderen und dadurch oder dennoch gerechteren Urteilen.

Als höchst hilfreich wird es der Benutzer empfinden, daß die Varta-Leute nun endlich wieder den Mut zur eigenen Courage gefunden haben: Die als besonders angenehm empfundenen Hotels und als besonders lobenswert erscheinenden Kuchen sind in einer Karte eingezeichnet, so daß jeder Reisende mühelos sich orientieren kann, wo von Varta Empfohlenes an seinem Wege liegt. Freilich ist so eine Karte auch verräterisch, zeigt sie doch deutlich die Schwerpunkte, wo Empfehlenswertes massenweise auftritt.

Daß dabei der deutsche Süden dem Norden weit überlegen ist, versteht sich. Varta zeigt es, Michelin zeigt es, der Vielreisende hat es vielfach erlebt. Auch daß Baiersbronn ein begnadeter unter den Beherbergungsorten ist, würde ich gern zugeben. Hotels wie die Traube-Tonbach und das Kurhotel Mitteltal suchen ihresgleichen, und das nicht nur in Deutschland: Sie sind internationale Spitze. Aber daß allein im Städtchen Baiersbronn nun gleich sieben Hotels als besonders angenehm hervorgehoben werden, in Hamburg samt schleswig-holsteinischer und niedersächsischer Umgebung jedoch nur drei: das ist nicht mehr ernst zu nehmen. Die Varta-Redaktion sollte vielleicht ihren Mann in Baiersbronn mal nach Hamburg schicken, während der Hamburger sich im Schwarzwald von seiner Melancholie erholen darf.

In Hamburg selber tippt Varta noch ganz einwandfrei: „Atlantic“ und „Vier Jahreszeiten“ – – wer denn sonst? Dazu kommt dann jedoch imganzen weiten Umkreis von etwa fünfzig Kilometern nur noch ein „Fuchsbau“ in Rellingen, denMichelin ignoriert.

Nun ist es durchaus möglich, daß die nördlichen Hoteliers es so einem südlichen Kritiker schlechterdings. nicht angenehm machen können; die in dem Begriff „angenehm“ liegende Subjektivität ist ja gewollt und interessant. Aber wo einer vielleicht schon durch grauen Himmel sich angenehme Hotel-Empfindungen austreiben läßt, ist er im Norden wohl doch fehl am Platz.

Nicht gekränkte Heimatliebe des (gelernten) Hamburgers führt mir die Feder. Der Mann des unter der Sonne Frankreichs gedeihenden Michelin ist mein Zeuge: Er empfindet in ganz Baiersbronn nur zwei Hotels als besonders angenehm (eben die beiden, die es auch wirklich sind); in Hamburg und Umgebung jedoch entdeckt er der Angenehmen nicht weniger als neun.

So froh wir darüber sein müssen, daß Varta und Michelin mehr als früher getrennte Wege des Geschmacks gehen: aber die Schiedsrichter, die den Konkurrenzkampf Baiersbronn–Hamburg einmal mit 7 : 3 ausgehen lassen, ein andermal mit 2 : 9, denen würde jeder Sportbund einen gemeinsamen Lehrgang verordnen. Und die Varta-Redaktion täte gut daran, sich doch einmal die Michel in-Empfehlungen in der Hamburger Umgebung anzuschauen: den reiterstolzen „Josthof“ in Salzhausen etwa oder die „Heidschnucke“ in Jesteburg-Asendorf, wo die Zimmer nicht Nummern, sondern Tiernamen, haben; den „Scehof“ in Ratzeburg auch, wenn er nicht im Juli/August von Touristen unangenehm gemacht wird, oder „Haus Meinsbur“ in Bendestorf, wenn die Schickeria von Film und Funk abwest (was sie an 320 Tagen von 365 tut). Norddeutschland ist vermutlich wirklich ärmer an Angenehmem als der Süden – aber so arm nun wieder auch nicht.

Von der Schwäche seines Hamburger Inspektors abgesehen, dessen Arm offenbar auch noch weit genug reicht, um ein traurig tristes Trugbild von der Insel Sylt zu vermitteln (wieder ist Michelin-Nord großzügiger und trifft besser), hat Varta erfreuliche Fortschritte gemacht. Sein Informationswert ist nur noch von ihm selber zu übertreffen. Rudolf Walter Leonhardt