Nur die Mafia muß büßen

Von Alexander Mayr

Wenn am Montag im Gemeindesaal von Chiasso Staatsanwalt Paolo Bernasconi die Anklageschrift verliest gegen Ernst Kuhrmeier und Claudio Laffranchi, die beiden ehemaligen Direktoren der Filiale Chiasso der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA), reißt er verheilte Wunden auf. Denn der Finanzplatz Schweiz hat den "Fall Chiasso", in dem der Ankläger den beiden Direktoren ungetreue Geschäftsführung aus Gewinnsucht, Veruntreuung von Kundengeldern, Urkundenfälschung und Verletzung des Bankengesetzes vorwirft, erstaunlich schnell verdaut. Dauernde Schäden, was das Vertrauen in die Sicherheit der Schweizer Großbanken anbelangt, sind nach ersten Zweifeln, die sich kurz nach Bekanntwerden der Affäre im Rückzug von Kundenguthaben manifestierten, nicht zurückgeblieben.

Blenden wir kurz zurück. Am Abend des 14. April 1977 tickerte die Schweizerische Kreditanstalt den überraschten Zeitungsleuten eine Mitteilung in die Redaktionsstuben, daß bei einem ausländischen Großkunden der Filiale Chiasso Rentabilitäts- und Liquiditätsprobleme bestünden, woraus der Bank vermutlich ein Verlust von 250 Millionen Franken entstehen werde. Für die Bank sicher eine schmerzliche Sache, aber kein Grund zur allgemeinen Beunruhigung.

Doch dann eskalierte der Fall, eine Hiobsbotschaft jagte die andere. Als die Schweizerische Nationalbank, um Öl auf die Wogen zu gießen, der SKA in Zusammenarbeit mit den beiden anderen Großbanken einen Stützungskredit von drei Milliarden Franken anbot, war die Verwirrung komplett.

Langsam aber sicher kamen die Hintergründe ans Tageslicht. Beim "ausländischen Großkunden" handelt es sich um die von den ungetreuen Filialdirektoren aus Chiasso gegründete Liechtensteiner Briefkastenfirma Texon Finanzanstalt. Über sie hatten die Direktoren eine ganze Reihe angeschlagener italienischer Firmen zusammengekauft, die sie nach erfolgreicher Sanierung mit einem fetten Gewinn weiterverkaufen wollten. Doch die Rechnung ging nicht auf, die in Vaduz residierende Texon, deren Bücher freilich in Chiasso geführt wurden, geriet immer tiefer in die roten Zahlen.

Finanziert wurde sie mit Fluchtgeldern italienischer Klientel der SKA-Filiale im Tessin. Die Gelder strömten reichlich. Denn die ungetreuen Filialdirektoren lockten mit weit über den Marktsätzen liegenden Zinsen. Eine Garantieerklärung der SKA machte das Engagement für den Kunden risikolos. Diese von den Filialdirektoren ohne Genehmigung abgegebenen Garantieerklärungen wurden der Bank zum Verhängnis. Sie mußte neben den Krediten auch sämtliche Einlagen der maroden liechtensteinischen Gesellschaft garantieren. Unter dem Strich summierten sich zwei Milliarden Franken, von denen die Bank fast zwei Drittel abschreiben mußte.

Wie hoch der Schaden insgesamt sein wird, hängt davon ab, zu welchem Preis die italienischen Firmen, zu denen die Banker vom Zürcher Paradeplatz gegen ihren Willen gekommen sind, wieder verkauft werden können.

Nur die Mafia muß büßen

Hatte die Affäre auch keine negativen Auswirkungen auf das Publikumsvertrauen in die Schweizer Großbanken, ganz ohne Nebengeräusche ging sie nicht ab. Für die Schweizer Sozialdemokraten war der Chiasso-Skandal ein gefundenes Fressen. Er ließ. sich als Zugpferd vor den eigenen Karren, sprich Bankeninitiative, spannen. Die indes würde sich besser Anti-Bankeninitiative nennen. Denn mit ihr gedenkt die Schweizer Linke das Bankgeheimnis zu Fall zu bringen. Können die Sozialdemokraten innerhalb von achtzehn Monaten hunderttausend Unterschriften Gleichgesinnter beibringen, dann werden die Eidgenossen in einem Plebiszit darüber befinden müssen, ob "Banken, Finanzgesellschaften, Anstalten und andere Personen, die gewerbsmäßig Vermögen Dritter entgegennehmen, verwalten oder veräußern", den Behörden und Gerichten nicht nur wie bislang in Straf-, sondern auch in Steuersachen Auskunft geben müssen.

