Jamaikas Popmusik: bejubelt und ausgebeutet

Von Franz Schöler

Es war schon ziemlich spät, als Claude Massop, der Leiter einer Friedensbewegung im Slumviertel Trenchtown von Kingston, Jamaika, bei der Autofahrt nach Hause von der Polizei angehalten wurde. Was dann folgte, liest sich wie eine Szene aus einem Groschenkrimi. Massops Leben war jetzt, wie es dort immer heißt, keinen Pfifferling mehr wert. Man forderte ihn auf, aus seinem Wagen zu steigen. Kurz darauf lag er tot auf der Straße, durchlöchert von einigen Dutzend Kugeln. Im Polizeibericht war später zu lesen, Massop sei bewaffnet gewesen, und man habe in Notwehr gehandelt. Aber viele der Kugeln fand man auf der Innenseite seiner Oberarme, ein Indiz dafür, daß der Mann der Aufforderung der Polizisten nachgekommen sein muß und die Hände hoch hielt, als man ihn erschoß.

Das war Anfang Februar dieses Jahres. Die Zeitungen berichteten wochenlang ausführlich über den Fall, denn Massop war schließlich nicht irgendein kleiner Dieb gewesen, den man gestellt und erschossen hatte. Die Untersuchungen über den „Fall“ des Friedensführers ließen sich jedenfalls recht zähflüssig an, und offiziell gab man sich wie immer in solchen Fällen abwartend. Als ich im März nach Jamaika kam, erklärte mir jemand: „Vielleicht war er eine etwas zwielichtige Figur, ich weiß nicht. Aber sicher kein Terrorist, wie es sie bei euch geben soll. Außerdem war er viel zu klug, als daß er sich mit einer Waffe jemals hätte erwischen lassen. Aber die waren sowieso hinter ihm her. Und sie haben ihn gekriegt.“

Durch Musik ’raus aus dem Getto

Vorfälle wie dieser sind nicht Phantasieprodukt eines sensationslüsternen Reporters, und ein Reggae-Film wie „The Harder They Come“, der in neorealistischer Manier die Geschichte eines Slumjungen erzählt, der Popsänger und schließlich kriminell wird, hat mit der Wirklichkeit genausoviel zu tun wie manche der Songs, die der Reggae-Superstar Bob Marley früher schrieb, Lieder wie „Johnny Was“ und „I Shot The Sheriff“, „Rebel Music (3 O’Clock Road Block)“ und „Them Belly Full (But We Hungry)“.

In den Touristenhotels an der freundlichen Nordküste Jamaikas merkt man wenig von den grimmigeren Realitäten Kingstons. Mindestens ein Drittel der zweieinhalb Millionen Bewohner dieser Insel leben dort, und wenn man fragt, ob man nicht West Kingston und Trenchtown besuchen sollte, wird einem dringend abgeraten.

Nicht nur aus den Slums, aber nicht zuletzt auch dorther kommen die Kinder, die Bob Marley und Third World, Inner Circle, Peter Tosh und all jene Reggae-Sänger bewundern, die es „geschafft“ haben und mit ihren Songs Stars geworden sind. Jamaikaner sind ungewöhnlich musikalisch; die kleine Insel hat mehr prominente und qualifizierte Rock- und Popmusiker hervorgebracht als Jugoslawien, Italien, die Schweiz, Belgien oder Spanien, und ich meine damit nicht nur Harry Belafonte, Johnny Nash oder Bob Marley. Und durch die eigene Musik berühmt zu werden und aus dem Getto raus zu kommen, war nicht nur der Traum der „Beat“-Revolutionäre Britanniens zu Anfang der sechziger Jahre oder der Elvis Presleys und Frank Sinatras vor ihnen. In Jamaika kann man mit einem einzigen Song die Nummer 1 der Hitparaden werden, trotzdem bettelarm bleiben und sofort wieder vergessen sein.

Das soll mittlerweile besser geworden sein. Die Piraten und die kleinen Haie, die in diesem Geschäft diktierten, ob und wer für eine Erfolgsplatte sein Geld bekam, sind nicht mehr so zahlreich wie früher, weil jeder, der es sich nur irgendwie finanziell leisten kann, seine eigene Plattenfirma mit Verlag und Vertrieb ist. Das Plattengeschäft funktioniert da nach den Prinzipien des frühesten Manchester-Kapitalismus, oft gar noch als Naturalienhandel. Das gibt den führenden Plattenfirmen, die über eigene Preßmöglichkeiten verfügen, die Chance, das Geschäft zu steuern. Sonny Bradshaw, der Präsident der Musikergewerkschaft, klagt: Diese Firmen könnten es schlicht ablehnen, Platten von unabhängigen Produzenten oder Musikern zu pressen, weil sie ausgerechnet in dem Moment „ausgelastet“ seien.

