Gespräche mit jungen

Neonazis

Von Ulrich Völklein

Rechtsradikale Jugendliche sprengen in einer Berliner Schule eine Diskussionsveranstaltungüber die Fernsehserie „Holocaust“ und ekeln im Emsland eine jüdische Familie aus der Stadt Nordhorn heraus. Sie schmieren Hakenkreuze und Hetzparolen auf Mauerwände und Schaufenster, knüppeln alte Widerstandskämpfer zusammen. Ihre „Wehrsportgruppen“ hörten Waffen, militärisches Gerät, Sprengstoff’ sogar. Dies ist nur eine kleine Auswahl der Meldungen über rechtsextremistische Umtriebe aus den vergangenen Wochen. Die nachgeborenen Neonazis pöbeln, prügeln und schießen auch schon wieder – mit scharfer Munition, wenn auch vorläufig noch nicht auf Menschen.

Das Ziel dieser Gruppen ist, so Bundesinnenminister Baum letzten Januar auf eine kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion, „die Wiedererrichtung eines dem NS-Staat vergleichbaren oder zumindest ähnlichen Systems..., sie bekennen sich offen zur Ideologie des Nationalsozialismus“. Ihre Agitation diene „der Verherrlichung von Institutionen und Personen der Hitlerdiktatur“, „der Verniedlichung und Leugnung der NS-Verbrechen“ und dem „unverhohlenen Antisemitismus“. Baum weiter: „Sie fordern offen die Abschaffung des Grundgesetzes und der Demokratie und streben einen ‚Machtwechsel‘ an, der nach ihrer Vorstellung in eine Wiedergeburt des Nationalsozialismus münden muß.“

Mit alledem sagt der Minister nichts Neues. Als Quelle seiner Erkenntnisse weist er auf die Verfassungsschutzberichte der letzten fünf Jahre hin. Trotzdem sind die mehr als hundert rechtsextremistischen, verfassungswidrigen Organisationen der nationalistischen und faschistischen Rechten mit rund 20 000 Mitgliedern samt ihren „stillen“ Förderern und Finanziers noch immer nicht verboten worden. Sogar die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ des früheren Bundeswehrleutnants Michael Kühnen, der jetzt in Celle wegen des Vorwurfs der Gründung einer terroristischen Vereinigung in Untersuchungshaft sitzt, hätte nach einer Entscheidung des Hamburger Wahlamtes trotz ihres unverhüllt faschistischen Programmes an Wahlen teilnehmen dürfen, sofern sie nur genügend Unterschriften für die Wahlzulassung zusammenbekommen hätte.

Politischer Aberwitz

Die Zahl der Jugendlichen, die sich in solchen Gruppen zusammenrotten, wächst, und alle Polizeibehörden sind sich einig in ihrer Beobachtung einer „Zunahme der Bereitschaft zur Gewalt“. Wer aber sind diese Jugendlichen, die ihr und unser Heil im Rassenwahn und im militaristischen Abenteuer suchen? Sind es lediglich die Kinder einiger Unverbesserlicher, fortgezeugte Nazis eben, oder – viel vordergründiger – ganz einfach Pfadfinder der üblen Art, die nicht wissen, wohin ihr Weg führt und was sie auf dem Marsch zu Boden trampeln? Und weiter: Zählen sie damit, schlicht zu den politpathologischen Minderheiten, mit denen eine zwangsfreiere Gesellschaft rechnen muß und die sie gerade noch ertragen kann? Eine überzeugende Antwort auf diese Fragen gibt es nicht, kann es womöglich auch nicht geben. Zu vielschichtig und vielfältig sind die Motive und Anstöße, die Menschen nicht nur politisch aberwitzig handeln lassen.

Immerhin, Heimlichtuerei muß stets dabei sein. Ohne ein Stück Verschwörung geht es nicht. Der konspirative Treff ist eine Weinstube hinter dem Hamburger Hauptbahnhof. Karsten Herschel sitzt, vor seinem Bier und liest in der Deutschen National-Zeitung. Doch dieses Erkennungszeichen, war nicht nötig. Der Siebzehnjährige ist unverwechselbar. Er sieht genauso aus, wie ein Angehöriger der rechtsradikalen „Wiking-Jugend“ auszusehen hat: kernseifensauber, mit – Topfschnitt. „Geradeaus sind wir“, sagt er, „und deshalb leise ich diese Zeitung hier in aller Öffentlichkeit.“

