Von Richard Schmid

Tübingen bleibt ein Thema auch nach dem Jubiläumsjahr und den Büchern darüber. Aber wie soll man bei diesem Thema objektiv bleiben, wenn man aus langer persönlicher Erfahrung eine entschiedene Meinung über diese Stadt mitbringt? Es ist zu befürchten, daß sich diese Meinung bei der Besprechung der beiden neuen Bücher über Tübingen nicht ganz unterdrücken läßt –

„Das andere Tübingen – Kultur und Lebensweise der Unteren Stadt im 19. Jahrhundert“, von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Martin Scharfe herausgegeben von Hermann Bausinger; Verlag der Tübinger Vereinigung für Volkskunde e. V., Tübingen, Schloß, 1978; 398 S., 20,– DM;

„Genius Loci – Gespräche über Literatur und Tübingen“, herausgegeben von Peter Roos; Verlag Günther Neske, Pfullingen, 1978; 255 S., 28,– DM.

Beim ersten Buch merkt man bald, daß es mit der eigenen Sachkunde doch nicht so weit her ist. Es ist eine vorzüglich dokumentierte, illustrierte, kommentierte, noch nie geleistete Arbeit über jenes Drittel der Stadt, von dem Goethe in seiner Schweizer Reise von 1797 berichtet, es sei „äußerst schlecht und bloß notdürftig gebaut“, die Untere Stadt, in der die ehemaligen Weingärtner oder „Gôgen“ wohnen. (Das ô leicht nasal und mit einer Nuance von a zu sprechen). Ein Stadtteil und eine Bevölkerung, die früher vom bürgerlichen und akademischen Tübingen als derb und ungebildet verachtet oder ignoriert wurden, später als „folkloristische Besonderheit“ zu einem Teil des romantischen Tübingen erhoben. „Der Zuckerguß der idyllischen Darstellung überzieht nun die ganze Stadt“; „der historische Inhalt wird durch Patina ersetzt“. Die Derbheiten, die Gôgenwitze und -geschichten werden kolportiert, gesammelt, vertrieben und schließlich gar zum Gegenstand und Mittel der geschäftlichen Werbung. Das alles natürlich von außen und oben gesehen, von der akademischen oder bürgerlichen Umwelt.

Das Buch versucht nun die Perspektive von unten her, indem es die Geschichte des Stadtteils im letzten Jahrhundert ausbaggert. Aus den Geschichten wird wieder Geschichte, Sozial- und Kulturgeschichte im besten Sinne. Für die Untere Stadt war das 19. Jahrhundert eine höchst kritische Zeit, in der sich die Gegensätze zur Umwelt und die Krisen stark zugespitzt haben und in der sich das kristallisiert hat, was heute mit jener Patina der Idylle überzogen ist. Die Landwirtschaft der Unteren Stadt war von jeher armselig und rückständig. Die enge, slumartige Siedlungsweise, die Beschaffenheit und Entfernung der angebauten Grundstücke, hauptsächlich Steillagen und durch Naturalteilung entstandener von minimalem Umfang, erlaubten nur mühsame Handarbeit und verhinderten jeden Fortschritt. Der ohnehin elende Weinbau litt bis 1848 unter Feudallasten, dazu kamen Rebkrankheiten und weit überlegene Konkurrenz anderer klimatisch begünstigter Gebiete. Um die Viehweiden vor dem Neckartor, von den Herren Professoren und Studenten als Promenadenalleen beansprucht, brach geradezu ein Aufstand aus. Das Buch hat einen peinlichen Artikel des Herrn Professor Friedrich Theodor Vischer dazu ausgegraben.

Die Gogen wurden zu armen Taglöhnern und Gelegenheitsarbeitern. Industrie wurde abgeschreckt. In der „Tübinger Chronik“ vom 17. April 1847 stand folgendes Manifest: „Ich frage nun, ist eine solche Bevölkerung für Tübingen ein Vortheil? – Würde die Universität, auf ihr Wohl bedacht, nicht gegen eine solche Umgebung protestieren müssen? – Wie gefährlich könnte eine solche Rotte werden? Hört man nicht täglich von Aufständen der Fabrikarbeiter? Wenn sie auch nicht mehr so häufig die Fabrikgebäude niederbrennen, so sind doch Leute, die nichts zu verlieren haben, der verwegensten, gefährlichsten Unternehmungen fähig. Die Communisten finden hier ihr wahres Futter. Wehe uns, wenn wir der Despotie der rohen Massen preisgegeben würden!“