Millionen Mädchen und Frauen in der Dritten Welt werden einer grausamen Prozedur unterzogen

Von Margrit Gerste

Meine Freundin Foutu lag auf dem Boden. Sie wurde von zwei Frauen festgehalten, die ihr die Beine auseinanderspreizten. Der Eingriff wurde ohne Betäubung und ohne hygienische Vorkehrungen vorgenommen. Eine alte Frau schnitt mit einer Flaschenscherbe tief in den oberen Teil der Schamlippen, um so möglichst viel wegzuschneiden, denn ‚eine zu kleine Beschneidung verhindert nicht ausreichend die sexuelle Hemmungslosigkeit der Frau‘. Die alte Frau schaffte es nicht beim ersten Einschnitt. Sie setzte immer wieder an. Foutu schrie vor Schmerzen." – Diese Schilderung stammt von einer Bewohnerin Guineas; eine Gruppe Amerikanerinnen erfuhr davon auf einer Reise durch Afrika.

Die grausige Verstümmelung, bei der die Klitoris, die kleinen Schamlippen und ein Teil der großen Schamlippen mit einer Glasscherbe weggeschnitten wurden, war erst der Beginn eines langen, qualvollen Leidensweges des Mädchens Foutu. Ihre Wunde wurde mit Dornen verklammert und zugenäht, nur eine winzige Öffnung zum Entweichen der Körperflüssigkeit blieb. Wenn Foutu einmal heiraten wird, wird ihr Mann in der Hochzeitsnacht die Verklammerung so weit aufschneiden, daß er in sie eindringen kann. Das blutige Messer wird er den Nachbarn zeigen – als Zeugnis von Fontus Jungfräulichkeit. Bekommt Foutu ihr erstes Kind, wird sie von der Hebamme noch weiter aufgeschnitten – und nach der Geburt wieder zugenäht werden. Bekommt sie viele Kinder, wird sich die furchtbare Prozedur viele Male wiederholen. Sie heißt "pharaonische Beschneidung".

Foutu ist nicht etwa das rituelle Opfer eines besonders grausamen Stammes in einem entlegenen Busch von Afrika. Foutu ist auch keine Ausnahme. Wie ihr ergeht es mindestens 30 Millionen kleinen Mädchen und jungen Frauen in 26 Ländern Afrikas und des Vorderen Orient – ob sie nun in Somalia oder Äthiopien leben, im Senegal oder Mauretanien, in Ägypten, Kenia oder Nigeria, im Jemen oder in Saudi-Arabien.

Hoffnung auf Protest des Auslands

Die sexuell geblendeten Frauen, wie sie der ägyptische Schriftsteller Jussif el-Masri in seinem Buch "Die Tragödie der Frau im arabischen Orient" nennt, leben zwar vorwiegend auf dem Lande, aber sie sind auch in Kairo oder Khartoum zu finden. Hier in den Großstädten regt sich auch erster leiser Widerstand unter den jungen gebildeten Frauen.