Der Chiasso-Prozeß, finden die Sozialdemokraten, eigne sich besonders, die Unterschriftensammlung so richtig ins Laufen zu bringen. Daß die notwendigen Unterschriften zusammenkommen werden, bezweifelt kaum jemand. Noch ist das Bankgeheimnis aber nicht verloren, meint indes die Hochfinanz, denn die Ablehnung der Initiative in der Volksabstimmung gilt als fast ebenso sicher.

Trotzdem, so ganz wohl ist den Bankern bei dem Gedanken an die Bankeninitiative der Linken auch wieder nicht. Um ihren guten Willen zu beweisen und sich vom Ruch zu befreien, Gelder für die Mafia und andere Kriminelle zu verwalten, schlossen sie mit der Nationalbank flugs ein Gentlemen’s Agreement ab. Das verbietet nicht nur die Annahme von Geldern, deren Ursprung nicht eruiert werden kann, sondern auch die aktive Beihilfe zur Kapitalflucht.

Im Netz der Vereinbarung, die bei Zuwiderhandlung Konventionalstrafen von bis zu zehn Millionen Franken vorsieht, blieben schon zwei Banken hängen. Eine hatte mit einem Trick ihren italienischen Kunden zu heißbegehrten Frankenguthaben verholfen, ohne daß auch nur eine einzige Lira schwarz über die Grenze gebracht wurde. Die Einzahlungen tätigte der Kunde bei einem Vertreter der Bank, der sich dazu regelmäßig nach Italien begab. Wollte ein Bankkunde Geld von seinem Bankkonto abheben und in Lira umtauschen, schrieb die Bank dessen Franken einem anderen italienischen Kunden gut und bezahlte den ersten mit dessen Lira aus.

Anders als der Herstatt-Fall in Deutschland hat Chiasso den Aufbau einer Einlagensicherung durch die Schweizer Banken nicht beschleunigt – vermutlich, weil kein Kunde zu Schaden kam. Die Einlagensicherung ist den Schweizer Banken noch immer ein Dorn im Auge. Mit Beiträgen an einen Feuerwehrfonds, argumentieren die seriösen Institute, würden sie die Kundschaft nur in die Hände unseriöser Konkurrenz treiben. Die würde höhere Zinsen zahlen und das Risiko der Kunden trüge der Feuerwehrfonds. Zwei Schritte vorwärts, einen zurück lautet daher die Taktik der Banken in Sachen Einlagensicherung. Vorwärts in Richtung freiwilliger Lösung geht man nur, wenn die Bankenaufsichtsbehörde wieder einmal droht, gesetzliche Einlagensicherung einzuführen.

Waren die Auswirkungen von Chiasso auf den Finanzplatz Schweiz wenig gravierend, hinterließ die Affäre bei der Bank selbst deutlichere Spuren. Geändert hat sich vor allem ihre Einstellung zur Öffentlichkeit. Aktion, nicht mehr Reaktion, lautet jetzt das Motto. Statt mit flauen Kommuniqués auf unliebsame Zeitungsartikel zu antworten, ging die SKA selbst zum Angriff über und lieferte von sich aus Informationen.

Und die Banker brachten es gar fertig, dem Chiasso-Skandal auch eine gute Seite abzugewinnen. Denn waren früher zwar die Kürzel der Konkurrenten Schweizerische Bankgesellschaft und Schweizerischer Bankverein den Eidgenossen ein Begriff, nicht aber SKA, hat sich das seit Chiasso gründlich geändert. Der Preis sei, bemerkte dazu Helvetiens Wirtschaftsmagazin Bilanz sarkastisch, freilich "etwas hoch" gewesen.