Was die Reggae-Musik andererseits von den Rock- und Pop-Hits anderer Länder unterscheidet, sind ihre Themen. Viele Reggae-Songs haben Armut und Hunger, Polizeibrutalität und Arbeitslosigkeit, Klagen über die ganz Reichen da oben und die Bettelarmen unten sowie eine weitgehend religiös motivierte Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle zum Inhalt. Entwickelt hat sich diese Musik im Lauf von etwa zwanzig Jahren aus den Kirchenhymnen und Gospelgesängen, aus dem Blues und dem mehr städtischen Rhythm & Blues (den einige Pioniere des Geschäfts wie Kenn Khouri Anfang der fünfziger Jahre auf Schellackplatten ins Land brachten), schließlich aus dem ebenfalls aus den USA importierten Rock ’n’ Roll und dem „Ska“, der ersten Vorform des Reggae. Wer es Mitte der fünfziger Jahre als farbiger Jamaikaner tatsächlich zu etwas Wohlstand gebracht hatte, schwärmte eher für den Rock ’n’ Roll der Weißen; die übrigen identifizierten sich mehr mit dem „schmutzigen“ Rhythm & Blues, den bald darauf schwarze Bands synkopierten (Betonung auf dem zweiten und vierten Taktteil) und der den Namen Ska erhielt. Die prominenteste, aus exzellenten früheren Studiomusikern bestehende Band, die in diesem Stil spielte, waren bis Mitte der sechziger Jahre die „Skatalites“. Der daraus hervorgehende „Rocksteady“, manchmal irrtümlich auch als „Bluebeat“ bezeichnet, war der direkte Vorläufer der heute populären Reggae Music.

üben und auf einen Hit warten

„Reggae“, meint Sonia Pottinger, Managerin der Gruppe Culture, seit zwanzig Jahren in diesem Geschäft und, wie sie selbstbewußt bemerkt, „die einzige Produzentin der Welt“, „ist eigentlich nur ein Rhythmus, dieser schwere Beat von Schlagzeug, Baß und Rhythmusgitarre, den weiße Musiker nie so fühlen werden wie wir. Darum kommen sie auch nach Jamaika und verpflichten bei uns Studiomusiker, wenn sie Reggae-Songs aufnehmen wollen. Der Rhythmus ist alles. Weiße werden ihn nie so begreifen.“

Womit sie vielleicht nicht ganz unrecht hat. In den großen Hotels an der Nordküste lassen sich die nordamerikanischen Touristen, die etwa 85 Prozent der Besucher darstellen, lieber von Calypso- und Disco-Rhythmen, La Bionda- und Bee Gees-Songs berieseln. Aber auch die weißen Rockmusiker von Paul Simon bis Rod Stewart und den Rolling Stones bis Eric Clapton engagieren im Zweifelsfall die Session-Stars der Insel für ihre Reggae-Produktionen, wenn sie diesen schleppend-hypnotischen Zwei-Vier-Beat und jenen fetten Baß haben wollen, der später das wesentlichste Element der Disco Music wurde.

Wer sich in Jamaika als Session-Profi profilieren konnte, verdient eine Menge Geld. Die übrigen müssen zu Hause üben, auf einen Hit warten oder – wenn sie von einem amerikanischen oder vorzugsweise britischen Talentsucher entdeckt wurden – im Ausland auf Tournee gehen. Denn die Club-Szene, die noch bis vor wenigen Jahren blühte, ist tot, und Live-Konzerte zu veranstalten, bei denen sich auch neue Bands einen Namen machen könnten, ist so teuer geworden, daß man Reggae-Bands öfter in München, Amsterdam, Paris oder Manchester (und natürlich in London) treffen kann als in Kingston, Montego Bay oder Ocho Rios.

Selbst die besseren Bands, die hin und wieder in den Hotels der Nordküste engagiert werden, spulen mit Rücksicht auf Management und Touristen lieber Calypso-, Disco- und Pop-Hits ab, als daß sie „Roots Reggae“ spielen. Eine der seltenen Gelegenheiten, Live-Reggae in Jamaika zu hören, wird das „Reggae Sunsplash II“ sein, eine Art von Woodstock-Festival der populärsten und sonst nur noch im Ausland auftretenden Reggae-Bands mit Toots & The Maytals, Third World, Inner Circle und vermutlich auch Bob Marley & The Wailers; das Fest findet vom 3. bis 7. Juli bei Montego Bay statt.

Der Grund für den Exodus der Reggae-Gruppen ist simpel: Das kleine Land mit der extrem defizitären Außenhandelsbilanz und der prekären Wirtschaftslage kann die vielen Musikertalente, die da nachwachsen, unmöglich alle ernähren, geschweige denn fördern. Und nicht nur das: wer keine guten Beziehungen zu den lizenzierten Importeuren von Instrumenten, Mikrophonen, professioneller Elektronik und Musikalien aller Art pflegt, muß sie sich als Produzent, Musiker oder Besitzer eines Aufnahmestudios im Zweifelsfall auf abenteuerlichem Wege besorgen. Im anderthalb Flugstunden entfernten Miami gäbe es alles zu kaufen; aber Importrestriktionen und eine streng bürokratische Lizenzpolitik machen Produzenten, Managern und Musikern bisweilen das Leben schwer. Viele von ihnen sind schon nach Nassau oder Miami ausgewichen.