Die „Wiking-Jugend“ wurde 1952 gegründet, ist. in Gaue gegliedert, zählt nach eigenen Angaben an die tausend Mitglieder und bekennt sich „zu einer Lebensgemeinschaft auf völkischer Grundlage, Zu Kameradschaft und Soldatentum“. Sie will „den Volks- und Reichsgedanken fördern“. Der Bundesvorsitzende Wolfgang Nahrath,-mit 48 Jahren nicht eben jugendlich, gibt die Losung aus: „Es lebe Nordland!“, „Heil“ ist die Parole. Daß es der „Wiking-Jugend“ freilich nicht nur um Sonnenwendfeiern und germanischkaschubische Od-Verehrung zu tun ist, stellte sich vergangenen Sommer heraus. Generalbundesanwalt Rebmann eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen 21 Angehörige dieser Organisation in Schleswig-Holstein, die eine Wehrsportgruppe gegründet hatten. Ihr werden der Ankauf von Waffen, Überfälle auf Bundeswehrposten und holländische Soldaten sowie ein Banküberfall mit ’66 000 Mark Beute vorgeworfen.

Davon jedoch, sagt Karsten Herschel, habe er nichts gewußt, und „mit solchen Sachen habenwir nichts im Sinn“. ‚,Das sei schließlich Terror, der von den Linken ausgehe, „um uns madig zu machen“: „Wir gehen ins Gelände und härten uns ab, und wir machen Heimabende, zu denen jeder kommen kann.“ Jeder wohl doch nicht. Denn drei Versuche, an solchen Heimabenden teilzunehmen, schlugen fehl: „Euch Schreiberlinge von der Judenpresse brauchen wir nicht“, befand ein Fähnleinführer.

Vor drei Jahren ist Karsten Herschel der „Wiking-Jugend“ beigetreten: „Am Anfang meiner Schlosserlehre habe ich in der Berufsschule einen Kollegen kennengelernt, der war schon dabei. Der hat mich eingeladen mitzukommen. Das hat mir dann gut gefallen.“ Gefallen hat ihm das Gruppenleben, „die Kameradschaft und so, und daß wir was Besonderes sind, nicht so schlapp wie die Typen, die in den Discos rumhängen“. Karstens Vater war gegen den Beitritt. „Der hat immer gesagt, das ist wie bei der Hitlerjugend, und da habe ich gesagt: Na und, und daß uns das schon lange fehlt, dann waren wir nämlich, nicht so schlapp und würden nicht jedem die Millionen reinschieben, der gerade vorbeikommt.“

Karstens Vater ist 54 Jahre alt und Vertreter für Heimtextilien. Die Mutter näht zu Hause, die beiden Schwestern sind verheiratet. Karsten ist der Nachzügler und hat, wie er selber sagt, „nur“ die Volksschule besucht. „Aber bei uns macht das nichts, da zählt jeder gleich. Da kommt’s nur drauf an, was für ein Kerl du bist, ob du gehorchst, bedingungslos. Wenn mit dir was anzufangen ist, dann bist du oben, dann befiehlst du.“ Und so soll es auch sein, denn „das ständige Rumquatschen ist doch Mist, da kommt doch nichts bei raus – schau dir doch mal die Bundeswehr an, die schlappen Säcke, da ist es ja bei den Kommunisten besser“.

Karstens Deutschland muß mindestens das uralte sein: in den Grenzen von 1914, „aber mit der Ostmark (Österreich) und dem Sudetengau“. „Das Altreich müssen wir zurückkriegen, das haben sie uns in zwei Kriegen geraubt.“ Wer sind „sie“? „Die Finanzsäcke in England und Amerika und die Juden und die Kommunisten.“ – „Klar, freiwillig rücken die das nicht mehr raus, dazu müssen wir sie zwingen.“ Und wie er sich das vorstellt? „Es müssen sich alle nationalen Menschen in allen Ländern zusammentun, und dann müssen die gegen die Bonzen aufstehen und ihre Forderung stellen, und wenn die nicht wollen, dann werden sie an die Wand gestellt, ganz einfach.“

Da will Karsten mitmachen, und dafür bereitet er sich vor. Seine ersten „Einsätze“ hat er schon hinter sich – zwei Sommerlager, und „Flugblätter habe ich auch schon verteilt“. Außerdem hat er mit zwei Freunden einen Informationstischder „Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner“ in der Hamburger Mensa „kleingemacht“. Genauso kleingemacht gehörte, wenn es nach ihm ginge, jeder, der schlapp ist und „alle Roten, und die Juden müssen raus“. Den Juden allerdings würde Karsten Herschel, anders als den Kommunisten und Sozialdemokraten, noch eine kurze Frist gönnen, damit „sie endlich die Platte putzen“.

