Von Hannes Schwenger

Es war ungewöhnlich leicht zu fliehen.“ Mit diesem Satz beginnt eine autobiographische Erzählung, die Alberto Moravia – der unermüdliche Entdecker neuer Autoren – 1956 in seinen Nuovi Argomenti veröffentlichte. Sie beginnt in Dachau, nach der Flucht aus dem Lager 1944, und endet 1945 in München; scheinbar ein Bericht aus dem Widerstand zwangsverpflichteter „Fremdarbeiter“ im Dritten Reich. „Thomasbräu“ – so heißt die Erzählung – ist mehrfach gedruckt worden, zuletzt in einer deutschen Ausgabe des Romans „Solange der Kopf lebt“ in der ausgezeichneten Übersetzung von Klaus Stiller (Radius Verlag, Stuttgart 1976). Er berichtet auch von jenem Unfall, bei dem die Erzählerin Lucia durch eine stürzende Mauer für den Rest ihres Lebens gelähmt wird: bei dem Versuch, eine deutsche Familie aus den Trümmern zu retten.

Die Autorin lebt, noch immer an den Rollstuhl gefesselt, heute in Rom: Eine Publizistin der Linken offenbar, Mitarbeiterin von „Il Manifesto“, Autorin eines Standardwerks über Ignazio Silone. „Luce d’Eramo“, heißt es über sie im Anhang von „Solange der Kopf lebt“, „wurde am 17. Juni 1925 in Reims (Frankreich) geboren und wuchs in Paris auf, wo sie bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte. Dann kam sie mit ihrer Familie nach Italien. Vom Februar 1944 bis zum Dezember 1945 war sie in Deutschland, zunächst in Lagern, dann in Kliniken.“ Die Bibliographie nennt Veröffentlichungen über Moravia, über Silone, eine Kritik der italienischen Presse in einem Verlag der Linken. Eine konsequente Biographie?

Ja, aber auf überraschende Weise anders. Denn „Solange der Kopf lebt“ ist nur das Ende einer Geschichte, die Luce d’Eramo das erste Mal vollständig in ihrem neuen Roman „Deviazione“ erzählt; er ist gerade gleichzeitig bei Mondadori in Mailand und bei Denoel in Paris erschienen (und hochgradig preisverdächtig für den Preis von Viareggio 1979). Was die Autorin bis dahin verschwiegen hatte: Sie war nicht als Luce d’Eramo – ihr späterer Ehename – zwangsverpflichtet nach Deutschland gekommen. Ihr Hausausweis für ihren Arbeitsplatz bei Siemens, ausgestellt am 1. 12. 1944 in München, lautet auf den Nachnamen eines hohen Beamten in Mussolinis letzter Regierung, der Republik von Salò. Daß sie seine Tochter war, daß sie als glühende Faschistin freiwillig nach Deutschland gegangen war, hat sie nach ihrem eigenen Zeugnis persönlich und literarisch fast drei Jahrzehnte verdrängt. Das Motto dazu hatte sie – eine Kritikerin der Psychoanalyse – selbst an den Anfang ihrer ersten Erzählung gestellt: „Es war ungewöhnlich leicht zu fliehen – vor sich selbst.“

„Deviazione“ – ihr neuer Roman, an dessen Beginn wiederum die Erzählung „Thomasbräu“ steht – kehrt dieses Motto um: Es wird unmöglich weiter zu fliehen. „Mit ‚Thomasbräu‘“, sagt Luce d’Eramo im Gespräch, „glaubte ich mich freigeschrieben zu haben. Mit ‚Solange der Kopf lebt‘ war ich sogar dem Rollstuhl schon fast entkommen. Meiner Klasse bin ich nie entkommen.“ So liest sich „Deviazione“ streckenweise wie ein Experimentalbericht zu Lukacs’ umstrittener These, der Intellektuelle müsse seine Klasse verraten, um revolutionär sein zu können. Luce d’Eramo hat dieses Rezept bis zur Grenze der Selbstvernichtung erprobt, ohne seines Ausgangs sicher zu sein.

Denn „Deviazione“ – das Wort ist schwer ins Deutsche zu übertragen – bedeutet für sie das Abweichen vom Weg ihrer Klasse; und zwar schon als sie sich der faschistischen Jugendbewegung zuwendet, in der sich – im Gegensatz zum strengen Regiment des Vaters über Familie und Dienstboten – bürgerliche und Arbeiterjugendliche frei begegnen konnten. Nach Deutschland meldet sie, die Studentin, sich als Hilfsarbeiterin – gegen den Willen der Eltern und aus Protest gegen deren Doppelmoral. Sie will, Kants „Kritik der Urteilskraft“ im Rucksack, die Verheißung der faschistischen Klassenharmonie in deren gelobtem Land auf die Probe stellen. Im IG-Farben-Lager Hoechst stellt sie sich ostentativ auf die Seite der osteuropäischen Zwangsarbeiter, als sie deren Benachteiligung bei der Essenszuteilung beobachtet. Das erste Mal läßt der Lagerleiter die verrückte Faschistin vom Tisch der Russen wegholen; das zweite Mal schickt er sie mir ihnen zur Arbeit. Mit bloßen Händen schleppt sie Eisblöcke aus Kohlensäure mit einer Temperatur von 78 Grad minus. Aber ein Streik, den sie mit ihren Kameraden organisiert, bricht zusammen, als die Lagerleitung die Essensration erhöht und die Arbeiter durch einen simulierten Fliegerangriff in Angst setzt. Lucia wird als Rädelsführerin inhaftiert; ja sogar von ihren Kameraden als Provokateurin verdächtigt.

Nur ihr Name rettet sie aus dem Gefängnis, als sie nach dem Selbstmord ihrer Zellengenossin phantasierend ins Krankenhaus eingeliefert wird: Die Tochter des faschistischen Ministerialen wird in der Ersten Klasse gesundgepflegt und auf Veranlassung des italienischen Konsuls nach Hause geschickt. Die Solidarität ihrer eigenen Klasse funktioniert noch immer besser als die ihrer Kameraden im Lager.