Von Karl-Heinz Janßen

Eine russisch-deutsche Emigrantin, die Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit zum Tee lädt, mit Herbert Marcuse korrespondiert und Historikern Interviews gewährt, eine temperamentvolle Zeugin bewegter europäischer Vergangenheit, hat vor zwei Jahren auf englisch ihre Erinnerungen an die Sturm-und-Drang-Jahre der Kommunistischen Partei Deutschlands niedergeschrieben. Das Buch wurde nun von Professor Hermann Weber in dem Land herausgegeben, für das es eigentlich bestimmt ist:

Rosa Meyer-Leviné: „Im inneren Kreis. Erinnerungen einer Kommunistin in Deutschland 1920–1933“; aus dem Englischen von Barbara Bortfeldt; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1979; 404 S., 34,– DM.

Einem breiteren Publikum wurde die Verfasserin vor einigen Jahren bekannt, als sie die Biographie ihres ersten Mannes, Eugen Leviné, veröffentlichte. Leviné, der fähigste Führer der Münchner Räterepublik, war 1919 vor ein Militärgericht gestellt und hingerichtet worden. Beide – der hochgebildete Großbürgersohn aus Petersburg und die frühreife Rabbinertochter aus Grodno – hatten sich schon vor dem Ersten Weltkrieg im deutschen Kaiserreich niedergelassen wie so manche russischen Intellektuellen und Künstler, die das politisch-kulturelle Leben unseres Volkes in vielfältiger Weise angeregt haben.

Die Witwe heiratete drei Jahre später einen der bedeutendsten Männer der KPD, Ernst Meyer, einen feinsinnigen Intellektuellen, der so gar nicht in das Kommunistenklischee des deutschen Spießers passen will, aber auch in seiner eigenen Partei nur zu bald unter die Räder des Apparats gekommen ist. An seiner Seite hat Rosa Meyer-Leviné aus der Nähe die selbstmörderischen Fraktionskämpfe im Zentralkomitee der jungen Partei erlebt, die mit der freiwilligen Unterwerfung unter das stalinistische Kominternjoch endeten.

Wie bewährte Artgenossen und opferbereite junge Idealisten allmählich durch den Terror des Parteiapparats psychisch und physisch zerbrochen wurden – darüber gibt es viele Dokumentationen, auch Dichtungen von bestürzender Gewalt. Aus dem Buch dieser scharf beobachtenden Frau erfahren wir nun, daß sich diese Entwicklung schon in den zwanziger Jahren auch in Deutschland abzuzeichnen begann, ja, die deutschen Genossen waren den russischen in der Konsequenz des rücksichtslosen Machtkampfes um Längen voraus.

Rosa Meyer-Leviné muß sich in dieser Welt der Komintern, und der Zentralkomitees wie die einzig Lebende unter Lemuren bewegt haben. Noch heute fassungslos, berichtet sie, wie bereits 1922 bei den ersten Säuberungen, die zwar mit Parteiausschluß enden könnten, aber ansonsten harmlos verliefen, die verdächtigen Genossen in Moskau immer nachts durch Klopfen an der Tür geweckt und vor das Parteigericht zitiert wurden. Auf ihre naive Frage, warum sich denn niemand über diese unnötige Grausamkeit beschwere, erhielt sie die entwaffnende Antwort: „Wir dürfen uns in die Angelegenheit der Administration nicht einmischen.“

Die übermenschliche (oder unmenschliche) Disziplin der Kommunisten ist es, die Rosa Meyer-Leviné auch bei ihrem eigenen Mann immer wieder entsetzt. Ernst Meyer war es gewesen, der die Partei nach den abenteuerlichen, unverantwortlichen Aufständen im März 1921 wieder auf die Beine gestellt hatte. In seiner unterkühlten, feinen Art war er den skrupellosen Radikalen vom linken Flügel nicht gewachsen; auf Intrigen reagierte er „hilflos wie ein Kind“; das Instrumentarium innerparteilicher Demokratie zerbrach ihn unter der Hand. Er war viel zu anständig für die Drahtzieher der Kommunistischen Internationalen, die ihre russischen Fraktionskämpfe auf Deutschland übertrugen, sich aber nach selbstverschuldeten Krisen wieder auf die erfahrenen Funktionäre der Mittelgruppe um Meyer stützen mußten. Doch Stalin, der auf den ihm hörigen, unkomplizierten, volkstümlichen „Teddy“ Thälmann setzte, sorgte 1926 dafür, daß sich die Partei solch unabhängiger Geister wie des Intellektuellen Meyer entledigte – er brauchte blinde Loyalität.

