Von Egmont R. Koch

Mit mehr als 60 000 verschiedenen chemischen Substanzen kann jedermann heute in Berührung kommen. Jährlich kommen hierzulande mindestens 200 neuentwickelte Stoffe für vielfältige Zwecke hinzu, für Farben, Lacke, Kunststoffe, Pflanzenschutzmittel, Kosmetika und Lebensmittelzusätze, um nur einige zu nennen. Angesichts dieser Chemikalienflut sei „die Zeitbombe der chemischen Verseuchung keineswegs entschärft“ und stelle „in ihrer potentiellen Gefahr diejenige aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie weit in den Schatten“. Mit solch markigen Worten schreckte der für den Umweltschutz zuständige Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Dr. Günter Hartkopf, im Oktober letzten Jahres die chemische Industrie auf und machte die von vielen chemischen Verbindungen ausgehenden Gesundheitsgefahren deutlich. Titel seines damaligen Referats: „Die Chemikaliengesetzgebung – Rettung in letzter Stunde?“

Jetzt kennen wir die Antwort auf seine Frage. Am 21. Februar legte das Bundesgesundheitsministerium einen Entwurf vor. Es ist nicht einmal der Versuch einer Rettung.

Dabei hat die Bundesrepublik die größte Pro-Kopf-Produktion von Chemikalien aller Nationen. Selbst wenn man den sehr hohen Exportanteil abzieht (1978: 41 Prozent), sind wir nach den USA das – auf die Bevölkerungszahl bezogen – „verchemisierteste“ Land der Erde. Im Gegensatz zu den meisten anderen Chemie-Nationen hat die Bundesrepublik aber noch kein Gesetz, das die Überprüfung neuer Stoffe vor deren Vermarktung vorschreibt. In vielen unserer europäischen Nachbarländer, vor allem aber in den USA, Kanada und Japan, existieren seit Mitte der siebziger Jahre gesetzlich fixierte Testvorschriften, die eine Prüfung auf akute und chronische Giftigkeit (Toxizität), Krebsauslösung (Kanzerogenität), Erbschädigung (Mutagenität), Mißbildungen des Fötus (Teratogenität) und die chemische Langlebigkeit in der Umwelt (Persistenz) vorsehen. Vom Nationalen Krebsinstitut (National Cancer Institute) der USA wurden mittlerweile etwa 7000 Verbindungen getestet und rund 1500 als krebsverdächtig eingestuft.

Furcht vor den „Grünen“