In der Münchner Wörthstraße, einem Hinterhaus, in einem schwarz getünchten Raum auf einem Holztisch liegt zweimal in der Woche, abends gegen 20 Uhr ein Toter. Am gleichen Ort, zur gleichen Zeit, jeweils am Tag zuvor, denken zwei junge Leute an Selbstmord: „Morgen hängen wir uns auf.“ Didi sagt das zu Gogo mit einer Einschränkung: „Es sei denn, daß Godot käme.“ Einen Tag nach diesem Gespräch, angesichts der nackten Leiche auf dem Holztisch, vor Didis sterblichen Überresten, gibt es diese Einschränkung nicht mehr. Godot ist nicht gekommen, und so starb Gogo (Estragon) von heute auf morgen einen für eine Beckett-Figur ungewöhnlich raschen Tod.

In dem Hinterhaus in der Münchner Wörthstraße beheben am Tag der Aufbahrung von Gogos Leiche den dramaturgischen Defekt zwei Männer: Sie kleiden den Toten an, kippen ihn sacht auf den Boden und drücken ihm einen Bambusstab in die Hand, an dessen oberem Ende ein Drachen befestigt ist. Mit Hilfe dieses Drachens vollzieht sich Didis Auferstehung. Mit ihm schiebt er die Wolken weg, holt er die Träume her. Auch die anderen, die am Tag zuvor in Becketts Stück auf Godot warteten, kommen wieder: Sie tragen alle Didis Traumgerät. Alle staunen, alle lächeln, alle freuen sich. Mandolinen erklingen, ein mexikanischer Walzer begleitet den Auftritt der Verzückten. Es ist, als sei Godot gekommen.

Für seinen „Godot“ hätte George Froscher sein Hinterhoftheater mit Erde vollgeschüttet. Es waren die Söhne von Vladimir und Estragon, von Pozzo und Lucky, die dort das Stück ihrer Väter zu spielen versuchten... Es war ein Abend über den Generationenkonflikt, zwischen sanfter Rebellion und Selbstdisziplin. Becketts „Warten auf Godot“: ein Kinderspiel.

Für den zweiten Teil des (etwas unglücklich betitelten) Projekts des „Freien Theaters München“ (FTM): „Plätze, die uns begegnen, hatte Forscher die Erde aus dem Theater wieder fortschaffen lassen: Was jetzt kam, sollte den Boden unter den Füßen verlieren dürfen. Filmschnittartig versuchte Froscher Szenen einer Geschichte aneinander zu reihen, ohne Rücksicht auf Chronologie, ohne dialogischen Zusammenhang, immer wieder unterbrochen von der Traumfrequenz der Mandolinenmusik und dem Auftritt der Verzückten. Nach einer Kinderparty, auf der kleine Mädchen, die am Tag zuvor noch Vladimir, Pozzo, Lucky hießen, tanzen wie Lucky tanzte (zappelnd, hüpfend, torkelnd), beginnt ein Film: Im Gegenlicht drücken sich zwei schwarzgekleidete Männer an die schwarz getünchte Wand des Theaters. Aufnahmen für einen Stummfilm: Zwei Beckett-Figuren klettern eine Hauswand empor; Damals wird eine alte Frau im Rollstuhl – wie ein weiblicher Ham – hereingeschoben: „Ich war schon immer eine gute Taucherin gewesen.“ Es ist Ludwigs Mutter, die, wenn sie aus dem Rollstuhl aufsteht, Ludwigs Vater wird, den Revolver zieht und Ludwig aus dem Theater hinausschießt. Das große Tor des FTM Öffnet sich nach draußen: Ludwig verschwindet im Nebel zwischen den Bäumen. Drinnen schlägt der Vater gegen alle zehn Lampen, die die Szene beleuchten. Nervöses Licht über einer nervösen Geschichte.

Die Szene zwischen Ludwig und der Mutter ist eine Szene zwischen Vladimir und Estragon, Sie ist auch eine Szene zwischen Froscher und dem Publikum. Sie beschreiben wie das FTM eine Geschichte erzählt; wie es die Geschichte vom „Warten auf Godot“ weitererzählt, von einer Assoziation zur anderen.

Bei allen Nachteilen bleibt dieser Doppelabend beachtenswert. Froschers Basisarbeit für ein anderes Theater (seine Projekte, seine Workshops) bleiben wichtig, auch wenn die Münchner Theaterkritik dazu neigt, die Kleinkunst der vielen Münchener Kleintheater samt ihrer verlogenen Brettl-Romantik riskanteren, gefährdeteren Versuchen vorzuziehen; auch wenn die Münchner Kulturverwalter Zuschüsse nach dem Gesichtspunkt der Rentabilität (Aufführungsfrequenz) verteilen; auch wenn sich die großen Bühnen immer auffälliger der Ergebnisse jener Basisarbeiten bedienen und damit das andere Theater,scheinbar, übertrumpfen.

Froscher und seine Gruppe lassen sich von alledem nicht entmutigen. Sie planen einen großen Straßenspektakel. Der Doppelabend hätte besser – und fast wie zur Ermunterung der FTM-Gruppe geheißen: „Warten Sie nicht auf Godot!“ Helmut Schödel