Aphorismen aus Israel

Von Joachim Günther

Sphorismen sind eine literarische Kurzform, aber nicht Kleinigkeiten oder Abfälle, wie es die gängige Übersetzung des aus dem Griechischen kommenden Wortes mit "Gedankensplitter" nahelegt. Hinter der Übersetzung steckt die hochmütige philosophische Tradition des deutschen Idealismus, für die ernstzunehmende Gedanken nur in Gestalt eines Systems existieren. Aphorizein heißt aber erwählen, aussondern, bestimmen, nicht absplittern.

Mit dem Aphorismus knüpft das Denken über die Zeiten hinweg eher Verbindungen mit vorsokratischen Traditionen oder biblischer Spruchweisheit an als mit Philosophie als "Wissenschaft". Den Aphorismus gibt es in Deutschland seit Lichtenberg. Nietzsche hat ihn als die Form der Ewigkeit bezeichnet. Unlängst hat eine bei Reclam erschienene Anthologie deutschsprachige Aphoristiker aus den letzten zwei Jahrhunderten vorgestellt. Die Auswahl konnte nur unvollständig sein. Der Aphoristiker, dessen fünftes kleines Buch dieser Art hier angezeigt werden soll, Elazar Benyoëtz war nicht vertreten. Vom hebräischen Namen hier konnte das verständlich sein, sogar von der (israelischen) Nationalität. Wenn man die Sprache als Kriterium nimmt, ist Benyoetz aber ein deutscher, also nicht erst übersetzter Aphoristiker.

Er ist noch etwas anderes, in seiner Art Ungewöhnlicheres: ein Aphoristiker der "gutartigen" Variante. Eine solche Unterscheidung setzt auch die Existenz des Gegenteils voraus. Sieht man an, was in der Regel als Aphorismen verkauft wird, in Zeitungen, Zeitschriften, ist dies Gegenteil sogar weit häufiger. Ein rechter, sitzender Aphorismus scheint allemal bösartigen Scharfsinn zur Voraussetzung zu haben. Auch dies ist jedoch ein Vorurteil. Weder Goethes "Maximen und Reflexionen" noch die Aphorismen der Ebner-Eschenbach sind bösartig, so scharf gedacht sie auch sind. Entsprechendes gilt für Jean Paul, Jacobi, Schlegel, Grillparzer, Feuchtersleben, sogar Hebbel oder Gerhart Hauptmann. Man kann also eher von zwei Strängen als von einer Idealgestalt sprechen.

Der Israeli Elazar Benyoetz hat inzwischen fünf Aphorismenbücher nicht nur geschrieben, auch publiziert, was nicht selbstverständlich ist, weil auch mit guten Aphorismenbüchern verlegerisch in der Regel kein großes Geschäft zu machen ist – ähnlich wie mit Lyrikbänden, zu denen eine entfernte Beziehung besteht; Benyoetz’ Aphorismen sind insofern formstreng, als sie die Ein-Satz-Gestalt ("Einsätze") wahren, also nicht ins Aperçu ausscheren. Das hat Vorteile und Nachteile. Der Ein-Satz-Aphorismus ermüdet leichter, wenn man viele von ihm hintereinander liest. Andererseits gilt eben dies als Sakrileg am Aphorismus. Bei Benyoetz selbst hat die Frage folgenden aphoristischen Ausdruck gefunden: "Ein Gedanke, der sich in einem Satz erschöpft, ist beschränkt; ein Gedanke, der sich auf einen Satz beschränkt, ist unerschöpflich." Das Beispiel zeigt deutlich, mit welcher subtilen Sprachdialektik dieser Aphoristiker formuliert.

Das Bändchen enthält rund fünfhundert Aphorismen. Eine Gliederung macht sich nur andeutungsweise geltend, indem der erste größere Abschnitt mehr ins Inhaltliche (von Leben und Tod, von Welt und Gott) zielt, während im zweiten Teil das Wort, die Form, die Sprache stärker thematisiert werden. Jeder Aphoristiker charakterisiert sich am besten selbst, indem man ihn zitiert, statt einen Referatsversuch zu machen: "Der eine ist mit Wissen gesegnet, der andere ausgerüstet." "Das Gespräch findet sein Ende im Interview." "Die Sprache der Propheten war nicht auf Gefolgschaft gerichtet, sondern auf Gehörschaffung". "Die Zukunft sitzt ans im Nacken." "Wer von Gott weiß, ist nicht so dreist, etwas über ihn zu wissen."

Das letzte Beispiel zeigt, daß Benyoetz keine Sorge um seinen kritischen Scharfsinn zeigt, wenn er die kurze Vokabel Gott im traditionellen Sinn verwendet. Eben das dürfte der Hauptgrund sein, daß man ihn – wie geschehen – unter die "gutartigen" Aphoristiker einreihen kann. Die Welt ist für ihn "heil", solange "die Ideen in der Luft bleiben", und "ein glücklicher Augenblick" heißt für ihn: "Ich fühlte mich unbegrenzt in meiner Sterblichkeit. Solche und viele andere auf dieser Spur laufende Sätze rücken das Büchlein ab vom Aphorismus der aggressiven psychologischen oder gesellschaftskritischen Variante. Der Autor genießt bei uns nur erst Atelierruhm, seine Antwort darauf heißt: "Kommt meine Zeit, dann bin ich ausgegangen."

Aphorismen aus Israel

Fin reiches, tiefes und – eben auch – frommes Buch.

Elazar Benyoetz: "Eingeholt – Neue Einsätze"; Hanser, München, 1979: 96 S., 9,80 DM