Die elektronische Widervereinigung der Deutschen vor ihren Fernsehgeräten wird der DDR-Führung unheimlich. Ihre Medien-Politik zielt auf die totale Kontrollealler Meinungen im Lande

Ein Bericht über die Öffentlichkeit in der DDR von Michael Naumann, Joachim Nawrocki und Josef Joffe. Mit Beiträgen von Marlies Menge (S. 10) und Dieter Borkowski (S. 12)

Ein genehmigungspflichtiges Fernseh-Interview im Sinne der DDR-Zensoren war es nicht. Eher Heym-Kino.

Der ZDF-Korrespondent in Ostberlin, Peter van Loyen, hatte einem der prominentesten Autoren der DDR, Stefan Heym, lediglich die technischen Geräte seines Berufes – Kamera, Tonbandgerät, Beleuchtung – geliehen. Der unbequeme Dichter klagte, ganz unbefragt auf seinem Sofa sitzend, die SED-Obrigkeit plane, ihn „aus dem Lande zu graulen“.

Doch statt des Dichters feuerte die SED den Mainzer Journalisten. Sogar Bundeskanzler Helmut Schmidt, dem niemand ein liebevolles Verhältnis zu Journalisten im allgemeinen und zu ihrem Beruf im besonderen nachsagen kann, zeigte sich betroffen: Dies sei, meinte er in seinem Bericht zur „Lage der Nation“, ein „ernster Rückschlag“ für das Bemühen der Bundesregierung um korrekte Beziehungen zur DDR – auch wenn man bedenke, daß drüben unter „Pressefreiheit“ etwas anderes verstanden werde als bei uns.

Heyms farbig gefilmte Botschaft aus dem Reich der gegängelten Kultur war vom ZDF in den Abendnachrichten heute ausgestrahlt worden. Sein Protest gegen die kleinkarierten Maulkorb-Maßnahmen, hüben wie drüben zu empfangen, mobilisierte einen Herrn Meyer im Botschafterrang. Dieser Abteilungsleiter „Presse“ im Ostberliner Außenministerium zitierte am 14. Mai um 13.00 Uhr den ZDF-Mann zu sich und äußerte sich amtsdeutsch: „Herr van Loyen, es betrifft Ihren Beitrag vom 12. 5. 1979 in der Sendung heute... Wir haben Ihnen ab sofort die Akkreditierung als Korrespondent in der DDR entzogen. Sie haben die DDR innerhalb von 24 Stunden zu verlassen.“

Ostberlin, stets vom Ehrgeiz beflügelt, Weltniveau in allen Lagen zu erreichen, ist seitdem in der Behinderung und Ausweisung von Journalisten zumindest Europameister.