Berlin: „Heinrich Richter-Berlin“

Heinrich Richter-Berlin ist 95 Jahre alt. Gründungsmitglied der „Neuen Secession“ und der „Novembergruppe“, Mitarbeiter bei Herwarth Waldens „Sturm“ und später bei der „Aktion“, stand er doch im Schatten der Brücke-Künstler. Mit seinem selbstbewußten Individualismus hat Richter-Berlin es der Kunstkritik nie leichtgemacht Das Dogma von der Notwendigkeit harmonischer rhythmischer Beziehungen aller Bildteile zueinander war sein einziges. Richter-Berlin hat sich umgesehen. Picasso und Braque, die er auf dem Höhepunkt des analytischen Kubismus 1909 auf Vermittlung Otto Freundlichs kennengelernt hatte, gehörten wie auch Schmidt-Rottluff, Pfempfert, Pechstein oder Kanehl zum großen Freundes- und Bekanntenkreis des Malers. Neben diesen Künstlern entwickelte Heinrich Richter-Berlin seine Synthese aus atmosphärischem Lichtspiel und sachlichen Konstruktionselementen. Als einer der ersten, wie Ludwig Rubiner schon 1914 in der „Aktion“ bemerkte. 1912 hatte Richter-Berlin begonnen, derart eigenständige Wege zu gehen. Heute nennt er das etwas spöttelnd die „Kreiselphase“. Irritiert durch zwei Weltkriege und zeitweise auch durch die Arbeit als Filmarchitekt (unter anderem bei den ersten Murnau-Filmen) ließ ihn die Malerei doch nie los. Die Geburtstagsausstellung veranschaulicht an Hand ausgewählter Beispiele aus allen Schaffensperioden den weiten Weg des eigensinnigen Außenseiters vom „Leuchtturm Neufahrwasser“, 1904, bis zum heutigen Tag. Die erstaunliche Kontinuität dieses Werkes erreicht in den vitalen Alterswerken einen Höhepunkt. Auch mit 95 steht der Maler noch täglich vor der Staffelei. Und wiederholt sich nicht. Die Bedeutung von Heinrich Richter-Berlin für die Malerei der zwanziger Jahre in Deutschland ist bislang kaum gewürdigt worden. (Galerie Dorsch bis zum 10. Juni)

Peter Ruthenberg

Hamburg: „Alte und Moderne Kunst – Auktion Hauswedell & Nolte“

Spitzenobjekt in der modernen Abteilung ist eines der letzten Walchensee-Bilder von Lovis Corinth, in der Literatur bekannt als „Walchensee, Gemüsegarten“, datiert 1924, zuletzt ausgestellt 1958 in der Wolfsburger Retrospektive. Die Taxe liegt bei 360 000 Mark, während der „Frauenraub“ von 1918, ein bedeutendes Beispiel für Corinths dramatischen Figurenstil der Spätzeit, mit 50 000 Mark verhältnismäßig niedrig angesetzt ist. Außerdem gibt es einen frühen „Bacchantenzug“, aus seinen Münchner Jahren (80 000 Mark), sowie mehrere aquarellierte Selbstbildnisse, graphische Zyklen („Die Sündfluth“, von 1923) und Einzelblätter. Daß die Künstler jeweils mit ganzen Werkgruppen präsentiert werden, ist ein seit Jahren bewährtes Prinzip bei den Hamburger Auktionen. So findet man von Beckmann zunächst zwei extrem unterschiedliche Gemälde: „Kleopatra“ von 1910, ein verblüffendes Frühwerk, das in seiner märchenhaft üppigen Farbigkeit geradezu an Moreau denken läßt, und die „Mondlandschaft im Gebirge mit Schnee“ von 1934, in den harten Konturen der zweiten Berliner Periode (60 000 und 90 000 Mark). Unter der Graphik sind so seltene Dinge wie „Eurydikes Wiederkehr“ (Beckmanns erstes illustriertes Buch) und die Lithographien aus der „Hölle“ hervorzuheben. Nolde ist, nach alter Hauswedell-Tradition, in imponierender Breite vertreten, wobei die enorm unterschiedliche Bewertung offenbar dem Grad der Beliebtheit Rechnung trägt: ein frühes und dunkles Ölgemälde, charakteristisch für den jungen Nolde, ist auf 24 000 Mark taxiert, die begehrten farbintensiven Blumen- und Landschaftsaquarelle dagegen sollen 50 000 und 60 000 Mark bringen. Eine kostbare kleine Sonderschau bilden Zeichnungen von Klee aus seinen Bauhaus-Jahren. Auch Barlach, die Kollwitz, Kolbe, Feininger, Hofer sind mit größeren Kollektionen präsent. Zu den wichtigsten Einzelwerken zählen ein Kokoschka-Porträt von 1914, eine „Apokalyptische Landschaft“ von Meidner, die „Promenade du Père Ubu“ von Georges Roualt und „La Lumiere des Coincidences“ von Magritte. In der Abteilung Alte Kunst werden Zeichnungen aus der Dürerzeit und aus dem Umkreis von Rembrandt angeboten, aus der Kunst des 19. Jahrhunderts verdienen ein umfangreiches Graphik-Konvolut von Géricault und ein Damenbildnis des hochgeschätzten Waldmüller (30 000 Mark) besondere Aufmerksamkeit. (Hauswedell & Nolte, Versteigerung vom 7. bis zum 9. Juni, Kataloge 10 Mark und 35 Mark)

Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen