„Der Gaukler“: ein Schlüsselroman über Solschenizyn und die Dissidenten

Von Hans C. Blumenberg

Wer wollte das nicht lesen: „Ein Buch, das kommen mußte. Ein Buch, das gebraucht wird. Ein Buch, auf der Höhe unserer Zeit, voll Spannung und Dynamik, ein Buch, das verstehen hilft und klüger macht.“ Nein, das ist nicht die jüngste Reklameformel aus demHause Droemer, keine Annonce für den neuen Simmel, sondern der letzte Absatz einer von Harald Hauser gezeichneten Literaturbetrachtung (Rezension mag ich. das nicht nennen) aus einer Tageszeitung, die Neues Deutschland heißt. Der atemlose Slogan gilt einem Buch, das man getrost einen Bestseller nennen darf, dem sogar der stellvertretende DDR-Kulturminister bescheinigte, es sei „ein Renner“ –

Harry Thürk: „Der Gaukler“, Roman; Verlag Das Neue Berlin, Berlin (DDR), 1978; 644 S., 14,80 Mark.

Harry Thürk ist einer der meistgelesenen und produktivsten Schriftsteller der DDR. Mit Titeln wie „Der Wind stirbt vor dem Dschungel“, „Die Stunde der toten Augen“, „Der Tod und der Regen“ oder „Amok“ erreichte er eine Gesamtauflage von an die drei Millionen Exemplaren (einschließlich Übersetzungen). „Der Gaukler“ ist sein dreizehnter Roman, und nebenbei schrieb er noch diverse Drehbücher.

„Ich schreibe nicht, um mich mit mir selbst zu verständigen, ich schreibe Geschichten, die meinen Lesern zeitgeschichtliche Wirklichkeit bewußt und durchschaubar machen sollen. Dabei ist mir bewußt, daß die Unterhaltungs-, auch die Spannungskomponente in einem Buch bei einer großen Zahl von Lesern sozusagen über die „Genießbarkeit‘ des Angebotenen entscheidet. Unterhaltsamkeit und Spannung beeinträchtigen bei disziplinierter Handhabung der Mittel keineswegs dessen künstlerischen Wert.“ Diese Sätze gab der fleißige Genosse Thürk 1977 im Neuen Deutschland zu Protokoll, und wohl nicht ganz zufällig klingen sie wie Originalton Simmel. Das Handwerk der Kolportage ist gesamtdeutsch, auch der moralische Anspruch der Unterhaltungsliteratur. Harry Thürk sucht ihn „im spannungsbetonten, unterhaltsamen, sozialistischen Abenteuerroman“.

Aus dem Klappentext des „Gauklers“: „In Moskau und Leningrad spielt die Handlung dieses Buches, in New York und Miami Beach, in Westberliner Nobelhotels und in den verschneiten Bergen Bayerns: eine Geschichte von Intrige und Manipulation, Irreführung und grandiosem Bluff. Aber auch die Geschichte einer liebenswerten Frau, deren Leben in den Händen eiskalter Geheimdienstleute liegt.“ Schöner hätten es auch Willy Droemers Propagandatruppen nicht formulieren können: Sex and Crime im internationalen Jet-set-Milieu. Dennoch wird Harry Thürk, 52 Jahre alt, wohnhaft in Weimar, nicht so leicht einen westdeutschen Verleger finden. Zwar gleichen seine Rezepte denen der Habe, Kim und Konsalik zum Verwechseln, doch seine „Botschaften“, mit denen es ihm so grimmig ernst ist wie Johannes Mario Simmel mit den seinen, dürften außerhalb der DKP in der Bundesrepublik kaum Freunde finden.