Von Rolf Michaelis

Zur selben Zeit erscheinen in Deutschland zwei neue Bücher des auch von westlichen Lesern am meisten geschätzten Erzählers der zeitgenössischen sowjetischen Literatur, des 1925 in Moskau geborenen Jurij Trifonow. Schuld daran – freundlicher läßt es sich nicht sagen – ist die nur noch am Gewinn, kaum mehr an Literatur oder künstlerischer Qualität interessierte Politik – nein: kurzsichtige Taktik selbst der Buchfabriken, deren Programm nicht unbedingt vom Kassenwart zusammengestellt werden müßte.

So ist es kein Zufall, daß beide Bücher in verschiedenen Verlagen erscheinen, obwohl sie, wenn auch im Abstand von zwölf Jahren entstanden, dasselbe Thema behandeln: Aus dem mit erstmals veröffentlichten Originaldokumenten gespickten "Bericht" über das Schicksal seines Vaters, eines Alt-Bolschewiken, während Revolution und Bürgerkrieg bis zur Ermordung durch Stalins Geheimpolizisten aus dem Jahr 1966 hat Trifonow 1978 einen "Roman" gemacht, in dessen Mittelpunkt, kaum verschleiert durch andere Namen, alte Revolutionäre stehen, deren Leben, Kämpfen, Sterben der Leser aus dem früheren Buch bereits kennt. Beim deutschen Leser droht nun ein Buch das andere auszustechen.

Da gab es während des jahrelangen Bürgerkrieges nach der Oktoberrevolution Offiziere, Haudegen und Draufgänger aus der einstigen zaristischen Armee, die sich nur mit Mühe an "revolutionäre" Disziplin und schon gar nicht an den ihnen als Aufpasser beigeordneten Politkommissar gewöhnen wollten. Trifonow skizziert das tragische Ende des Organisators und Kommandeurs der ersten Truppen der Roten Kavallerie, Boris Mokejewitsch Dumenko, der auf Grund falscher Anschuldigungen 1920 im Alter von 32 Jahren erschossen wurde:

"An Don und Manytsch schlug sich Dumenkos Reiterei im großen und ganzen heldenhaft gegen die Denikin-Truppen... Dumenko war schroff, unbeherrscht und von unmäßigem Ehrgeiz, er ließ sich von niemandem bevormunden, auch nicht von den Kommissaren. Menschen, die er beleidigt hatte... sowie Neider... säten systematisch Verdächtigungen aus: Dumenko sei ein verkappter Feind der Sowjetmacht, er warte nur auf eine günstige Gelegenheit, um zu den Weißen überzulaufen. Man stellte ihm einen hervorragenden Kommissär an die Seite, den tapferen und entschlossenen W. N. Mikeladse. Allmählich, wenn auch mühsam, entwickelte sich zwischen dem Korpskommandeur und dem Kommissar ein vertrauensvolles Verhältnis ...Es ist dunkel und ungeklärt geblieben, wer den Kommissar Mikeladse in der Nacht zum 3. Februar 1920 ermordet hat. Aber man kann sagen, daß in dieser Nacht auch Dumenko umgebracht wurde. Dessen Feinde nutzten die Gelegenheit und fügten den früheren Beschuldigungen noch eine hinzu: die kategorische Versicherung, der Mord sei von Dumenko und seinem Stab organisiert worden. ..." So liest man diese für die damalige Zeit typische Geschichte in –

Jurij Trifonow: "Widerschein des Feuers – Ein Bericht"; aus dem Russischen von Eckhard Thiele; Luchterhand Verlag, Neuwied/Darmstadt, 1979; 236 S., 9 Abb., 26,– DM.

In dem ein Jahrzehnt später, geschriebenen "Roman" zieht Trifonow alle Register der großen tragischen Schicksalssymphonie. Dumenkos Geschick widerfährt jetzt der heimlichen Hauptfigur des Romans, dem Kommandeur der Donkosaken, Sergej Kirillowitsch Migulin. (Hinter Migulin verbirgt sich die historische Gestalt von Filipp Kusmitsch Mironow, 1872–1921, der Kommandeur des 32. Donkosakenregiments war und später an der Südfront ein Expeditionskorps aus Kosaken aufbaute. Sein Leben, dessen Ende dem Dumenkos gleicht, erzählt Trifonow im "Bericht".) Hier aber, im "Roman", darf eine Frau nicht fehlen, so wenig wie das Tremolo des "historischen Ereignisses":