Berliner Jugendamt stoppt Einweisung von Kindern in die Salem-Dörfer

Von Nikolaus Brender

Das fünfte Gebot der Bibel "Du sollst nicht töten" verbietet es der 24jährigen Diplompädagogin Gudrun Arning, Fleisch zu essen. Sie nimmt nur noch Pflanzliches zu sich. Doch auch Pflanzen leben. Gudrun Arning löst den Konflikt so: "Ein Tier, zur Schlachtbank geführt, wird mitten aus dem Leben gerissen, während ein Salatkopf geradezu danach schreit, geschnitten und gegessen zu werden."

Gudrun Arning arbeitet als Erzieherin in einem der drei Kinderdörfer der "Bruderschaft Salem". Hier herrscht absolutes Fleischverbot. "Schweinefleisch ist am ungesündesten, weil dem Menschenfleisch am ähnlichsten", befindet der Sozialpädagoge Manfred Olszewski.

Die 200 Kinder und Jugendlichen, die die abgeschiedenen Gutshöfe der drei Salem-Siedlungen in Bayern und Niedersachsen bewohnen, haben keine andere Wahl, als solchen Gesetzen der Salem-Bruderschaft zu gehorchen. Meist sind sie Sozialwaisen, wie die Geschwister Gudrun, Sabine und Clemens aus Berlin. Der Vater hatte ihnen an einem Heizungsrohr Verbrennungen zugefügt und mit Schaftstiefeln auf sie eingeschlagen. Das Jugendamt besorgte Plätze im Kinderdorf Stadtsteinach/Frankenwald. Die Alternative wäre das staatliche Erziehungsheim gewesen. Doch nun haben die Berliner beschlossen, der "Bruderschaft Salem" keine Kinder mehr anzuvertrauen. Aus gutem Grund.

Gralshüter deutscher Werte

Seit 1969 präsentiert der Gründer der Bruderschaft, der 65jährige Gottfried Müller, das "christliche Sozialwerk Salem" als Modell pädagogischer Führung. Mit dem Elite-Internat Salem am Bodensee oder einer kirchlichen Organisation hat es nicht das Geringste zu tun. Denn diese sogenannte "Alternative zur Heimerziehung" – je acht Kinder, gesunde und geistig behinderte, sollten zusammen mit einem Erzieher eine stabile Familie bilden – ist ein übles Gemisch aus religiösem Sektierertum, Blut- und Bodenmystik und überständigem Gedankengut.