Das politische Ränkespiel um den Fall des früheren Landesbankchefs Poullain

Von Rudolf Herlt

Die Anklage, die Ludwig Poullain, dem gefeuerten Vorstandsvorsitzenden der Westdeutschen Landesbank, am 22. Mai ins Haus flatterte, trug ihm die gesellschaftliche Ächtung zweiten Grades ein. Den ersten, weniger grausamen Grad hatte er schon nach seiner fristlosen Entlassung am 16. Januar 1978 kennengelernt: Damals war bekanntgeworden, daß der Staatsanwalt gegen ihn ermittelt.

Die meisten Menschen aus seiner Umgebung reagierten damals, als sei er schon angeklagt. Selbst Freunde, die ihm ihre berufliche Existenz verdanken, mieden den Kontakt. „Wenn mir in dieser Zeit nicht der eine oder andere die Treue gehalten hätte und mir nicht einige Freunde zugewachsen wären, wäre ich verzweifelt“, bekennt Poullain heute. Die Anklage löst jetzt die Ächtung zweiten Grades aus: „Ich gelte schon als verurteilt, ehe das Verfahren überhaupt beginnt.“ In den Behauptungen der Anklageschrift sieht die Öffentlichkeit – so ist das nun mal hierzulande – bewiesene Fakten.

Kollegen und Minister zittern

Poullain hat sich seit seinem Sturz in ein kleines Büro im ruhigen Universitätsviertel der Stadt Münster zurückgezogen. Er wollte nachdenken und die Ereignisse der Vergangenheit zu Papier bringen. Vor den Enthüllungen des Buchautors Poullain zittern seitdem – zu Recht oder zu Unrecht – einige seiner ehemaligen Kollegen in der Bank, aber auch manche ehemalige und gegenwärtige Mitglieder der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, die im Verwaltungsrat der Westdeutschen Landesbank ein Drittel der Eigentümersitze innehat. Der Stuttgarter Seewald-Verlag witterte ein Geschäft und wurde mit Memoirenschreiber Poullain handelseinig.

Doch das Motto „Poullain packt aus“, mit dem Seewald gern geworben hätte, behagte dem Autor nicht. Um seinen Interessen in mehreren schwebenden Verfahren nicht zu schaden, fing er sein Opus noch einmal von vorn an. Es geriet zu einer Geschichte der deutschen Kreditwirtschaft für den Zeitabschnitt, den er selbst mitgestaltet hatte – von den Jahren seines kometenhaften Aufstiegs bis zu seinem Sturz. Das letzte Kapitel bleibt noch zu schreiben.