Der "Stiller"-Roman des damals 43jährigen Max Frisch erschien 1954. Das Buch wurde sogleich als bis dahin gewichtigstes Werk des Schweizer Autors begriffen und interpretiert. In der Form einer keineswegs risikolosen, sondern manchmal recht gewaltsam durchgeführten und abgeschlossenen "Ich"-Erzählung (deren Abrundung das "Nachwort des Staatsanwaltes" besorgte) schien ein Roman gelungen, mit dem Frisch – der damals schon recht berühmte Autor einiger Dramen und vor allem des "Tagebuchs 1946–1949" – die Erfahrungs- und Kunstsumme seiner bisherigen Existenz gezogen hatte. Und da die beschreibende, die plastische, die manchmal rauschhaft metaphorische Kraft von Frischs anstrengungslos vergegenwärtigender, oft zwingend ironisch-kritischer Sprache stets weit über das hinausreichte, was der Autor an sehr ich-bezogener (damals sagte man dafür "existentieller") Daseinserkundung mitzuteilen offenbar beabsichtigte; war der "Stiller" von Anfang an nicht nur als Frischs "Chef d’Œuvre" erkennbar, sondern auch als ein wichtiges Datum unserer neuen Literaturgeschichte. Ein Problemroman mit faszinierendem Überschuß an Sprach- und Bildkraft. Eine Prosa, die alles zu gestalten vermag, was sie angreift, und dazu noch den Zweifel an sich selber. Das war 1954 ein Ereignis (und ist es bis heute).

Natürlich veränderte "Stiller" die literarische Landschaft. Eben erst hatte ja Bölls "Und sagte kein einziges Wort" oder Ingeborg Bachmanns Lyrikbändchen "Die gestundete Zeit" gewisse Umrisse einer entstehenden "modernen" deutschsprachigen Nachkriegsliteratur erkennen lassen. Aber den Günter Grass, den Kluge, den Uwe Johnson, den Hochhuth oder den Peter Weiss "gab" es sozusagen noch gar nicht – und Bücher wie Elisabeth Langgässers "Unauslöschliches Siegel", wie Thomas Manns "Dr. Faustus" oder wie die "Strahlungen" von Ernst Jünger waren noch jung und vieldiskutiert, auch wenn sie aus einer anderen Epoche herübergekommen schienen. So lag damals die Annahme nahe, daß die Kontinuität des literarischen Lebens in der seinerzeit begreiflicherweise vielbeneideten (unzerstörten) Schweiz es Autoren wie Frisch und Dürrenmatt (der die Bühne zu erobern begann) möglich gemacht habe, jene literarische Kontinuität weiterzuführen, die in der Bundesrepublik abgerissen war.

Anatol Stiller, der Bildhauer, bemüht sich, seiner Vergangenheit zu entrinnen. Er gibt sich einen neuen Namen, wird aber – dies die Handlung des Romans – auf der Durchreise durch die Schweiz verhaftet. Und zwar unter den Verdacht, er sei eben nicht der vorgebliche Mister White, sondern jener verschollene Herr Stiller, der seine Frau verlassen und sich anscheinend sogar in eine Spionageaffäre verwickelt hat.

"Ich bin nicht Stiller", mit dieser ebenso entschiedenen wie auf die Dauer hoffnungslosen Lüge versucht das erzählende Ich, der Identifikation mit jenem einstigen Stiller zu entkommen. Denn dieses Ich will nicht auf das festgelegt werden, was Stiller gewesen zu sein scheint, was aber in Wirklichkeit oder Idealität der wahre Stiller nicht sei! Der Autor benutzt – mit der Frische des "zum erstenmal" – Techniken, die er in seinen späteren Werken ("Homo Faber", "Mein Name sei Gantenbein", "Biographie"), noch oft anwenden wird. Auch der "Stiller"-Roman ist also eine tagebuchartige Aufzeichnung von Geschehnissen und Erinnerungen. Um sich erkennbar zu machen, genügt dem erzählenden Ich die Totenmaske der sogenannten Fakten nicht. Darum flunkert Stiller, er erfindet, windet sich, antwortet beispielsweise seinem sich über "Märchen" beschwerenden Verteidiger, er könne nur mit "Märchen" verteidigt werden, was diesen Juristen in einige Verlegenheit versetzt

Doch die Vergangenheit, in Gestalt der ehemaligen Gattin, des Bruders, einer Geliebten (sie ist die Frau des sympathischen Staatsanwaltes) holt Stiller ein. Zum Schluß resigniert er. Er "nimmt" sich – anscheinend auch sein Schweizertum – "an", und er verliert Julika (mit der das Zusammenleben natürlich auch beim zweitenmal mißlang) endgültig, bleibt erstarrt allein.

Frisch müßte nicht der große Schriftsteller sein, der er war und ist, wenn er aus dieser Konstellation nicht die Spannungen und Funken mannigfacher lebensphilosophischer Einsichten und Zuspitzungen hätte herausholen können. Stiller, der aktive Antifaschist, der im Spanienkrieg dabei, dort aber ein "Versager" war, Stiller, der charmante Freund und Gatte, der liebt – aber nicht glücklich zu machen weiß. (Kein Wunder, da die schöne Gattin als ein frigides, schamlos selbstbezogenes Meertier erscheint.) Stiller, das "Ich", das sich nicht festgestellt wissen will, weil es in oder neben dem stets versagenden, leibhaftig handelnden Ich ein anderes Ich-gibt, das eine andere Vorstellung von sich hat: Darüber hat die Lese-Öffentlichkeit, die Literaturkritik und auch die akademische Frisch-Forschung heftig zu analysieren und zu spekulieren gehabt, bis sich die Borde der Frisch-Sekundärliteratur bogen.

