Da will also einer umziehen: von Dortmund nach Lübeck. Keine große Affäre, denkt man, aber der Typ ist zappelig und mißtrauisch, überwacht penibel die Packer, sorgt sich um jede Kleinigkeit. So wie Hermann Lause (der sonst mehr bei Zadek vorkommt) ihn spielt, merkt man bald, daß die Sache schiefgehen wird. Spritztour auf die Autobahn. Alsbald gesellt sich Svea zu ihnen, eine störrische Anhalterin, und die Reise geht ins Münsterland.

Aber Atze, Sulli und Lutz sind keine Profis, sie stranden mit dem 15-Tonnen-Lkw irgendwo im Wald. „Ich glaub’, ich bin im Wald“, meint Lutz lakonisch, als die Zweige ihn streifen. Das ist ein Kalauer, na ja, aber die Jungen reden eben nicht so wie im gehobenen deutschen Problemfilm. Außerdem waren sie wohl tatsächlich lange nicht mehr im Wald, vielleicht noch nie. Etwas später liegen die vier Flüchtlinge wohlig ausgestreckt auf dem Dach des Lasters in der Sonne. Ein kurzer Augenblick des Friedens, denn unsere Freunde (inzwischen kennen wir sie schon ziemlich gut) wissen nämlich nicht, daß die Bremsen des Möbelwagens kaputt sind. Die Fahrt geht weiter.

Atze, Sulli und Lutz, die Hauptfiguren und Titelhelden von Adolf Winkelmanns Film „Die Abfahrer“, leisten sich ein kleines Abenteuer. Hauptsächlich sind sie arbeitslos, eine Weile schon. Lutz geht noch jeden Morgen, von der Mutter mit Butterbroten versorgt, aus dem Haus und trifft sich mit seinen Freunden zum Kreuzworträtsellösen. Die Mutter darf’s nicht wissen. Sulli, der Türke, bastelt aus geklauten Schrottteilen ein Cabrio zusammen. Atze, der Langhaarige, verschreckt die braven Jungen aus der Nachbarschaft. In die Kneipe, zum Fernsehen, trauen sich die drei schon lange nicht mehr. Da kommen sich die jungen Arbeitslosen wie Aussätzige vor.

Ganz lakonisch und entspannt entwickelt Winkelmann, der vor zehn Jahren in Kassel Experimentalfilme drehte, die Geschichte von Atze, Sulli und Lutz aus der genauen Beobachtung des Milieus, aus der Authentizität des Dialekts. Das Große und Ganze (die Arbeitslosenziffern) interessiert ihn weniger als das beiläufige Palaver der Eckensteher und Fensterhocker, die Suada der Hausfrauen im Tante-Emma-Laden, das Nörgeln der Nachbarn. Er braucht keine Peter-Stuyvesant-Effekte (wie Hark Böhm in „Moritz, lieber Moritz“) oder Klein-Hollywood-Dramaturgie (wie Max Willutzki in „Die Faust in der Tasche“), um sich mit seiner Geschichte aus der jugendlichen Subkultur anzubiedern. Eins entwickelt sich aus dem anderen, der Film ist so lässig und witzig wie seine Figuren und ihre Sprüche. Der stilistische Ehrgeiz hält sich in Grenzen. Wenn Atze, Sulli und Lutz diese „Abfahrer“ selber gedreht hätten, würde der Film wohl kaum anders aussehen.

Das ist kein glattes Profi-Werk (die meisten Darsteller haben noch nie vor einer Kamera gestanden), kein Sozialreport fürs Ministerium, sondern ein Versuch über die (erzwungene) Langeweile, und wie man mit ihr umgehen kann. Das endet zwar nicht so fatal wie Alain Tanners „Messidor“ (dort brechen zwei Mädchen, eine Studentin und eine Verkäuferin, zu einer Reise durch die Schweiz auf), aber hier wie dort erfährt man, wie eng die Grenzen sind, innerhalb derer sich Jungen wie Atze, Sulli und Lutz ihre Freiheiten ablisten.

Und „Die Abfahrer“ sind, wie Josef Rödls fränkischen Jagdszenen „Albert – warum?“, stark vom Dialekt geprägt. Man spricht ruhrgebietsdeutsch, nicht exotisch mangernd, sondern einfach nur so. Der Reichtum und der Witz dieser Sprache, von denen in den „Tatort“-Folgen des WDR aus Essen (mit Kommissar Haferkamp/Felmy) überhaupt nichts zu spüren ist, rücken in den Mittelpunkt.

Überhaupt könnte eine gewisse Regionalisierung dem deutschen Kino nicht schaden: Die Kölner Filme von Bockmayer und Bührmann (zuletzt „Jane bleibt Jane“), das Debüt von Rödl und jetzt die schöne Komödie des Dortmunder Filmemachers Adolf Winkelmann sind ein Anfang. „Provinziell“, von der Sprache der Gegend, in der sie spielten, geprägt, waren schließlich einige der besten Filme von Jean Renoir (etwa „Toni“) und Luis Buñuel. Und während ein Teil unserer Filmemacher Richtung Hollywood entschwindet, sollten die anderen, gerade die jüngeren, ihre Heimat vor der Haustür neu entdecken: mit der Abenteuerlust der „Abfahrer“.

Hans C. Blumenberg