Ein Jahr noch muß der 62 Jahre alte pensionierte Hamburger Finanzrichter Dr. jur. Wilhelm Stäglich auf ein Fünftel seines Ruhegeldes verzichten. Weil der Nationaldemokrat in einem Zeitschriftenaufsatz die Krematorien des Vernichtungslagers Auschwitz zu Backöfen verharmlost hatte, war ihm durch einen Spruch in zweiter Instanz vom Richterdienstsenat beim Hanseatischen Oberlandesgericht für fünf Jahre die Pension gekürzt worden. Seine (abstruse) Meinung durfte er behalten.

Wenn unentwegte Braune dauernd aus Schwarz partout Weiß machen wollen, so ist ihnen wohl nicht zu helfen. Was sich allerdings Stäglich mit seinem neuen Buch geleistet hat, läßt selbst das Minimum an Zurückhaltung vermissen, das man auch von ehemaligen Staatsdienern erwarten darf. Der rechtsradikale Richterpensionär hat zu einer unverschämten Kollegenbeschimpfung gegen Richter, Staatsanwälte und Verteidiger des Frankfurter Auschwitz-Prozesses von 1965 ausgeholt.

Stäglich insinuiert, die Angeklagten im Frankfurter Auschwitz-Prozeß seien von den Justizbehörden „unter der Leitung des jüdischen Generalstaatsanwalts Bauer“ durch „physische Drangsalierungen“ in der Untersuchungshaft einer „Gehirnwäsche“ unterzogen und von ihren Verteidigern zu „Gefälligkeitsaussagen“ überredet worden. Darüber hinaus vergleicht er die Urteilsfindung mit dem Verfahren in mittelalterlichen Hexenprozessen und nährt den Verdacht, der ehemalige KZ-Kommandant Baer sei in der Zelle ermordet worden.

Der Doktor jur. Stäglich ist raffiniert genug, diese Unterstellungen durch Vorbehaltsvokabeln wie „möglicherweise“ oder „wahrscheinlich“, durch ein „dürfte“ hier, ein „nicht ausgeschlossen“ da zu entschärfen – doch nicht jeder junge Neonazi hat gelernt, Nuancen mitzulesen. Stäglichs Parteifreund Udo Walendy hatte sogar die Stirn, der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Literatur in Bonn zwölf Exemplare im vorab zu schicken – für jedes Mitglied eins. So frech wagen heute Neonazis aufzutreten.

Dem Hamburger Senat gelang es seinerzeit nicht, den Richter am Finanzgericht vorzeitig aus dem Dienst zu entfernen. Das Disziplinargericht begnügte sich mit der Gehaltskürzung. Wenn immerhin schon die Erlebnisberichte des einstigen Flakoffiziers – er hat angeblich in Auschwitz idyllische Zustände angetroffen – geahndet wurden, müßten sich seine Justizkollegen durch das provozierende Verhalten Stäglichs jetzt erst recht auf den Plan gerufen fühlen. Ist es denn wirklich so schwer, diesem Alt- und Neo-Nazi beizukommen? kj.