Neue Unruhe im WDR: Programm direktor Hübrier verbietet eine von seinem Vorgänger gebilligte Serie.

Viele, glanzvolle Jahre lang war der Kölner WDR die liberalste und experimentierfreudigste aller deutschen Fernsehanstalten, das stolze Flaggschiff der mitunter etwas müden, gleichwohl honorigen ARD. Der Intendant zu dieser Zeit hieß Klaus von Bismarck, der Programmdirektor Werner Höfer. Auf Bismarck folgte der Freiherr von Seil, vormals Verwaltungsdirektor des Senders, nach Höfer kam, im August 1977, Heinz Werner Hübner: vielen noch in guter Erinnerung als sachlich-kritischer „Weltspiegel“-Chef. Ein Journalist von Rang.

Auch als Programmdirektor schien sich Hübner nicht als Oberzensor und Büttel der Gremien in die Pflicht nehmen lassen zu wollen: „Das ist genau die Programmvorstellung, die ich verhindern will; das ist die Schere im Kopf, Proporz als Programmeinfall, Kleinkariertes statt Engagement“, schrieb er im Dezember 1977 in der ZEIT. Den nach deutschen Fernsehmaßstäben geradezu revolutionären Satz „Aus Neutralität wird Langeweile“ vertraute er der Süddeutschen Zeitung an, die Hübner dennoch „Serien-Selbstlob“ attestierte.

Den großen Worten folgten eher kleinmütige Taten. In der Ära Hübner mußte die medienkritische Reihe „Glashaus“ dran glauben, durfte Wallraffs Film über die Bild-Zeitung nicht ausgestrahlt werden, wurde der Musikredaktion die Sendung des Films „Neue Töne“ verboten, in dem der Satz vorkam: „Ist es denn erst Gewalt, wenn man zurückschlägt? Wer hat denn zuerst geschossen, Ohnesorg oder die anderen?“

Mehr und mehr erwies sich Hübner als militanter Prophet der totalen „Ausgewogenheit“. Im April 1978 tadelte er die Jury des Adolf-Grimme-Preises, weil die-sich erlaubt hatte, auch Beispiele eines alternativen, unangepaßten Fernsehens zu prämiieren, etwa Klaus Wildenhahns strenge Dokumentation „Emden geht nach USA“. Für Hübner ist dergleichen schon deshalb indiskutabel, weil Wildenhahn mit seinen stillen, genauen Beobachtungen ein kleineres Publikum erreicht als irgendein routiniertes Durchschnitts-„Feature“: „Alternatives Fernsehen, das kein Publikum hat, kann jedenfalls nicht die Alternative sein.“

Die Alternative zu Heinz Werner Hübner ist Heinz Werner Hübner. Beim WDR kommt keiner an ihm vorbei; Schwule und Linke schon gar nicht. Es wäre ja auch noch schöner, wenn sich solche Elemente in unserer sauberen Fernsehwelt ausbreiten dürften, auch nur ein kleines Eckchen im Dritten Programm für ihre abwegigen Ansichten. Der WDR-Filmredaktion verbot Hübner vor einem Monat die Ausstrahlung der ausschließlich von Homosexuellen gespielten und inszenierten Kleinbürger-Satire „Salzstangengeflüster“. Daß deren Regisseure Walter Bockmayer und Rolf Bührmann bereits internationale Auszeichnungen und einen Bundesfilmpreis bekamen, störte Hübner nicht: Nur nicht dieser Schmutz am Rosenmontag.

Dann schon lieber Eiskunstlauf. Den gab es am Montag letzter Woche statt der zweiten Folge der Reihe „Stadt, Transport und Industrie“ von Hans G. Helms, deren Absetzung Hübner nach der Besichtigung des ersten, in der Woche zuvor gesendeten Teils verfügt hatte: „Äußerst einseitig und zum Teil die historische Wirklichkeit verfälschend.“ Nun ist Helms, der sich offen zur Methode des historischen Materialismus bekennt (ist das schon verboten?) ein auch unter Linken umstrittener Autor: Der Apo-Ideologe Bernd Rabehl zerfetzte einst sein Buch „Fetisch Revolution“ im Spiegel.