Stade

Was an einem Januarmorgen rund 23 000 Stader Haushalten zugeschickt wurde, nahm wohl fast 23 000mal den Weg, den Postwurfsendungen üblicherweise gehen: Sie wandern in die Mülltonne. Ein Stader Bürger jedoch blätterte die auf wasserfestem Papier gedruckte Kernkraft-Broschüre mit dem umständlichen Titel sorgfältig durch: Oberstudiendirektor Ulrich Uffrecht, Leiter der Buxtehuder Halepaghen-Schule, und seines Zeichens Physiker. Er las die „Unterrichtung der Öffentlichkeit über die Katastrophenplanung für die Umgebung des Kernkraftwerkes Stade“ Seite für Seite.

Am Ende der recht aufwendig gestalteten Druckschrift – bemüht locker in der Ausdrucksweise, als handele es sich um Tips zu einer harmlosen Alarmübung für Schulkinder – befand der Pädagoge und engagierte Atomkritiker: „Eine vollkommen unzulängliche sogenannte ‚Basisinformation‘, in der viele Dinge einfach nicht stimmen“, in der „Risiken verniedlicht und verkleinert werden.“

Zusammengefaßt in sechs Punkte und aufgegliedert in zehn Fragen teilte er Stades Oberkreisdirektor Gerhard Geerdts seine Bedenken mit. Gleichzeitig gab er das Schreiben als offenen Brief an das Buxtehuder Tageblatt, wo es prompt publiziert wurde.

Nun steht dem um seine und die Sicherheit seiner Mitbürger besorgten Lehrer möglicherweise ein Disziplinarverfahren ins Haus. Die Schulbehörde leitete Vorermittlungen ein: Verdacht eines Dienstvergehens. Er habe, rügte das Amt, beim Leser den Eindruck erweckt, „daß die zuständigen staatlichen Organe weder gewillt noch in der Lage sind, den Sicherheitsinteressen der Bevölkerung Rechnung zu tragen“. Zu fragen sei, ob der Beamte Uffrecht in seinen Formulierungen „das Gebot der Mäßigung und Zurückhaltung“ verletzt habe, ließ die Behörde in der Lokalpresse die Stader Bürger wissen, die ihrerseits per Leserbrief und Unterschriftenaktionen dem Rektor Rückendeckung gaben.

Uffrecht, als Pädagoge geübt, unverständlichen Stoff, einigermaßen verständlich darzulegen, hatte über die Lokalzeitung den Mitbürgern plausibel erklärt, was seiner Meinung nach von dem Stader Katastrophenplan zu halten sei, und was von offiziellen Äußerungen, ein Unfall à la Harrisburg könne für deutsche Kernkraftwerke ausgeschlossen werden – nämlich so viel wie nichts.

So konnten denn alle Betroffenen im örtlichen Tageblatt lesen, was für Stade wie für die gesamte bundesdeutsche Kernkraftwerkszene gilt: Zum Beispiel, daß Reaktorexplosionen nicht bloß durch eine sich bildende Knallgasblase eingeleitet werden wie in Harrisburg, sondern auch „spontan und ohne jede Vorwarnung etwa durch Versprödung des Druckbehälters.“ Daß nun Stades KKW-Druckbehälter an chronischer Versprödung leidet – mit ein Grund, weshalb das Werk vorübergehend abgeschaltet werden mußte – ist trotz amtlicher Anstrengungen längst kein Geheimnis mehr.