Mein Verleger will zu seinem 80. Geburtstag nicht öffentlich gefeiert, abgebildet oder sonstwie in die Zeilen gerückt werden; doch da der Respekt des Autors vor Verleger wünschen Grenzen kennt, soll ihm Ehrung zugemutet werden.

Eduard Reifferscheid ist nicht zu übersehen, nicht zu umgehen, er, nur notdürftig verborgen hinter der Luchterhand, wirft einen geräumigen Schatten. Jemand, dessen Verlag auf zwei Beinen steht und – um es kurz zu sagen – mit Hilfe von Loseblattdrucken (Steuertabellen) sein Literaturprogramm finanziert hat. Neuerdings sollen die Produkte der Poeten sogar einen kleinen Gewinn abwerfen. Ein Verleger wider die Monokultur.

Schon vor zwanzig Jahren, als ich ihn kennenlernte, kam er – was nur die rundum Dicken können – leichtfüßig auf mich zu: mit einem weitsichtigen, nicht von Optionsklauseln belasteten Vertragsentwurf, mit der dahingeplauderten Aufzählung aller ihm eigenen Gebrechen, mit der mehrmals versicherten Androhung seines bald zu erwartenden Todes und mit einer heißhungrigen, alle Gänge vorauskostenden Einladung zum Mittagessen in Neuwieds Gasthof „Zum Wilden Mann“. Den Gasthof gibt es nicht mehr: abgerissen im Sanierungstaumel der bundesdeutschen Abrißgesellschaft; doch Eduard Reifferscheid ist, allen schlimmen Ankündigungen zum Trotz (und in Gesellschaft aller ihm treu gebliebenen Gebrechen) immer noch wohlbeleibt leichtfüßig da: ein neugieriger, glückhaft aufs Risiko setzender, so vergeßlicher wie erinnerungswütiger, man staune: lesender Verleger. Einer von der alten, unentwegt fortschrittlichen Sorte. Ein Kapitalist mit jungsozialistischen Anwandlungen. Ein sich in betriebswirtschaftliche Ordnungsprinzipien rettender Anarchist. Ein Legendenproduzent, der sich seiner Zunft gern in wechselnden Rollen zeigt: mal als hochgekommener Kleinbürger mit Mercedes-Status, mal als gerissene, das Wichtigste verschweigende Plaudertasche, dann wieder als hauptberuflicher Weinkenner, dem die Literatur nur (kostspielige) Liebhaberei ist, plötzlich als Charmeur und Dandy, dem kein Jackett großkariert genug ist, und nur selten (mit Vorzug nach dem Essen) als Melancholiker von barocker Machart; Alles ist eitel.

So lieben ihn seine Autoren, so widersprüchlich ist er ihnen ein Ärgernis. Sie sind ihm treu geblieben, die meisten. Unbekannte kamen dazu, wuchsen sich aus von Buch zu Buch. Das Abwerben von schon bekannten, sogenannten erfolgreichen Autoren ist ihm verächtlich. (Diese Praxis hat er jenem Typ des Verlegers überlassen, der sich als Kulturpächter mißversteht.) Und nur, als es vor drei, vier Jahren um den „Autorenbeirat“, um ein Stück Mitbestimmung im Luchterhand Verlag ging, gab er sich so lange sperrig, bis er (ich weiß nicht, wovon überzeugt) allen Verlegern voran den Sprung wagte: wohlbeleibt leichtfüßig.

Wir wissen nicht, wie lange er noch will oder kann. Doch für seine Nachfolge sind wir nun mitverantwortlich. Das mag ihn beruhigen und uns belasten. Denn immer noch sind wir denkbar, wenn wir seine Dreinsprache – angeblich steht er abseits – befürchten dürfen. Kein Management kann ihn ersetzen. Jedes Team wiegt er auf. Ein gewichtiger Mann. Eduard Reifferscheid zählt 80. Wir Autoren gratulieren uns.

Günter Grass