Schwierigkeiten mit seinen politischen Auffassungen oder mit seiner Zugehörigkeit zur „Wiking-Jugend“ hat Karsten Herschel bisher noch nicht gehabt: „Wieso denn? Wir sagen doch nur das, wozu die Schlappen zu feige sind.“ Nur ein Berufsschullehrer hätte mal versucht, auf ihn einzuwirken. „Der macht das auch nicht mehr. Dem habe ich gesagt, wenn er Stunk will, dann kann er ihn kriegen, dann kommt er auf die Liste.“ Die neue Hitlerjugend

Olaf Schmidt ist 15 Jahre alt und Mitglied im „Bund Heimattreuer Jugend“. Diese Organisation besteht seit 1960, wurde 1962 mit einem Uniformverbot belegt (das sie freilich nie beachtet hat), zählt, wiederum nach eigenen Angaben, rund tausend „Gefolgschaftsleute“ und, setzt bewußt die Tradition der Hitlerjugend fort. Der Bund arbeitet mit zahlreichen rechtsextremistischen Vereinigungen, auch aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien, zusammen. Ehrenmitglieder sind der SA-Poet Herbert Böhme und der Stuka-Oberst Hans-Ulrich Rudel. „Die bündische und die weltanschauliche Tätigkeit“ zählen nach den Worten des BHJ-Bundesführers Gernot Mörig zu den Aufgaben der Vereinigung. Das weltanschauliche Programm bekennt sich zum uneingeschränkten „Führerprinzip“, der „Volks- und Arterhaltung“, der Forderung nach „Lebensraum“ und zu einem deutschen Nationalismus, der seinen organisatorischen Rahmen allerdings noch finden, muß.

Olaf hat keine Geschwister, ist Realschüler und besucht die 10. Klasse. Sein Vater wurde 1936 in Insterburg/Ostpreußen geboren, ist Mitglied der ostpreußischen Landsmannschaft und hat die NPD verlassen, weil dort – so der Sohn – „keine deutsche Politik mehr gemacht wird“.

Politische Meinungsverschiedenheiten zwischen Vater und Sohn gibt es nicht. Beide sind der Auffassung, daß „schon Adenauer mit dem Ausverkauf unserer Heimat angefangen hat“. „Rettung“ versprechen sie sich allein von einer „Regierung der nationalen Konzentration“, die freilich nicht auf parlamentarischem Wege zustandekommen könne. „Erst wenn es den Deutschen wieder einmal richtig dreckig geht“, meint der Vater, und der Sohn nickt dazu, „werden sie nach einem Führer rufen.“ Bis dahin lieferten sie sich lieber „dem Luxus, der Überfremdung und der Faulheit“ aus, während es „von uns Wenigen abhängt, den nationalen Gedanken wachzuhalten und dafür zu sorgen, daß dann ein Führer da ist“.

Vom letzten „Führer“, von Adolf Hitler, vom historischen Nationalsozialismus und von den begangenen Verbrechen weiß Olaf wenig. „In der Schule besprechen wir jetzt das Dritte Reich, aber was da erzählt wird, ist nur Propaganda.“ Beispielsweise, daß Hitler planmäßig Kriegspolitik betrieben, daß er das deutsche Volk unterdrückt hätte, daß Millionen Juden vergast worden wären. Alles das stimme doch vorn und hinten nicht, es seien „Erfüllungslügen, die von den Siegermächten in unsere Geschichtsbücher geschrieben worden sind“.

Von seinem Vater und von den Kameradschaftsabenden des BHJ wisse Olaf das besser. „Hitler hat keinen Krieg gewollt. Der Zweite Weltkrieg ist uns wie der erste von der internationalen Großfinanz aufgezwungen worden. Wir wollten keinen Krieg. Wir haben nur unsere nationalen Rechte angemeldet und wollten in Frieden leben. Und das deutsche Volk hat nie freier gelebt als unter dem Nationalsozialismus.“ Frei leben unter etwas? „Sicher, wir Deutschen wollen eine Ordnung. Wir sind das einzige Volk, das eine richtige Ordnung will.“ Und das mit den Juden: „Vergast worden ist kein einziger. Ein paar sind erschossen worden, nämlich die, die gegen uns gearbeitet haben. Die Gasduschen haben die Sieger nach dem Krieg gebaut, damit sie uns was anhängen können.“ Das erzählt Olaf auch seinen Klassenkameraden, und drei von 27 Mitschülern will er immerhin schon überzeugt haben: „Die anderen sind noch zu verbohrt. Ist ja auch kein Wunder.“

