Von Gerd Bucerius

Otto Erich von Hartleben beginnt eine seiner possierlichen Geschichten so: „Er war ein Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand.“ Gewiß – das würde passen – war er auch Klassenprimus, eine mir immer unerträgliche Sorte Mensch. Wenn es „ins Leben“ geht, geschieht oft ein Unglück.

So hätte ich Rolf Stödter (geboren am 22. April 1909) vor fünfzig Jahren eine schlechte Prognose gestellt. Er war Jurist geworden und hatte alle Examina mit „Auszeichnung“ bestanden. Sicher war er auch Klassenprimus – auf dem Heinrich-Hertz-Realgymnasium in Hamburg. Das genügte eigentlich für mein Urteil Über ihn. Denn auf dieser Schule (ich muß sie drei Jahre vor Stödter verlassen haben) haben mir die Lehrer das Leben vergällt. Es war ein schöner Tag, als ich die Schule nach einem Bombenangriff auf Hamburg in Flammen sah.

Aber siehe da: Mit Rolf Stödter ist das alles anders gegangen. Die schönen Examina führten den Strebsamen sofort in die Richterlaufbahn (1935). Aber schnell begann die große Unruhe, Abneigung gegen das Nazisystem mag dabei eine Rolle gespielt haben; „Parteigenosse“ zu werden, hatte er vermieden – das konnte man in Hamburg, wenn man tüchtig war. Stödter startete eine wahrhaft hamburgische Karriere. Er wurde zunächst Hauptgeschäftsführer eines besonders feinen Klubs, nämlich des „Verbandes Deutscher Reeder“, und blieb das bis in die erste Nachkriegszeit. Aber dann kam die Entscheidung, die einem Klassenprimus normalerweise nicht abgefordert wird. Ein Hamburger Reeder von internationalem Rang, John T. Essberger, bot ihm 1955 an, Mitinhaber seiner Reederei zu werden; Das annehmen hieß: die persönliche Haftung in einem Geschäftszweig mit den wildesten Ausschlägen nach oben und unten. In diesem Gewerbe sind einige reich geworden, viele aber bettelarm.

Mir ist die persönliche Haftung als Kaufmann lebenslang eine oft unerträgliche Last gewesen. Stödter aber trieb es zum Risiko wie andere Sterbliche an den Roulett-Tisch. Zwischen den Narren, die dort mit einem „System“ verdienen wollen, und den Kaufleuten ist psychologisch oft nur ein kleiner, in der Realität aber ein gewichtiger Unterschied. Kaufleute glauben zu Recht, daß sie mit überlegener Kraft das Glück erzwingen können. Außer dem Spielerischen, der Bereitschaft, große Werte auf eine Karte zu setzen, außer der Neigung also zum ganz wilden Leben, muß der Kaufmann ein gutes Stück des trockensten Beamten in sich haben. Der Kaufmann muß seine Entscheidung nämlich genauso vorbereiten wie der Richter die seine. Der Richter muß die Gesetze kennen; sie sind die Stütze seiner Entscheidung. Er muß den Tatbestand erforschen, auf den er jene Gesetze anwendet. Der Kaufmann muß den Markt genau beobachten und seine oft weltweiten Wettbewerber erkennen; daraus leiten sich die Marktgesetze ab. Er muß die Summe der Fakten sammeln, aus denen sich der Tatbestand ergibt, auf welchen er jene Erfahrungen anwenden will.

Die Folgen der Entscheidung in beiden Fällen sind freilich verschieden. Am Ende der richterlichen Arbeit steht das Urteil, das – schlimmstenfalls – von einer höheren Instanz korrigiert wird. Am Ende der kaufmännischen Entscheidung aber steht das persönliche Schicksal. Gute Juristen sind gute Kaufleute geworden. Die Universität Hamburg gab Stödter einen a. o. Lehrstuhl für See-, Staats- und Völkerrecht.

Das jedem Kaufmann drohende böse Ende formt natürlich. Ich habe in der Bundesrepublik und schon im Deutschen Reich viele hohe Richter bei ihrer Arbeit, im Gerichtssaal, gesehen. An ihrer Intelligenz war nie zu zweifeln – Stödter hätte dort im ersten Rang gesessen. Bedrängt aber hat mich allemal das auf der Richterbank sich so leicht ausbreitende Gefühl der Unfehlbarkeit. Das Geschick im Nacken bewahrt den Kaufmann vor dem Hochmut.