Glücklicherweise wurde unterhalb dieser manchmal anstrengenden, partiell neuromantischen Lebensphilosophie die konkrete Meisterschaft eines tiefbetroffenen Erzählers erkennbar, der die Probleme menschlicher Zweisamkeit unübertrefflich darzustellen vermochte, aus der Warte eines verirrten Bürgers mit guten Manieren,

Diese Funde und Vorzüge des Romans erschließen sich – wenn man ihn nur liest – von selbst. Auch ist fast unübersehbar, daß Frisch der Schweiz eine beklommene Angst vor der Zukunft vorhält, nachdem sie einst fortschrittlich gewesen sei (im 19. Jahrhundert), oder daß er eine tiefsinnige Kulturkritik entfaltet im Zusammenhang mit unserer hauptsächlich reproduktiven Zeit. Wie soll der Unterschied zwischen Erfahrung, Flunkerei und Lüge sinnfällig zu machen sein, wenn es möglich und üblich ist, alles aus zweiter Hand zu erleben?

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Mag die Fülle dieser Themen und Betroffenheiten auch noch so imponierend sein: Die eigentliche Kraftquelle des Romans liegt anderswo. Aber das konnten wir 1954, ja auch 1964 eigentlich noch nicht ahnen. Erst das letzte Jahrzehnt lehrte, warum "Stiller" in Wahrheit so aufregend ist! Man unterschätzt nämlich den Roman, wenn man meint, unterhalb der Jebensphilosophischen Allgemeinheiten handele er doch nur – ebenso fesselnd wie privat – davon, wie Mann und Frau füreinander zum Schicksal, zum Kreuz werden können oder müssen. Das allein ist es nicht. Stillers subjektives Nichtkönnen geriet zur Prophetie objektiver Frustration.

Ich will das stichworthaft zu begründen versuchen. Stiller ist ein Gegner des Faschismus, des chauvinistischen Geredes und jener Schweizer Selbstvergottung, die – wenn alle anderen einigenden Motive ausbleiben – sich wenigstens am gemeinsamen und selbstverständlichen Antikommunismus orientiert. Stillers Kritik geht dabei nicht gegen einige beamtete oder aktive Schwachköpfe und Opportunisten, sondern zielt auf das System. In Stiller steckt also ein Revolutionär und ein Aktivist. Darum hatte er ja auch im spanischen Bürgerkrieg mitgekämpft, 1937. Nun liest sich die im Roman oft erwähnte "Spanien"-Episode (wo Stiller unfähig war, auf Gegner, die er als Menschen erkannte, zu schießen) immer etwas erklügelt, wie Hemingway aus zweiter Hand, zur Anekdote geronnen.

Zur Kenntlichkeit und Prophetie verändert, liest sich dieser Bericht vom Nicht-kämpfen-Können des Intellektuellen, wenn man ihn nicht. als undeutliche Vergangenheitsbewältigung versteht, sondern als Parabel für Zukünftiges! Stiller ist zwischen zwei entscheidende Formulierungen gesperrt: Der eine, der revolutionäre Satz, lautet: "Ein Mensch... wird stets geistlos, wenn er nicht mehr das Vollkommene will." Und die andere, alles revolutionäre Versagen umschreibende Einsicht lautet: "Seine Persönlichkeit ist vage; daher ein Hang zu Radikalismen... Er ist ein Moralist wie fast alle Leute, die sich selbst nicht annehmen."

In Stiller trifft also der Wunsch, gewalttätig sein zu können, mit der Unfähigkeit zusammen, es zu sein. Daraus ließen sich beliebig viele Neurosen ableiten. Doch Frisch wandelt ganz unauffällig Stillers "Schwäche" in eine nicht mehr logisch, sondern fast schon metaphysisch motivierte Stärke um. Wenn Stiller ein Geschöpf als "Geschöpf" erkennt – dann kann er (nicht mehr?) töten. Das gilt hier nicht nur für ein paar Franco-Faschisten, die auch Menschen sind, sondern sogar für eine Katze, die Stiller nicht umzubringen vermag, und für Träume, in denen ihm dergleichen erst recht nicht gelingt.

Wenn man diesen Gedankengängen eines jungen (verzweifelten, jedoch des "absolut" kämpferischen Einsatzes unfähigen) Schweizer Bildhauers und Steppenwolfs einige Triftigkeit zubilligt, dann lesen sich plötzlich die häufigen Hinweise auf den unkonkretisierten "Engel", der (wie die "Dame" der Heiligen Johanna) etwas befohlen oder, verboten habe, nämlich anders, bedenkwürdiger. Und auch das unaufhörliche, ziemlich peinliche, meist besoffene Gerede vom Beten, das die letzten Seiten bestimmt, nimmt sich anders aus. So flapsig der Ton, so heftig die ironische Rationalität: Die Figur des Stiller ist mitgeprägt – und dadurch auch zum Versagen in einer kriegerischen Welt bestimmt! – von einer eben doch nicht spurlos wegdrängbaren Weltfrömmigkeit. Das erklärt ihre Symbolkraft, ihre verzweifelt bürgerlich-antibürgerliche Inaktivität bei höchster Leidiens-, Kritik-, Schimpf- und Sauffähigkeit. Und ihren Reichtum.

Die Stiller-Figur vermag die Misere vieler Intellektueller auf das Bild eines ebenso komischen wie verständlichen Individuums zu bringen! Darum verrät der Roman nicht nur über Frisch, die gegenwärtig unterschätzten fünfziger Jahre und die Schweiz etwas, sondern auch über gescheite Versager und gescheiterte Revolutionen. Ein wohlbekannter Typ. Oder? Joachim Kaiser

Max Frisch: "Stiller" – Roman; Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1972; 517 S., Leinen, 32,– DM