Die Geschichte der Zensur ist vor allem eine Geschichte der Proteste gegen sie... Im siebzehnten Jahrhundert beschreibt in England John Milton die sozialen Konsequenzen von kultureller Vielfalt und Zensur: „Wenn wir meinen, durch Regulierung des Druckens die Sitten bessern zu können, so müssen wir auch alle Erholung und Kurzweil regulieren, alles, was für den Menschen ergötzlich ist. ... Es muß Tanz-Zensoren geben... Man darf die Leute nicht wie jetzt dahinschwatzen lassen, sondern muß ihnen Lizenzen erteilen für das, was sie sagen dürfen...“ Die juristische Interpretation von Zensur stimmt mit der politischen selten überein ... Politisch gesehen, ist der Zensurbegriff ganz unzureichend definiert, weil er die politischen Einflüsse nicht ausschalten kann, die sich als Verhinderung, Unterdrückung und als Erlaubnisvorbehalt oder Verbotsvorbehalt auswirken. Diese Einflüsse sind subtil und durch den juristischen Zensurbegriff keineswegs erfaßt... Es ist notwendig, den Zensurbegriff der dem Artikel 5 des Grundgesetzes zu Grunde liegt, neu zu durchdenken und neu zu definieren... Hätten wir einen weiter gefaßten Zensurbegriff wie den von John Milton, so wäre uns politisch wohler.

Christa Dericum: „Kulturzensur“, in „Vorgänge“ 37,1/1979.

BILD-hafte Justiz

Günter Wallraff ist bei so mancher Obrigkeit unbeliebt. Gera läßt man ihn das bei passender und unpassender Gelegenheit spüren. Kürzlich wurde sein Audi bei einer Baustelle mit 42 km/h überhöhter Geschwindigkeit geblitzt. Den Wagen fuhr nach Wallraffs Auskunft ein schwedischer Kollege, dessen Namen und Adresse er der Polizei angab. Das darf nun nicht stimmen Die „weibliche Person“ auf dem Photo neben dem Fahrer soll partout Wallraffs Frau sein, obwohl sie zur „Tatzeit“ nachweislich auf ihrer Arbeitsstelle war. Der Fahrer – das Bild ist unscharf – soll partout Wallraff sein, obwohl selbst der Polizeihauptwachtmeister, der Wallraff in seiner Wohnung aufsuchte, an seine Dienststelle meldete: „An Hand des Frontphotos kann Herr Wallräff nicht als Fahrer identifiziert werden.“ Streitwert 200 Mark. Eine Lappalie? Keine Lappalie – weil die Polizei, man glaubt es nicht, Photos an die BILD-Zeitung Hannover schickte mit der Bitte, jene Mitarbeiter (die mit Wallraff noch heute in Prozesse verwickelt sind) mögen ihn identifizieren, er müßte dort – wörtlich, mit polizeieigenen Anführungszeichen – ja noch in „guter“ Erinnerung sein. Die Frechheit fährt mit der Dummheit um die Wette. Polizeilogik: Wenn ein Bild nicht scharf ist, wird BILD es schon scharf machen.

Tempo Kassel

Zu jeder documenta, dieser internationalen Supermesse zeitgenössischer Kunst, gehörte bisher dazu: das langfristige Vorausgeraune über die möglichen Macher, der Handel mit Namen und Konzepten, die Gerüchte und Gegengerüchte. Diesmal aber, will sagen im Hinblick auf die documenta 7 (sie soll 1982 eröffnet werden), ging alles ganz anders. Anfang März kam, locker aus der Hüfte geschossen, die Mitteilung, daß Rudi Fuchs, Ausstellungsmacher und Minimalkunst-Spezialist aus dem holländischen Eindhoven, zum künstlerichen Leiter der d7 ernannt sei. Und dann folgte gleich am 21. März eine Einladung zu einer für den 22. März anberaumten Pressekonferenz, bei der Rudi Fuchs und Kasseler Verantwortliche „zum Gespräch zur Verfügung stehen“ sollten. „So schnell waren wir noch nie“ lautete der lausbübische fernschriftliche Eigenkommentar des Magistratssprechers zu dieser Einladung. Die Pressevertreter, die sich nicht mehr imstande sahen, über Nacht ihre Terminkalender auf Tempo Kassel umzustellen, hatten eher den Eindruck, daß diese Pressekonferenz zur Verhinderung der Anwesenheit von Presse geplant war. Das katastrophale Echo, das die Präsentierung des „Medienkonzepts“ der documenta 6 im deutschen Blätterwald ausgelöst hatte, wollte man sich wohl diesmal ersparen. Ob Schnelligkeit in diesem Fall keine Hexerei ist, wird man sehen.

Berliner Satir-Spiel

„Die Auswahl ist nicht nur kläglich, sie hat Konsequenz“, schrieb Benjamin Henrichs am 16. März in einem ZEIT-Kommentar zu dem frappanten Resultat der Kritiker-Jury für das Berliner Theatertreffen: Statt der möglichen zehn waren nur fünf Stücke gewählt worden. Es war ein Appell an die Jury, den Beschluß zu überdenken – das tat sie nun; in einer außer-turnusgemäßen Sitzung (in der die Satzungen geändert wurden)) wählte man die Antigone-Inszenierungen von Christof Nel (Frankfurt), Ernst Wendt (Bremen) und Niels-Peter Rudolph (im Berliner Schiller-Theater) hinzu, außerdem die zuvor zurückgewiesenen Aufführungen der „Maria Stuart“ in der Regie von Nicolas Brieger (Bremen) und Robert Wilsons großes Berliner Augen-Spektakel „Death Destruction and Detroit“.