Erstmals seit Kriegsende schloß die Handelsbilanz mit einem Überschuß

Ein kleiner italienischer Verleger in Cuneo ist wohl der einzige Industrielle der Welt, dem der Umsturz in Iran sofort mehr Aufträge verspricht. Mit seinen zehn Arbeitskräften hat er sich nämlich auf den Druck des Koran spezialisiert. Von Libyens Ghadaffi erhielt er einen Großauftrag für eineinhalb Millionen des heiligen Buches, nach dem er mit standesamtlichen Dokumenten nachgewiesen hatte, daß er kein Jude sei

wie der Verleger aus Cuneo haben sich Zehntausende von italienischen Familienunternehmen auf den Export von Spezialerzeugnissen geworfen, die ihnen irgendwo in der Welt abgekauft werden. Denn, "wir verkaufen alles an alle", erklärt Italiens Außenhandelsminister Rinaldo Ossola: "Plastikbecher nach Indien, venezianische Barockbetten an Scheiche, Wollpullover nach Neuseeland, Reis nach Südostasien und so viel Schuhe nach Frankreich, daß sich die französischen Schuhhersteller jetzt bei der EG-Kommission beschwert haben, Italiens Industrie unterbiete in illegaler Weise die nationale Produktion, im Preis um fünfzehn bis zwanzig Prozent. "Wir selbst konnten deshalb im letzten Jahr dreißig Millionen Paar Schuhe weniger herstellen und achtzehn Millionen Paar weniger auf dem Weltmarkt verkaufen", klagen die Franzosen.

Wie die Franzosen über italienische Schuhe, so klagen die Deutschen darüber, daß ihnen der italienische Nachbar zu billig Baustahl und Damenstrümpfe ins Haus liefert. In Rom zuckt man die Achseln. Man weiß, daß viele tausend Familienunternehmen irgendwo irgendwas herstellen, von dem der Staat offiziell keine Kenntnis erhält. In den römischen Ministerien wird der Anteil dieser nicht in der amtlichen Statistik geführten Tätigkeit auf zwanzig bis dreißig Prozent des gesamten Sozialproduktes geschätzt. Auch Fiat-Chef Giovanni Agnelli kommt zu ähnlichen Ergebnissen, nachdem die volkswirtschaftliche Studienabteilung seiner Gruppe sich mit der Frage befaßt hat. Italien ist demnach wirtschaftlich viel kräftiger, als es aussieht.

Und diese Kraft hat sich im vergangenen Jahr in einer Exportoffensive niedergeschlagen. So kam das Statistische Bundesamt in Wiesbaden jetzt zu dem erstaunlichen Ergebnis, daß die italienische Ausfuhr Richtung Bundesrepublik um 11,8 Prozent auf 23,17 Milliarden Mark gestiegen ist, während der umgekehrte Strom nur um 3,7 Prozent auf 19,42 Milliarden Mark wuchs. Auch überraschend: Italien lieferte allein für zwanzig Milliarden Fertigwaren nach Deutschland – mehr als die gesamte deutsche Ausfuhr nach Italien. Bei der deutsch-italienischen Handelskammer in Mailand stehen italienische Kleinunternehmer Schlange, die Handelsvertreter für die Bundesrepublik suchen.

Daß Italiens Handelsbilanz für 1978 erstmals seit Kriegsende mit einem geringen Überschuß abschließt, verdankt das Land diesem Netz von Klein- und Mittelunternehmen, welches sich längs der Autobahnen und Nationalstraßen über fast ganz Nord- und Mittelitalien ausbreitet. Unter Freunden und Verwandten und mit Hilfe der Nachbarn produziert sich’s unbeschwert von Gewerkschaften und Behörden. Und während die subventionierte Staatsindustrie Milliarden Verluste bringt, weil sie an bürokratischer Starrheit und sozialen Auflagen erstickt, verdienen die wenigen Kleinbetriebe gut, sobald sie irgendwo in der Welt eine Marktnische gefunden haben.

So importiert Italien für 300 Millionen Mark Rohwolle und exportiert aber gleichzeitig für 1,5 Milliarden Mark Wollstoffe und Wollkleidung. Italiens Lederverarbeiter führen für 640 Millionen Mark gegerbte Häute ein und verkaufen für 3,8 Milliarden Mark Lederwaren im Ausland – gar nicht gerechnet die Millionen Schuhe, Ledergürtel und Ledertaschen, die ausländische Touristen mitnehmen.