Von Jes Rau

Szene 1: „Machen Sir mir doch bitte eine Tasse Kaffee“, sagt ein Justizangestellter im Gericht von Illinois zu seiner Sekretärin Iris Riviera. Diese schüttelt den Kopf. Sie sei nicht seine Sklavin, sagt sie. Er solle sich doch den Kaffee selbst machen. Eine halbe Stunde später wird Iris Riviera mitgeteilt, sie sei fristlos entlassen. Am nächsten, Tag stürmen fünfzig Frauen in das Büro des Gerichtes und demonstrieren – im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras – Iris Rivieras Boß, wie man die Kaffeemaschine bedient. Tags darauf wird Iris Riviera wieder eingestellt. Ihr Chef trinkt keinen Kaffee mehr.

Szene 2: Ein Flugzeug steht startklar auf der Rollbahn zum Abflug von New York nach Dallas/Texas. Durch den Lautsprecher kommt die Durchsage: Flugkapitän soundso und seine Co-Pilotin Fräulein Stephanie Wallach begrüßen Sie an Bord... Eine ältere Dame unter den Passagieren ruft entsetzt: „Hilfe, eine Frau...“ Als die Maschine über Texas in einen Sturm gerät, verlangt ein bleicher männlicher Passagier nach dem Priester. Aufregung auch im Cockpit. Wenn man den Gerüchten glaubt, die unter Piloten kursieren, spielte sich dort folgendes ab: Stephanie Wallach sitzt am Steuerruder. Als das-Flugzeug vom Sturm geschüttelt wird, beginnt sie zu schluchzen, und nach einer besonders heftigen Bö fängt sie an, hemmungslos zu weinen. Darauf übernimmt der Flugkapitän das Ruder und landet die Maschine mit sicherer Hand. Stephanie Wallachs Darstellung: Keine Träne ist geflossen. Der Flugkapitän hat nur darauf gewartet, sie kaltzustellen.

Szene 3: Die Unternehmensleitung der Versicherung John Hancock in Boston bekommt Post aus Washington. Eine zum Sozialministerium gehörende Behörde fordert das Versicherungsunternehmen auf, Name, Geschlecht, Hautfarbe, Ausbildung, Berufserfahrung, Einstelldatum, Anfangsgehalt und derzeitiges Gehalt seiner Beschäftigten mitzuteilen. Die Daten würden benötigt, um zu prüfen, ob die Personalpolitik des Unternehmens durch „Verhaltensmuster und Praktiken der Diskriminierung“ gekennzeichnet sei. Die Bosse reagieren erbost und verweigern die angeforderten Unterlagen.

Der Brief wird postwendend beantwortet: John Hancock befürchte wohl, daß die Unterlagen die Diskriminierung der Frauen beweisen könnten. Wenn das Unternehmen den Anweisungen der Behörde nicht folge, sehe sich die US-Bundesregierung gezwungen, Versicherungsverträge über mehrere Millionen Dollar zu kündigen. Antwort von John Hancock: „Wir weisen die unterdrückerische Einmischung des Staates in die freie Marktwirtschaft zurück.“ Die Behörde reicht beim Gericht eine Klage ein.

Szene 4: Die Veranstalter hatten mit 30 bis 40 Zuhörern gerechnet. Aber als das Seminar beginnt, drängen sich 500 Personen in dem engen Saal – allesamt Frauen. Thema der Veranstaltung: Wie wird eine Frau erfolgreicher Manager. Eine der beiden Rednerinnen gibt folgende Devisen aus: „Entwickelt einen stahlharten, kalten Blick: Männern fällt es sowieso schwer, einer Frau ins Auge zu schauen, und in einer bestimmten Wettbewerbssituation kann man sie mit Blicken lähmen. Zur Not auch zu Tränen Zuflucht nehmen. Denn nichts fürchten Männer mehr als weibliche Tränen. Kontrolliert eure Stimmen: Vermeidet eine schulmeisterliche, schrille Stimme. Entwickelt ein tiefes, ruhiges Sprachorgan. Seid aggressiv. Schlagt radikale Änderungen vor. Werft anderen Überängstlichkeit vor. Seid in jeder Situation der harte Falke. Fragt immer, was denn unterm Strich dabei herauskommt. Nette Mädchen sind Verlierer: Wenn jemand einen Fehler macht, werft es ihm vor. Scheut euch nicht, vor versammelter Mannschaft eine Szene zu machen. Nehmt euch einen männlichen Sekretär. Bei der jetzigen Arbeitslosigkeit ist mancher Mann froh über so einen Job.“

Szene 5: An der Bar des New Yorker „Athletic Club“ sitzen fünf Spitzenmanager. Sie haben vor wenigen Stunden erfahren, daß die dreißigjährige Jane Evans zur Generaldirektorin ihrer Firma ernannt worden ist. Eine Frau ihr Boß: Den Kummer darüber müssen sie mit Scotch und Soda ertränken. Sie sind sich einig: Nein, für eine Frau können wir nicht arbeiten. Beim ersten Zusammentreffen mit ihrem neuen Chef versichert ihnen Jane Evans selbstbewußt: „Wetten wir um fünfzig Dollar, daß Sie mit mir besser auskommen als je zuvor mit einem Vorgesetzten?“ – Ein Jahr später schicken dieselben Manager Jane Evans einen Scheck mit fünfzig Dollar – und einen Strauß Rosen.