„Unser Herr Böckelmann“, von Walter Kempowski, Das mußte ja kommen: ein bibliophil aufgemachtes Buch über den Dorfschulmeister, eine illustrierte Idylle aus der pädagogischen Provinz; hingetupfte Prosaskizzen vom Leben auf dem Lande, verhaltene Momentaufnahmen aus einem Klassenzimmer. Der Landschullehrer Kempowski erzählt vom Landschullehrer Böckelmann. Die schrullige Mischung – einerseits „so eine Art Vampir“, andererseits „Kinder-Vater“ – läßt sich mit der Kreide anmalen und kann mit beiden Ohren verschieden wackeln. Herr Böckelmann wird aber auch gelegentlich sehr böse, dann müssen sich die Kinder auf das Fensterbrett legen, oder sie kriegen Kloppe. Sein Weltbild, kurz vor der Pensionierung, paßt nur in kleine Rahmen. Vom Fernsehen will er nichts wissen. Die Texte im Lesebuch gefallen ihm auch nicht, deshalb schreibt Böckelmann seinen Schülern manchmal selbstverfaßte Kurzgeschichten an die Tafel, etwa diese: „Die Seele – was ist die Seele? Ist das die Luft, die aus dem Mund herauskommt? Ist es die Seele, die im Traum zu uns spricht? Ist die Seele ein kleiner Mensch in unserem Kopf? Oder sitzt sie in der Brust, da wo das .Herz schlägt? Die Menschen sagen, daß die Seele aus unserem Körper herausschlüpft, wenn wir sterben. Aber keiner hat sie je gesehen.“ Mit diesem Tafeltext endet die Erzählung. Auf der vorhergehenden Seite hat man noch erfahren, daß der erkrankte Herr Böckelmann inzwischen tot sei. Melancholie im „Geschenkformat“ – von Roswitha Quadfliegs Zeichenstift behutsam unterstrichen – wird dem Leser geboten (für .96 Mark sogar numeriert und signiert im Schuber). Von dem, was hierzulande momentan so viel nötiger ist (nicht nur für Landschullehrer), vom Mut, mochte Walter Kempowski diesmal leider nicht schreiben. (Albrecht Knaus Verlag, Hamburg, 1979; 96 S., 24,– DM.)

Werner Hornung

„Das kunstseidene Mädchen“, Roman von Irmgard Keun. „Das war gestern abend so um zwölf, da fühlte ich, daß etwas Großartiges in mir vorging.“ So hebt das Tagebuch der achtzehnjährigen Doris an, in dem die starken Töne schwächerer Poeten komisch nachhallen. Schwer tut sich Doris als Kind kleiner Leute mit den Fremdwörtern: „... war alles schuld, daß ich die Situation verlor.“ Doris über wahrhaft elegante Frauen: „Und sie lächeln Fremdworte richtig, wenn sie welche falsch aussprechen.“ Das Ich im Tagebuch ist also von der Romanautorin Irmgard Keun nicht nur mit unfreiwilligem Humor geschmückt worden, sondern auch mit dem Talent, die Umwelt zu durchschauen und sich kurz und witzig auszudrücken. Und mit einem rührenden Gemüt: Doris, die sich 1931 nach Berlin absetzt, weil sie den feinen Pelz geklaut hat und so gern „ein Glanz“ würde, etwas Verwöhntes und Bestauntes, und die dann meistens hart am Rande der Prostitution dahinschlingert, ist bei allem bösen Willen ein viel zu gutes Mädchen, um aus fremdem Unglück eigenes Glück herauszuholen. Die intelligent-naiven und liebdreisten Gören sind eine Spezialität der Irmgard Keun gewesen, ein Hebel, auch für die Kritik an Völkisch-Nationalem und für milde Feministisches. Dem öffentlichen Auge war Frau Keun seit langer Zeit entrückt. Aber sie lebt, in Köln. Dort schreibe sie, steht auf dem Schutzumschlag, „an einem Erinnerungsroman“. Ich wüßte allerdings auch gern, wie die schön eigenmächtige und dabei so gar nicht wichtigtuerische Frau mit dem, was jetzt ist, überkäme. (Claassen Verlag, Düsseldorf, 1979; 219 S., 24,– DM). Christa Rotzoll