Märchen gehören in die Kinderstube, nicht neben Pascals „Pensées“, Morus’ „Utopia“, Freuds „Unbehagen in der Kultur“, Johnsons „Jahrestage“, Genets „Querelle“. Märchen, das ist wie das Kasperletheater, wie Lebkuchen, Trachtenkleid und Laterna Magica: archaisch, diesseits von Vernunft und Kunst, zerfallende Erinnerung, die an nichts mehr erinnert. Das sagen die einen.

Märchen sind es, was sie im Grunde alle zu schreiben versuchen – nur größer und über ihre Welt und für ihre Gegenwart: „Moby Dick“ und „Das Schloß“, „Der Steppenwolf“ und „Die „Blechtrommel“, Odysseus und Ulysses. Es ist die Urform aller Kunst – zeitlos, eine quinta essentia, eine strenge Einheit von Bedeutung, Sein und Wirkung. Das sagen die anderen.

ZEIT-Leser – wie ich sie mir vorstelle – haben jetzt gewiß schon ihre Positionen bezogen. Sind zwei beisammen, können sie sich hierüber trefflich streiten. Ich will und werde sie dabei nicht stören. Was ich über Märchen sagen kann, erfüllt hier keinen Zweck – in diesem „literarischen Spiel mit pädagogischer Absicht“. Denn wer dies liest, ist ja schon Leser – Leser von Streit-Sachen und ZEIT-Sachen. Man könnte ihn durch einen ZEIT-Aufsatz allenfalls verführen, etwas anderes zu lesen, indem man ein ZEIT-Problem daraus macht: Er solle sich einmal Haseks Geschichte vom Braven Soldaten Schwejk oder Hölderlins Hyperion ansehen – zwei höchst aufschlußreiche Märchen. Auch Andersens Kleine Meerjungfer oder Scheherezades Erzählung aus der Zweihunderteinundsiebzigsten Nacht, die natürlich, keine Märchen seien! Aber ihm sagen, jener Streit interessiere nicht, weil er falsch sei, so oder so sei es eine Lust, Märchen zu lesen, und dabei genau das meinen, woran er denkt – Rumpelstilzchen und Rotkäppchen und Frau Holle – das wird ihn zu gar nichts verführen.

Man könnte natürlich dazu sagen, daß sich hier mancherlei finden lasse – unverstellte Zeugnisse von Ausbeutung und Aberglauben, von Volksverdummung und Völkerhaß, von Kindsmißhandlung und sadistischer Grausamkeit aus feudaler, voraufklärerischer Zeit. Der dazu angeregte Leser würde sich also den „Juden im Dorn“ vornehmen und sehr zufrieden sein über das entlarvende böse Ende. „Hänsel und Gretel“ ist dann ein Paradigma der Selbstentfremdung – die Eltern, an den Verhältnissen hart geworden, opfern ihre eigenen Kinder. „Das eigensinnige Kind“ wäre der Brüder Grimm Sonderbeitrag zu Katherina Rutschkys Schwarzer Pädagogik. Ja, und der Übermut der Könige, die alles haben und zu nichts taugen, die Fülle der Aschenputtels, die die Welt verkennt, der Bärenhäuter, die sich tarnen müssen! Da ist ein großes, revolutionäres Potential – aber von der Hexe Gewohnheit versteinert, bewußtlos geworden, geschichtslos, schicksalhaft. Man könnte auch die Prinzen nennen, die gekommen sind, dieses Dornröschen wachzuküssen, dieses Schneewittchen aus seinem gläsernen Sarg zu befreien:

Da gibt es Bruno Bettelheim, der die Märchen als Spiegelungen des Unbewußten deutet, als Piktogramm unserer Grundbefindlichkeit und ihrer Störungen – lauter kleine Ödipus-Mythen für lauter kleine Sigmund Freuds. Nun erfährt man, was dunkle Wolfsmägen und eingeheizte Backöfen bedeuten, von denen kleine Mädchen und alte Hexen verschlungen werden, was es mit Spindeln und Spiegeln, Lebkuchenhäusern und Brunnen auf sich hat, und wundert sich am Ende nicht, daß Hänsels Knöchel eigentlich einen Penis vortäuschen soll. An Bettelheims Deutung wird zugleich die Urfunktion des Märchens und seine Bedeutung für Kinder klar: Unheimliches, Bedrohliches, Verwirrendes wird in Bildern gebannt. Wer im Märchen mit Allerleirauh dem inzestuösen Begehren des Vaters entronnen ist, kann es vielleicht auch in der Wirklichkeit.

Eine andere Entschlüsselung führt in die Politik. Rumpelstilzchen als das perfekte Gleichnis des Kapitalismus zu durchschauen, das Männlein, das aus Stroh Gold macht (es mit Hilfe von Lohnarbeit, der entmenschlichten Bereitschaft des Opfers verwandelt), als das „Wesen der kapitalistischen Warenproduktion“, als Symbol des „sich selbst vermehrenden Werts“ – das lernt man beispielsweise bei Iring Fetscher, dessen ironische Absicht gelegentlich durch das Staunen über seine eigene Entdeckung überwältigt wird: Vielleicht ist es tatsächlich so?!

