Die Kykladeninseln Siphnos und Seriphos, in sechs bis sieben Stunden von Piräus aus mit dem Fährschiff zu erreichen, gelten unter Rucksacktouristen noch immer als Geheimtip. Auf Seriphos steht nur ein kleines Hotel, in der Bucht von Livadi. Auch Privatbetten sind knapp. Deshalb, und weil die schroffe Insel außer dem Hauptort Chora mit den Ruinen einer venezianischen Festung und dem wehrhaften Kloster Taxiarches nichts Sehenswertes bietet, springen nur eingefleischte Einsiedler von Bord der „Elli“, die zweimal wöchentlich das Eiland ansteuert. Seriphos war römischer Verbannungsort – und könnte es noch heute sein. Wer aber Ende August das Fest der Panaghia in der Kirche Xilo mitgefeiert hat und dann bei den Bauern der Umgebung eingeladen war, weiß eine Gastfreundschaft zu rühmen, wie sie selbst in Griechenland so leicht nicht wieder zu finden

Den Fremden weiter geöffnet hat sich Siphnos, dort gibt es schon vier Hotels und viele Privatquartier. Die Insel war im sechsten Jahrhundert vor Christi durch ihre Silberminen so reich geworden, daß ihr Schatzhaus in Delphi es an Pracht und Wert der Weihegaben mit denen der Welt mächtigeren griechischen Stadtstaaten aufnehmen konnte. Geologen und Geophysiker gehören auch heute noch zu den Stammgästen der Insel, etwa die Forscher vom Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik, die eine Reihe der antiken Silberminen schon genau untersucht haben: „Siphnos ist ein Eisenhut mit kreisrunden Geschieben, mit Bleierzen, Glimmer, Kalkstein, Sandstein und Granit. Die Silbervorkommen sind in der Antike bereits vollständig ausgeräumt worden, Gold hat es hier wahrscheinlich nie gegeben.“ Dennoch werden die Forscher – auch einer aus Oxford ist alle Jahre wieder dabei – von den Einheimischen mit Mißtrauen beobachtet: Graben diese Fremden nach Gold? Und wozu die tickenden Geigerzähler? Die alten Schächte sind überdies von den Siphnern seit Jahrhunderten gemieden worden; wer nach dem Warum fragt hört nur: „No good.“

Besonders gut zugänglich, aber auch einsturzgefährdet sind die Kavernen von Aghios Sostis im Norden, zwei Stunden Fußmarsch vom Hauptort Apollonia entfernt. Belgier haben hier um die Jahrhundertwende Eisenerz gefördert. Auch die mehr als zweitausend Jahre alten Einstiege in die Unterwelt sind an der äußersten Spitze der Halbinsel noch zu sehen, ebenso versunkene Stollen: Das Meer steigt jährlich um rund zwei Millimeter, das sind in zweitausend Jahren immerhin vier Meter.

Siphnos ist nicht nur ein Dorado für geologisch interessierte, sondern auch für Architekten und Leute mit einer Antenne für Zusammenklänge von Architektur und gemächlichem Wohngefühl. Wer sich an der Bushaltestelle von Apollonia in Lakis’ Kafeneion einen Kaffee gönnt und von ihm als Deutscher erkannt wird, bekommt ein Heft der österreichischen Architektenzeitschrift „bauforum“ von 1976 auf den Tisch gelegt: „Von mein Freund, Professor Achleitner.“ Der Professor von der Wiener Akademie der bildenden Künste hat in der Tat mit seinen Studenten die Siedlungsstruktur von Apollonia akribisch untersucht und sie als „ein System von Sackgassen“ erkannt, „das sich baumartig verzweigt“. Ein System, das individuelles Wohnen und nachbarliche Kommunikation gleichermaßen begünstigt. Es scheint, als ob der architektonische Trend zur „Gruppenbebauung“ – in Deutschland neuester Schrei – hier eine seiner Wurzeln hat.

Wanderfreunde finden auf Siphnos viele Ziele. Nicht nur die berühmten Taubenhäuser, sondern auch die vielen Klöster am Meer und auf den Bergen: Das Kloster Vrissis zeigt eine reichhaltige Sammlung alter Bücher und Karten, ein verlassenes Kloster auf dem 670 Meter hohen Prophitis Elias bietet die schönste Rundsicht. Und natürlich: auf dem Berg Aghios Andreas wird gerade eine vorgriechische Akropolis ausgegraben; die Leiterin, Frau Philippaki, läßt sich durchaus über die Schulter sehen – nur Photoapparate mag sie nicht.

Siphnos ist die Heimat der besten griechischen Köche, heißt es. Auf der Insel merkt man nicht allzuviel davon. Immerhin: die Musakas schmecken bei Nikolaos Kolarakis am besten und die Stamnas bei Elephterios – aber der ist aus Zypern.

Siphnos – von Silberschächten