Während viele, mit denen ich während meiner Recherchen in Jamaika sprach, auf keinen Fall namentlich genannt werden wollten, nahm Jack Ruby, der Manager des Reggae-Stars Burning Spear, ein recht prominenter Produzent und ein Originalem Musikgeschäft des Landes, kein Blatt Vor den Mund. Die amerikanischen Plattenfirmen, so meinte er, die ihre Leute nach Jamaika schicken, wollten die Musiker dort nur ausbeuten und kauften ihnen für billiges Geld Songs und Bänder ab. Aber auch britische Plattengesellschaften wie Island oder Virgin Records, die wichtigsten Verteilerfirmen für Reggae in Europa, pflegten angeblich eine kolonialistische Attitüde und investierten nicht wirklich ausreichendes Geld in die Entwicklung guter neuer Bands.

Ein anderer Produzent behauptete sogar, daß viele hervorragende Musiker des Landes, die den hoch im Kurs stehenden Reggae-Stars alles beigebracht hätten, was sie heute können, brotlos und in Europa vollkommen unbekannt seien, weil man ihnen keine Chance gebe: „Chris Blackwell, der Chef von Island Records, war schon sehr clever, als er das ,Charisma‘ von Bob Marley erkannte und ihn zielstrebig zum Star aufbaute. Daran ist auch nichts auszusetzen. Aber andere, die genauso gut sind, haben keine Chance bekommen.“

Ob tatsächlich ungezählte Musikertalente Jamaikas vergeblich bei den neun Aufnahmestudios von Kingston anklopfen, weiß ich nicht. Die Studios, die ich dort sah, waren ausgebucht. Im Reggae-Rhythmus vibrieren auch die kleineren Orte im Inneren des Landes, nicht nur Kingston. Der Reggae-Star Bob Marley hat gerade erst ein neues Tonstudio für 250 000 Dollar im besten Viertel Kingstons eingerichtet und damit nicht nur ein symbolisches Zeichen gesetzt. Und selbst zwei Jazzmusiker, mit denen ich sprach, beurteilten die Lage nicht so pessimistisch wie der zitierte Produzent.

Eine Stimme zum Lachen und Weinen

Nach jahrelanger Aufbauarbeit für die, wie sie meinen, besten Gruppen Jamaikas, nach dem Millionenseller „Rivers of Babylon“ und dem Erfolg von Gruppen wie den Wailers, Third World, Culture und Inner Circle hoffen die europäischen Plattenfirmen jetzt auf den endgültigen Durchbruch der Reggae Music, nicht zuletzt als Disco-Attraktion. Und vielleicht werden die Namen der besten Musiker, die im Reggae-Stil spielen, auch bei uns bald bekannter: die Twinkle Brothers und Gregory Isaacs, Junior Murvin und nicht zuletzt Fred „Toots“ Hibbert mit seinen Maytals, der Mann, der mit so viel Soul in der Stimme zum Lachen und Weinen bringen kann wie einmal der große Otis Redding.

Nur sollen die Botschaft nicht alle hören dürfen, jedenfalls in England, wo viele Exil-Jamaikaner zum großen Teil unter ziemlich unerträglichen Bedingungen leben. Die BBC hat gerade verboten, in ihren drei Programmen das neue Album „Forces of Victory“ von Linton Kwesi John zu spielen. Die Texte des Reggae-Poeten, der unter anderem auch Sozialarbeiter und juristischer Berater für viele seiner Landsleute ist, sind der BBC zu radikal. Songtitel: „Fite dem back“, „It noh funny“, „Reality poem“; die Musik hat im Gegensatz zu den meisten Rocksongs tatsächlich mit der Alltagsrealität der Menschen zu tun, die sie hören. Also „zu radikal“.

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Unter dem Motto „Reggae By Bus“ veranstaltet die Plattenfirma Ariola, der wichtigste „Verteiler“ für Reggae Musik in der Bundesrepublik bis zum 26. Mai eine Informationsschau in verschiedenen deutschen Großstädten. Die Tournee (Eintritt und audiovisuelle Information kostenlos) ist noch in folgenden Städten geplant: 10.5.: Münster; 11. 5.: Köln; 12. 5.: Düsseldorf; 14. 5.: Aachen; 15. 5.: Bochum; 16. 5.: Dortmund; 17.5.: Osnabrück; 18.5.: Bielefeld; 19.5.: Wiesbaden; 21. 5.: Frankfurt; 22. 5.: Mannheim; 23. 5.: Karlsruhe; 25.5.: Stuttgart; 26.5.: Nürnberg.