Ganz ohne Humor, auch ohne unfreiwilligen, sind die pädagogischen Entlarvungen. Kindertümelnde Dunkelmänner hintertreiben da mit Hilfe des Märchens die Aufklärung – lenken von der harten gesellschaftlichen Wahrheit ab. Mit Hilfe der übrigens von den Brüdern Grimm „kastrierten“ alten Märchen (Melchior Schedler) hält die bourgeoise Pädagogik die Urängste, die Urausflüchte und damit die Herrschaftsverhältnisse aufrecht. Die Kinder sollen sich an Wunderbares, Nicht-Erklärbares gewöhnen, an Idylle, Grausamkeit und Gnadenerweis. Und damit das bei den argwöhnisch gewordenen Erziehern und Eltern auch klappt, behauptet die bürgerliche Wissenschaft, es gebe ein psychogenetisch bedingtes Märchenalter, in dem sei das Wundersame das schlechthin Kindgemäße. – Habe man den geschichtlich überholten gesellschaftlichen Zweck des Märchens verstanden, könne man sich von dem trennen, was es verderbe, von dem „Bösen“, das aus Kinderbüchern kommt (Otto Gmelin), von falscher Ergebenheit und gefährlichem Humbug. Die Mutter gibt fortan Rotkäppchen ein Feldmesser mit, so daß es sich ohne den die Obrigkeit repräsentierenden Jäger selbst befreien kann.

Die Zeitschrift Eltern doziert: Angesichts der Forderung nach Gleichberechtigung sei das Bild der Frau, das das Märchen zeichne, anstößig und lächerlich: brave Hausmutter oder überflüssig gewordene Alte, also Hexe, und über das Schicksal eines Mädchens entscheide fast ausschließlich ihr Aussehen! „Diese Moral ist angesichts der gesellschaftlichen Bedingungen früherer Jahrhunderte verständlich: heiraten durfte nur, wer materielle Sicherheit nachweisen konnte. Also blieben die meisten Armen“ unverheiratet, und nur die Schönen fanden einen Mann. Wer seine Kinder nicht ernähren konnte, mußte sie aussetzen.“ „Die Kinder früherer Zeiten sollten durch Märchen wie ‚Hänsel und Gretel‘ auf diese Möglichkeit vorbereitet werden.“ Die meisten Märchenerzähler haben ein „gestörtes Verhältnis zum Geld ... Anstatt die Armen den Gebrauch von Geld zu lehren wird ihnen – à la Hans im Glück – der fröhliche Verzicht empfohlen.“ Man muß es eben geschichtlich sehen: Der König ist ein Clansgewaltiger; die Gefahren, Abenteuer, Heldentaten sind nichts als die Abbildung einer vergangenen Welt mit ihren Erprobungsriten; Hexen, Teufel, Räuber, Feen – das sind die unaufgeklärten Vorstellungen von unaufgeklärten Verhältnissen.

Ja, so kann es einem mit den Märchen gehen, wenn man sie sich auslegen läßt: aus pfundigen Geschichten wird ideologisches Blech.

Märchen sind kidstuff, schädlicher obendrein, und wir kennen sie alle schon. In diese Bastion kann man allenfalls mit Hilfe von Tomi Ungerer eindringen, der „Rotkäppchen – überdacht und wiedergekäut“ und pop-nostalgisch illustriert hat.

Am liebsten würde ich raten: Hingehen, wenn irgendwo Vilma Mönckeberg auftritt und Märchen erzählt,, trocken, hintersinnig, gespannt, wortgetreu wie die Viehmännin, von denen die Brüder Grimm sich den Großteil der Ihren haben erzählen lassen, ohne Tantenton und kunstgewerbliches Geraune. Aber da das nicht jedermann kann, empfehle ich ein vierteiliges Experiment: (a) Man nehme die vollständige Ausgabe von Grimms Märchen und lese im Kreise von erwachsenen Freunden eines der Märchen vor, das man „gut kennt“; (b) danach lese man in der gleichen Weise eines, das man gar nicht kennt (und man wird entdecken, wieviele das sind!); (c) man lese schließlich ein Kunstmärchen von Andersen oder Hauff oder Wilde; (c) man erlebe mit Staunen, worüber man sich danach unterhält!

Im empfehle dies gegen die kluge Theorie von Frau Mönckeberg: daß die Mär eine kurze, erzählte nicht aufgeschriebene und abzulesende Geschichte sei. Diese Theorie überzeugt, weil sie erklärt, warum es weder Hintergrund noch Vordergrund gibt, keine Beschreibung des Ortes, keine „Exposition“, keine Charakterisierung der Personen – dies alles geht in der Geschichte auf.

