Hamburg

Bei 40 Kommunalpolitikern der Freien und Hansestadt Hamburg wird seit einem Jahr an fast jedem letzten Donnerstag im Monat das Abendessen kalt. Die Sitzungen in der Bezirksversammlung Eimsbüttel, einem von acht „Kreistagen“ im Stadtstaat an der Elbe, dauern oft bis in die frühen Morgenstunden. Der Grund: Zwei Abgeordnete der „Bunte Liste/Wehrt Euch – Initiativen für Demokratie und Umweltschutz“ (BL): Ilona Kiene (27) und Christina Kukielka (34). Sie bombardieren die Behörden mit Anfragen und sorgen für heiße Debatten mit den Kollegen der etablierten Parteien SPD, CDU und FDP. Und die Bezirksversammlung, sonst ein dahindämmerndes Gremium ohne Bürgerresonanz, ist in Eimsbüttel neuerdings gut besucht.

An Themen für die neugebackenen Kommunalpolitikerinnen mangelt es in dem drittgrößten Bezirk Hamburgs nicht, dessen 250 000 Einwohner in einer spannungsreichen Kernregion der Stadt leben. Das Gebiet zwischen dem botanischen Garten „Planten un Blomen“ und dem Flughafen Fuhlsbüttel ist eine Mischung aus touristisch bekannten Anziehungspunkten (Fernsehturm, Hagenbecks Tierpark, Congress Centrum), gediegenen Wohnquartieren (wie dem Konsulats- und Schickeriaviertel Pöseldorf) und Hinterhofrevieren. Mächtige Institutionen wie die Radio- und TV-Zentrale des Norddeutschen Rundfunks haben hier ihren Sitz. Die zum Bezirk zusammengefaßten neun Einzelstadtteile sind durch eine Autobahn und Ausfallstraßen zerschnitten.

Zum Bild Eimsbüttels gehört auch die linke „Szene“, deren Wurzel die Universität ist und deren Verästelungen in Alternativläden, politische Buchhandlungen und gemütliche Kneipen junger Leute wie zum Beispiel das „Mader“ führen. Rock- und Jazzmusik-Klubs wie „Logo“ blühen in diesem Klima. Es ist das Hamburg-Eimsbüttel der Wohngemeinschaften und der Atomkraft-Gegner, kurz: einer Gegenkultur, in der man anders als zu Zeiten der Elterngeneration lebt. Hier kam die Bunte Liste stellenweise auf über sieben Prozent, und in einem Wahllokal lautete das Ergebnis 32,7 Prozent für die Bunten.

Die Aktiven der „BL“ kommen aus zahllosen Bürgerinitiativen und Basisgruppen, denen die starren DKP-Kommunisten als genauso verkrustet gelten, wie die anderen Parteivertreter. Die breite Anhängerschar bilden 18- bis 30jährige. Mehr als 30 000 Wähler reichten in Hamburg nur zu 3,5 Prozent – nicht genug für die Bürgerschaft (Landesparlament) –, aber in Eimsbüttel brachten exakt 5,0 Prozent zwei Sitze. Ein Ergebnis, über das eine CDU-Lokalpolitikerin bis heute nicht hinweggekommen ist; sie will im Alleingang wegen angeblich unberechtigter Stimmabgaben die Wahl annullieren lassen. Am 10. Juni wird darüber ein richterlicher Entscheid erwartet.

Die Eimsbütteler Abgeordneten der Bunten agieren bereits wie Profis. „Wir wollen keinen Reformismus“, sagen sie, „sondern eine Entlarvungspolitik ohne Parteiengemauschel. SPD, CDU und FDP können nicht mehr unbeobachtet Politik an Bürgern vorbei machen.“ Der Einfluß der BL ist gelegentlich nicht gering: Die beiden können bei 20 „regierenden“ SPD-Politikern und 18 Abgeordneten der „Opposition“ (CDU: 16, FDP: 2) ein Patt oder eine Mehrheit herbeiführen. Und manchmal schauen die Roten, Schwarzen und Blaugelben ängstlich auf die meist in Lila gekleideten „bunten“ Frauen, die „je nach Sachlage“ abstimmen und Koalitionen strikt ablehnen.

Ilona Kiene war Vertrauensfrau der IG Metallbei der Hamburger Traditionswerft Blohm & Voss und sitzt für die Betriebsgruppe „Alternative“ seit 1976 im Betriebsrat des Chemieunternehmens Beiersdorf – die Gewerkschaft schloß die selbstbewußte und redegewandte Frau aus. Ihre Fraktionskollegin Christina Kukielka ist Lehrerin und hat eine neunjährige Tochter. „Entscheidend ist“, davon sind beide Frauen überzeugt, „daß wir unser politisches Verständnis und unsere Forderungen ‚vor Ort‘, den Bürgerinitiativen und Basisgruppen, beziehen.“