Ernst Meyer wurde zur Selbstkritik genötigt, der ersten Stufe seiner Entrechtung. Er hat sich lange und zäh gewehrt, vier Entwürfe verfaßt, bis er sich „bedingungslos und vorbehaltlos“ einem Zentralkomitee unterordnete, für das er nur Verachtung empfand. Seine Frau erinnert sich: „Für Ernst bedeutete es, daß et seine moralische Integrität preisgab. Er kehrte als kranker Mann aus Moskau zurück.“

Der Selbsterniedrigung fügte die Komintern die lügnerische Verleumdung hinzu. Damit nicht genug, wurde dem todkranken Funktionär und seinen Freunden die völlige Kapitulation abgefordert. Langjährige Freunde und Kampfgefährten wagten es nicht mehr, Meyer am Krankenbett aufzusuchen. Noch über das Grab hinaus, im Nachruf der Partei, den Wilhelm Pieck verfaßte, wurde er diffamiert.

Neben Meyer lernen wir – in lebendiger, anekdotenreicher Erzählung – eine Reihe anderer führender Kommunisten kennen. Wie reich war diese junge Arbeiter- und Intellektuellenpartei selbst noch nach der Ermordung von Liebknecht, Luxemburg und Jogiches Rosa Meyer-Leviné läßt sie Revue passieren: die geistreiche österreichische Gräfin Hermynia zur Mühlen, den späteren China-Forscher Wittfogel, den Millionär Felix Weil (der das Institut für Sozialforschung gründete), den Studenten Richard Sorge („Apollo persönlich“), hernach Stalins Meisterspion, den propagandistisch wie kaufmännisch gleicherweise talentierten Willy Manzenberg, den hochbegabten Heinz Neumann, den fast genialen, schillernden Gerhart Eisler, nicht zuletzt seine Schwester, die junge, mitreißende Parteiführer „Ruth Fischer“, die von der Autorin nicht ohne leise Bosheit geschildert wird („ein rundes, frisches Gesicht, das an ein hübsches Zimmermädchen denken ließ, eine Figur, die schon Anzeichen künftiger Beleibtheit erkennen ließ“). Fesselnd auch die mit leichter Hand skizzierten Persönlichkeitsbilder von Lenin, Trotzkij, Radek, Sinowjew, Bucharin.

In den Schilderungen der „glücklichen“ mittzwanziger Jahre in der Sowjetunion steckt noch der Widerhall jener Aufbruchstimmung einer Sowjetgesellschaft, deren Himmel voller Geigen hing, während sich hienieden schon die von der Macht und von den Reizen bürgerlichen Daseins korrumpierte Neue Klasse ausbreitete. In der deutschen wie in der russischen Partei – welch ein Sturz aus den lichten Höhen ursprünglichen revolutionären Geistes in die reine Barbarei: 1922 fragt Trotzki noch seinen deutschen Genossen Meyer, ob man die zum Tode verurteilten Sozialrevolutionäre als Geiseln in Haft halten solle; die Sowjets lassen sich überstimmen und heben das Urteil auf. Sechs Jahre später, beim Moskauer Schauprozeß gegen die „Wirtschaftssaboteure“, kommen der Genossin Meyer-Leviné erstmals „schmerzliche Zweifel an der Unfehlbarkeit der Sowjetjustiz“.

Rosa Meyer-Leviné hat rasch dazugelernt. Vier Tage vor Hitlers Machtergreifung 1933 verläßt sie die Sowjetunion und kehrt nach Deutschland zurück, weil sie unter Stalin die Luft nicht mehr atmen mag. Bald muß sie wieder ihre Koffer packen – über Paris gelangt sie nach London, wo sie Zeit genug findet, über die Tragödie ihrer Partei nachzudenken, die trotz der charakterschwachen Führung wieder zur Massenpartei geworden war und sechs Millionen Wähler auf sich gezogen hatte. Aber dieses Wachstum „hatte ebensowenig am geistigen Stillstand, am Zynismus und an der Korruption etwas ändern können“.

Das Buch der hochbetagten Dame aus London endet mit einem überraschenden Bekenntnis zur kommunistischen Revolution, von der sie meint, daß sie im Westen ohne Blutvergießen zu erreichen wäre. Aus ihren Worten spricht der Glaube an die reine Lehre, von der man angesichts deprimierender Erfahrungen mit der Praxis kommunistischer Staaten nur zu leicht vergißt, daß sie einer menschlichen, menschheitsbeglückenden Idee verpflichtet sein will.

Hermann Weber hat diese Erinnerungen sauber ediert; ohne seine Einleitung würde sich der Leser schwertun, die politischen Zusammenhänge zu durchschauen. Lobend zu erwähnen sind die Anmerkungen, das Abkürzungsverzeichnis und die ausführlichen Personenregister, eben weil dergleichen heute nicht mehr selbstverständlich ist.