Hamburg

In einer aktuellen Stunde des Hamburger Stadtparlaments mußte Sozialsenator Jan Ehlers kürzlich betroffen feststellen, daß die größte Heil- und Pflegestätte der Hansestadt, die evangelischen Alsterdorfer Anstalten, eines der „größten Werke der Diakonie in der Bundesrepublik“, in den letzten Wochen „ins Gerede“ gekommen ist. Anlaß waren Reportagen im ZEITmagazin und ein Leitartikel der ZEIT, die auf die menschenunwürdige Behandlung und Unterbringung von schwerbehinderten Patienten in Hamburg (und anderswo) hinwiesen. (ZEIT Nr. 17).

Den Tip des Senators Ehlers an die Alsterdorfer, „Kritik tapfer zu ertragen“, hatte die Anstaltsleitung, die nach der Veröffentlichung in der ZEIT von „Sensationsmache und Diffamierung“ gesprochen hatte, nur langsam beherzigt. Immerhin gab Anstaltsleiter Pfarrer Schmidt auf einer Pressekonferenz am 20. Mai zu, daß Behinderte angeschnallt und auch geschlagen worden sind. Als Grund nannte der Pastor die schlechte Personalsituation und die mangelnde Ausbildung der Mitarbeiter. Von 549 im Pflegebereich Tätigen sind 248 ohne fachliche Vorbildung. Schmidt versicherte: In den wenigen Einzelfällen, in denen geschlagen wurde, habe man „in aller Schärfe durchgegriffen und die betroffenen Mitarbeiter entlassen“. Schmidt räumte aber ein, daß Beruhigungsmedikamente auch in Fällen ausgegeben würden, in denen vom rein ärztlichen Standpunkt keine Notwendigkeit vorläge, wenn die Unterbringungsmöglichkeiten in der Heilanstalt besser wären.

Die Anstaltsleitung münzte dennoch Kritik allzu schnell in den Vorwurf um, sie gehe letztlich „nur zu Lasten unserer Behinderten“. Obwohl auch die CDU-Opposition in der Fragestunde der Bürgerschaft „Unzulänglichkeiten“ feststellte, suchte die Anstaltsleitung Schuldige in den eigenen Reihen und vermeintliche „Drahtzieher“ dieser „einseitigen und verideologisierten Darstellung“. Die ZEIT-Reporter hatten die offizielle Erlaubnis, mit dem Personal zu sprechen, dennoch stempelte die Anstaltsleitung den Vertrauensmann der in Alsterdorf Zivildienstleistenden, den zwanzigjährigen Daniel Karasek, zum Sündenbock, beurlaubte ihn und erteilte ihm Hausverbot.

Eine öffentliche Diskussion innerhalb und außerhalb der Anstalt konnten die Verantwortlichen damit freilich nicht verhindern. Die Hamburger FDP-Frauengruppe veranstaltete ein Forum, auf dem die Situation in der Anstalt diskutiert werden sollte: Trotz förmlicher Einladung kamen keine Vertreter der Anstaltsleitung, und so blieb das Fazit dieser Veranstaltung unwidersprochen. „So große Anstalten wie Alsterdorf (1350 Behinderte) machten die dort Lebenden erst wirklich krank.“

Auch in den Alsterdorfer Anstalten gab es heftige Kettenreaktionen. Unbekannte plakatierten Flugblätter, die auf die Veröffentlichung der ZEIT hinwiesen. Über zwanzig Mitarbeiter drangen während des Gottesdienstes in die Anstaltskirche Sankt-Nicolaus ein, unterbrachen den Gottesdienst von Pfarrer Schmidt, ließen die Glocken läuten und hielten die Kapelle mehrere Stunden besetzt. Absicht ihrer Aktion: Das Personal verwahrte sich zwar gegen eine überprononcierte Darstellung ihrer Probleme in der Öffentlichkeit, aber gleichzeitig forderte es: mehr finanzielle Mittel vom Hamburger Senat, die für eine moderne Behindertenarbeit notwendig seien, die Anhebung des Pflegesatzes von 80 auf 140 Mark. Die Demonstranten drohten: „Wir werden so lange weiterdemonstrieren, bis wir endlich ein Echo finden.“

So kam es zu der Anfrage der SPD-Bürgerschaftsfraktion, wie die Zustände in den Alsterdorfer Anstalten einzuschätzen seien. Dazu der sozialdemokratische Sozialsenator: „Die Verhältnisse, unter denen Behinderte jetzt dort leben müssen, sind entwürdigend. Und auch die Arbeitsverhältnisse für das Personal sind nicht zumutbar. Kritik an der bestehenden Einrichtung muß sein, um die Öffentlichkeit zu interessieren.“ Auch wenn Ehlers nicht direkt in das Anstaltsgeschehen eingreifen will, rügte der Senator ausdrücklich, wie die Anstaltsleitung (so im Fall des gefeuerten Zivildienstlers Daniel Karasek) „mit dem kritischen Potential“ umgehe.