Berlin: „Karina Raeck“

Die Galerie Falazik (Neunkirchen) ließ, parallel zur letzten documenta, diverse Künstler in der Lüneburger Heide utopische Architekturen bauen, die im Zeitalter der Umweltschützer sämtlich aus natürlichem, aus pflanzlichem Material gemacht waren. Unter diesen Natur-Architekten war auch Karina Raeck (Jahrgang 1938), die der Umgang mit Gräsern, Moosen, Laub und sonstiger Flora nicht losließ. Neben großen Projekten im Freien, die sie als „Natur-Ruinen“ oder „Naturpaläste“ an verschiedenen Orten anlegte, baute sie als Reminiszenz an ihre Geburtsstadt Berlin anschließend Mini-Naturpaläste; die „naturarme Eiszeit Berlins“, als die sie die Atmosphäre der Stadt empfindet, wird bei ihr zu dreidimensionalen berlinischen „Prianesi-Visionen“. Es sind aus Gips und Holz gebaute, Archaik simulierende imaginäre Trümmerlandschaften, von allerlei Grünzeug bewachsen, das, so die Intention, munter weiter wuchern soll, um zu einem work in progress zu werden. In dialektischer Synthese werden in diesen Kunsträumen Natur und Ruine zum Symbol von Werden und Vergehen. Die früheren Arbeiten, datiert aus den Jahren 1971 bis 1974, die zugleich gezeigt werden, sind ganz anders, einzig verbunden durch die Tonart des Verfalls, der morbiden Dekadenz. Der Zyklus „Gesänge des Bösen“ ist beeinflußt und inspiriert von den Gedichten des Comte de Lautreamont (1847–70) und dessen Todessehnsucht, der gegenüber die „Blumen des Bösen“ eines Beaudelaire wie Hymnen an den Frieden klingen. Er besteht aus Mini-Environments, in denen tote Käfer, Vogelkadaver, Schnecken oder Schildkröten, kombiniert mit Stacheldraht, Kornfeldern und aufgespießten Puppen feinen magisch-mystischen Mikrokosmos des Todes bilden, verhüllt von Nachbildungen viktorianischer gläserner Tiersärge, aus denen ein heimlicher Schrei nach Zärtlichkeit herüberklingt. (Galerie Werner Kunze bis 15. 6.)

Daghild Bartels

Düsseldorf: Gordon Matta-Clark

„Einfach Spaß haben“ – in einer Zeit, in der nicht allein in der Kunst die wenig heiteren Töne dominieren, geht einem das nur schwer über die Lippen. Für Gordon Matta-Clark war es jedoch durchaus legitim, wenn man bei der Begegnung mit seinen Arbeiten „einfach Spaß“ hatte. Zum Beispiel beim Gang durch eines der von ihm bearbeiteten Abbruchhäuser, in denen er seine nach vorher entworfenen Grundformen gemachten „Cuts“, Schnitte, verwirklichte und aus Zimmerdecken, Fußböden, Wänden Teile herausschnitt. Er öffnet das Mauerwerk, ließ durch Wände und Stockwerke sehen und schuf Räume mit ganz anderen als den normierten Ein- und Aussichten, stellte neue Beziehungen her zwischen Innen und Außen. Sehr schöne Einblicke in das nicht nur architektonische Begrenzungen überwindende Werk des amerikanischen Künstlers, der im vergangenen Jahr im Alter von 33 Jahren in New York gestorben ist, sind zur Zeit in Düsseldorf möglich. Während die Kunsthalle photographische Montagen zu den wichtigsten seiner Architektur-Skulptur-Projekte ausstellt, zeigt Alfred Schmela in seiner Galerie eine größere Auswahl der Zeichnungen. Zu sehen sind äußerst zarte, häufig farbige Blätter, die zum Teil den Projekten vorausgehen und doch auch als eigenständige Arbeiten bestehen, können, die ungewöhnlich leicht, transparent sind und zugleich ein dichtes Netz der Beziehungen aufbauen, fremde (Schrift-)Zeichen und mathematische Formeln enthalten und doch alles andere als spröde sind: In den oft an Partituren und Choreographien erinnernden Zeichnungen findet sich sehr viel von der Vitalität und Spontaneität Matta-Clarks, eines Künstlers/Architekten, der seine Arbeit einmal unter anderem so beschrieb: „Ich experimentiere mit alternativen Gebrauchsmöglichkeiten von höchst vertrauten Räumen. Diese Arbeiten stelle ich mir gern wie beiläufige Fragen zu imaginären Entwürfen vor, indem ich nahelege, das Bestehende zu überdenken“. Ein Jahr nach seinem Tod kann dieser Denkanstoß fast nur noch von den Zeichnungen und photographischen Montagen gegeben werden: Bis auf das jetzt von der Zerstörung bedrohte Gebäude des „Office Baroque“ in Antwerpen existieren die von Gordon Matta-Clark realisierten Alternativen nicht mehr. Die Häuser, in denen die Entwürfe für eine andere Umwelt, ein anderes Lebens zu sehen waren, wurden abgerissen. (Galerie Schmela bis 15. Juni, Kunsthalle bis 4. Juni, Katalog 10 Mark)

Raimund Hoghe

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