Putsch à la Pinochet

Fritz Waldmann studiert Hüttentechnik an der Technischen Hochschule in Clausthal-Zellerfeld. Er ist 23 Jahre alt, Mitglied der „Jungen Nationaldemokraten“ und bemüht sich seit vier Semestern mit zwei Kommilitonen ebenso verbissen wie ergebnislos, um den Aufbau einer nationaldemokratischen Hochschulgruppe: „Mit einigen Verbindungsstudenten haben wir guten Kontakt. Aber immer dann wenn ’s losgehen soll, kneifen die.“

Die „Jungen Nationaldemokraten“ sind – seit 1967 – die Jugendorganisation der NPD, allerdings ungleich radikaler als die Mutterpartei; angeblich haben sie „über 3000 Mitglieder und Sympathisierende“. Ihr Programm, die „neue Antwort auf die neuen Fragen“, ist eine „Fortentwicklung des historischen Nationalsozialist mus“, vor dessen „intellektuellen Grundlagen die Umerzieher Angst haben“. Im wesentlichen enthält das Programm folgende Forderungen: „Gegen das internationale Bonzentum“, „gegen die Wegbereiter des Kommunismus“, „für die Ehre der Nation“, „gegen die Tributknechtschaft“, „für das lebensrichtige Menschenbild“, „gesunde Kultur in einem gesunden Volk“ und, natürlich, „Deutschland ist größer als die Bundesrepublik“. In letzter Zeit sind noch einige ökologische Plattheiten dazugekommen.

Fritz Waldmann wurde in Gelsenkirchen geboren. Sein Vater ist nach einem Arbeitsunfall Frührentner geworden, die Mutter geht putzen, „weil dieser Scheißstaat nur Bücklinge vor dem Großkapital macht, statt einem ehrlichen Arbeiter die kaputten Knochen zu bezahlen“. Der Vater war Mitglied der NSDAP, ist jetzt parteilos. „Dem haben sie in vier Jahren russischer Kriegsgefangenschaft das Rückgrat gebrochen. Von Politik will er nichts mehr wissen.“ Trotzdem hat er offenbar seinem Sohn nichts in den Weg gelegt, als dieser schon mit 14 Jahren dem rechtsextremistischen „Jugendbund Adler“ beitrat und später bei den Nationaldemokraten Karriere machte: „Mein Vater hat keinen Saft mehr in den Knochen, aber wir Jungen, wir fechten’s besser aus.“

Eine Freundin hat Fritz Waldmann nicht. Dazu habe er keine Zeit, sagt er, und sein Hobby sei Deutschland. Was ihm sonst noch zu schaffen macht – allerdings mehr aus der Beobachtung heraus, denn „in Clausthal läuft da nichts“, das ist die „Verjudung der Wissenschaft“ und das sind „die Roten, die aus allen Löchern kriechen, weil keiner Manns genug ist und sagt: Bis. hierher und nicht weiter“. Rote allüberall, wohin man nur schaue. Aber was könne man schon anderes erwarten, nachdem, „die Sozis 1969 im Staatsstreich an die Regierung gekommen sind“.

Fritz Waldmann trinkt wie ein Bierkutscher, sein Blick wird stammtischtreu. „Du mußt wissen“, versichert er, „daß uns nichts mehr überraschen kann. Wir, wir Deutschen, sind nach dem Krieg durch die Hölle gegangen und dabei hart geworden. 34 Jahre wurden wir unterdrückt und ausgesaugt und immer nur betrogen. Das machen der deutsche Arbeiter und der deutsche Bauer und alle ehrlichen Deutschen nicht mehr lange mit. Dann stehen wir auf, und die Welt wird Augen machen. Dann ist Schluß mit Kriegsschuldlüge, mit dem ewigen Zahlen und mit Rotfront in Bonn. Dann holen wir uns unser Recht.“

Wann wird das sein und mit wem? „Das dauert nicht mehr lang, und dazu brauchen wir keine Mehrheit –, dazu brauchen wir nur noch ein paar mehr, und die Kontakte, die wir brauchen, die haben wir schon.“ Also Putsch nach Pinochet-Art? „Ihr werdet’s erleben.“

* Die Nachnamen der in diesem Bericht vorgestellten Rechtsradikalen wurden, soweit sie nicht allgemein bekannt sind, aus Gründen des Personenschutzes verändert.