In Kriegsgefangenschaft vor fast 30 Jahren erzählten wir uns gegenseitig Geschichten – von den großen Schelmen dieser Welt: Odysseus und Hadji Baba, Eulenspiegel und Münchhausen, Zundelfrieder und Bruder Lustig. Es ging reihum, und jeder gab sich Mühe, so unterhaltsam zu sein wie möglich. Dabei fielen wir ganz von allein in die Erzählweise des Märchens: Da kam er an ein prächtiges Schloß... Sie hatten eine Tochter, die hatte nie... Sie hatten einen Sohn, der hatte immer schon... Es war im fernen Sibirien ... Sie wußten sich nicht anders zu helfen... Der Tisch stand voller köstlicher Speisen... Als einer einmal anfing zu beschreiben, wie alles aussah und roch und schmeckte, wußten wir, daß er nicht mehr die Geschichte erzählte, sondern sich selbst. Wir wurden ungeduldig.

Die Geschichte von „Katz und Maus in Gesellschaft“ endet mit: „Siehst du, so geht’s in der Welt.“ Genau 200 Märchen haben die Brüder Grimm zu Anfang des vorigen Jahrhunderts gesammelt und veröffentlicht. Sie alle könnten so enden, denn sie alle erklären mir, was ist. Sie machen ein einfaches Grundgesetz sichtbar – sie heben dazu die Geläufigkeit des Komplizierten auf. Sie verbünden sich mit der Erfahrung, daß es soviel Neues unter der Sonne nicht gibt, und das macht sie nachsichtig, tröstlich, komisch, weise. Natürlich: Nichts Menschliches ist zeitlos, und ihre Geschichtlichkeit können auch die Märchen nicht abstreifen, aber in der Geschichte interessiert sie nicht. Märchen wirken eher in der Weise von Träumen. Sie geben der verdrängten Erkenntnis, der unterdrückten Angst, dem unerfüllten Wunsch Sprache. Entlasten, bewältigen, verwandeln, das sind Verben, die mir hierzu einfallen. Im Märchen hat der Schwache seine Chance, geschieht am Ende Gerechtigkeit, wird der Verwunschene erlöst. Und sofern solche Wahrnehmung stärkt und ermutigt, dient das Märchen nicht der Ausflucht, sondern dem Standhalten.

Das Märchen gliedert, gibt schwierigen Erfahrungen eine klare Gestalt: Hexe – das ist Verwandlung zum Schlimmen; Fee – das ist Verwandlung zum Guten; Riesen – was stark ist, kann roh und dumm sein, dann muß man es überlisten, oder gutmütig, dann kann man sich mit ihm befreunden; Zwerge – was klein ist, ist oft boshaft, ist überall und nirgend, nicht kräftig, aber mächtig; Könige – vor Macht und Reichtum ändert sich vieles in dieser Welt; ein Prinz – das heißt Hoffnung auf Erlösung; eine Prinzessin – das heißt, nicht sein wie, von Not geplagt, häßlich, verachtet. Und dies alles immer so, daß eins das andere definiert wie die Elemente der euklidischen Geometrie!

Darum sollte man nie nur ein Märchen lesen, darum ist die Fülle der Geschichten wichtig. Ja, die Ungleichheit und Vielfalt macht am Ende doch ein Ganzes aus, wie die Summe verschiedener Tage eine Jahreszeit, ein Klima.

Daß die Märchen nicht für Kinder erdacht und „geschrieben“ worden sind, das haben schon die Brüder Grimm gewußt und gesagt. Daß sie darum nur für Erwachsene seien, ist sicher ebenso falsch. Immerhin, die Chance, daß Erwachsene heute Freude an Märchen gewinnen, hat sich durch den Abstand zu ihnen verdoppelt: Zu dem Staunen über all das, was man dort Lustiges und Tiefsinniges erfahren kann, kommt die Lust am Wiedererkennen, die Lust am Vergleich zwischen dem Erinnerten und dem, was da tatsächlich steht.

Ob kühn oder kauzig oder kraftvoll – sie sind die einzigen Geschichten, die noch immer alle deutschen Menschen gemeinsam haben: kleine und große, arme und reiche, vergangene und heutige. – Aber ich darf nicht weiter loben. Das könnte die Pädagogen anlocken, und dann wär’s um die Lust und die Neugier und die Unbefangenheit alsbald wieder geschehen. Hartmut von Hentig

„Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“, vollst. Ausgabe in der Urfassung, hrsg. und eingeleitet von Friedrich Panzer; Emil Vollmer Verlag, München, Neuaufl. 1978; 564 Seiten, 12,90 DM „Kinder- und Hausmärchen“, vollständige Ausgabe mit einer Einleitung von Herrmann Grimm und der Vorrede der Brüder Grimm zur 1. Gesamtausgabe 1819; Winkler Weltliteratur in Sonderausgaben, München; 848 S., Abb., 19,80 DM