Eine unmögliche Geschichte: eine jüdische Frau, sechzig Jahre alt, wird verhaftet, im Viehwagen Richtung Auschwitz deportiert. Bei einem Halt nahe der ungarischen Grenze wagt sie das Unvorstellbare – sie erklärt einem NS-Offizier, ihre Verhaftung sei Unrecht, sie habe nämlich einen Schutzpaß des Roten Kreuzes, den aber leider nicht bei sich. Der Nazi-Mensch setzt die alte Jüdin in den Zug zurück nach Budapest, läßt sie entkommen. Die unmögliche Geschichte ist eine wahre Geschichte: Elsa Tabori hat sie erlebt, ihr Sohn, George Tabori, hat sie erzählt, 35 Jahre später – in einem Theaterstück ("My Mother’s Courage"), das jetzt von den Münchner Kammerspielen im ehemaligen Theater der Jugend in der Reitmorstraße uraufgeführt wurde, in einem malerisch verfallenen, mit Baugerüsten verkleideten Probenraum. George Tabori präsentiert: "Die Tabori-Familie", Regie George Tabori.

Ein unmögliches Theater: es beginnt, wie alle Tabori-Abende, mit den Einstimmungsritualen der Gruppe, mit Improvisationen, Pantomimen, Lockerungsübungen; es beginnt mit jener klösterlich-kindlichen Romantik, mit der sich das Theater der Freien Gruppen vom Staats- und Bürokratentheater distanziert, auch dann noch, wenn es (wie Taboris Theater, wie Peter Löschers Düsseldorfer Gruppe, wie Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater) im Schutze und mit dem Gelde dieses Staatstheaters lebt. Taboris Schauspieler sind während des Vorspiels auf eine etwas aufgedrehte Weise spontan, man faßt sich an, zärtlich und grob, man wälzt sich am Boden, spielt Kinderspiele, singt Kinderlieder. "Ich habe keine Lust heute", sagt einer auf der Bühne, es klingt ein bißchen kokett.

Lauter unmögliche Begegnungen: es treffen sich das Stadttheater und der Untergrund, die Geschichte von den Mördern und das Märchen von der Mutter, die Kunst des Theaters und die des Turnens, es begegnen sich Operette und Pogrom, Ballett und KZ, Folklore und Auschwitz, die Einfalt der Legende und die Vielfalt avancierter ästhetischer Mittel; es vermischen sich Taboris jüdische Biographie und Taboris zeitgenössisches Theater, es verbünden sich Erschütterung und Raffinement, Schlichtheit und Schlauheit. Doch das unmögliche Theater des George Tabori ist ein wahres Theater: weil es sich vor Peinlichkeiten nicht fürchtet, ist es niemals peinlich. Es ist von Eitelkeit bedroht – von Verlogenheit nie.

"Ich wollte meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die Juwelen in den Ohren": das war der Titel zu einem der eindringlichsten Theaterabende dieser Saison, zu George Taboris Improvisationen über Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Ein Schreckensmärchen von der Unversöhnlichkeit: am Ende wurde der Jude Shylock gewaltsam zum Christen gemacht, man zog ihm ein Taufhemdchen an, drückte ihm einen bayerischen Trachtenhut auf den Kopf.

"My Mother’s Courage" ist ein Anti-Shylock. Auf die Greuelgeschichte vom grausamen Juden, den seine Tochter verläßt und verrät, folgt die wahre Legende von der tapferen jüdischen Mutter und ihrem zärtlich liebenden Sohn. Auf den Dichter Shakespeare folgt, leider, der Texter Tabori. Im "Shylock" hatte sich Shakespeares Phantasie, fremd und düster, Taboris Privatheiten widersetzt. Man mußte sich Shylocks Geschichte aus den Improvisationen zusammensuchen, und dennoch blieb sie dunkel und unbegreiflich; "Mutters Courage" ist eine übersichtliche, bilderbuchhaft-naive Erzählung, von Tabori mit vielen Kinderbuchsätzen und -süßigkeiten verschönt, mit poetischen Feierlichkeiten dekoriert.

"Sie blieb einen Augenblick stehen, um den Sommer auf ihrem Gesicht zu fühlen." "So kann das Leben auch sein: Liebe in einem weißen Hotel – aber was ist, wenn draußen die Hunde an den Ketten reißen?" "Wir alle zählen die Toten nicht, obwohl sie die Erde sprengen". Zwar macht sich Tabori über Taboris Lyrismen lustig ("Du übertreibst. In Wirklichkeit war es anders: einfacher", sagt Elsa zu George), doch diese andere, einfachere, wohl auch schmerzhaftere Geschichte der Elsa Tabori kommt in des Sohnes szenischen Anekdoten und Impressionen nicht zum Vorschein. Tabori übertreibt, er sagt es selber, und er gefällt sich dabei, und der Mutter gefällt er auch: "Ich habe dich immer bewundert", sagt sie zum Sohn, und der läßt ihr zum Ruhme einen Schlußchoral singen: der "Geist der tapferen Frau" wird da gepriesen, denn "sie besiegte den Tod". Man könnte es auch einfacher sagen: eine tapfere Frau hat viel Glück gehabt, kein "Geist" besiegte den Tod. Märchenhaft hatte der Abend begonnen, marmorn hört er auf.

Das Unmöglichste hat George Tabori nicht riskiert: sich selber zu spielen. Er hat die Rolle einem jungen Schauspieler aus der Gruppe, Klaus Fischer, gegeben, spricht selber nur manchmal raunend vom Band. Schade: der alte Tabori als junger Tabori, die junge Hanna Schygulla als seine Mutter, das wäre ein wirklich unwahrscheinliches, also wahres Liebespaar gewesen. So blieb Hanna Schygulla sehr allein: blond, schön, innig, hold, das Traumbild einer Mutter eher als ein Abbild, eine Märchenprinzessin eher als eine jüdische Bürgersfrau. Eines von jenen sonderbar entrückten Wesen, die den Tod gar nicht besiegen müssen, weil sie sowieso unsterblich sind.

Benjamin Henrichs