Man hat Gontscharow den russischen Flaubert genannt, seinen zweiten Roman, der ihn gleichsam, über Nacht berühmt machte, zum Besten gezählt, was die russische Literatur nach Puschkin und Gogol hervorgebracht hat. Die Wirkung, die das Buch bei seinem Erscheinen (1859) gehabt hat, ist heute kaum noch vorstellbar. Ganz Rußland las und diskutierte es. Hatte der Autor seinem Lande einen Spiegel vorgehalten? Nur wenige Figuren der Weltliteratur sind so populär geworden wie der Oblomow, nur wenige auch so kontrovers gedeutet, was schließlich dazu führte, daß die Interpreten, trotz allseitig versicherter Hochschätzung der künstlerischen Leistung, bis heute an dem Werk herumnörgeln. Den einen ist die vermeintlich negativ intendierte Gestalt, des Oblomow zu positiv ausgefallen, den anderen die vermeintlich positiv intendierte des Deutschrussen Stolz zu negativ.

Dostojewskis Verehrung für Puschkin ist sicher aufrichtig gewesen. Seine Ansicht jedoch, ohne Puschkin wäre die jüngere Literatur Rußlands kaum denkbar, nur zur Hälfte wahr, gerade auch hinsichtlich der Vorbilder Dostojewskis selber, dessen große Romane deutlich den Einfluß Gontscharows und seiner psychologischen Kunst verraten. Und womöglich ist das mit ein Grund, weshalb in den kritischen Aufsätzen Dostojewskis (übrigens auch in der Sekundärliteratur, über Dostojewski) der Name Gontscharows so beharrlich ausgespart wird.

Die Fama, die dem „Oblomow“ vorangeht, in diesem Roman ereigne sich nichts, aber auch gar nichts, der Inhalt lasse sich in wenigen Zeilen wiedergeben, hat bewirkt, daß die wenigsten sich noch die Mühe machen, dieses Buch wirklich von Anfang bis Ende zu lesen, weil jeder es zu kennen, jeder sich unter den (längst in alle russischen Diktionäre aufgenommenen) Wörtern Oblomow und Oblomowschtschina etwas vorstellen zu können glaubt. Was Gontscharow erzählt, ist. in der Tat, auf die pure Fabel reduziert, eine höchst einfache Geschichte: Im Alter von 30 Jahren hat sich der Gutsbesitzerssohn und an einer Beamtenkarriere desinteressierte Oblomow im wörtlichen Sinne in den Ruhestand versetzen lassen. Umsorgt von seinem alten Diener Sachar verbringt er das Leben im Bett oder auf dem Diwan, schläft, träumt, dämmert vor sich hin oder grübelt über Reformen auf dem väterlichen Gut nach. Von seinem Jugendfreund Stolz für kurze Zeit aus dieser Lethargie herausgerissen, versucht er, ein neues Leben zu beginnen. Er verliebt sich in das Mädchen Olga. Doch sehr bald erkennt er, daß er auch um dieser Liebe willen sein Leben nicht ändern kann. Er trennt sich von Olga und heiratet seine neue Wohnungsgeberin, eine rechtschaffene Hausfrau, an deren Seite er, weil seine Trägheit noch unterstützt wird, nur noch dahinvegetiert bis an sein notwendig zu frühes Ende. Die Frage, die Kritiker und Interpreten bis heute beschäftigt: was hat es mit dieser übermenschlichen Trägheit und Apathie auf sich? Wollte Gontscharow im „Oblomow“ die politische Lethargie unter dem Zarismus, die tiefe Resignation des ganzen russischen Volkes darstellen, den dekadenten Lebensstil der höheren Gesellschaftsschichten anprangern? Ist dieser Ilja Iljitsch Oblomow eine Verkörperung des russischen Nationalcharakters (was immer das sein mag), seine Lebensweise exemplarisch für jene noch von Lenin beklagte teuflische Langsam- und Säumigkeit, eben jener sprichwörtlich gewordenen Oblomowschtschina?

Wer das Buch zu lesen anfängt, der wird schon nach den ersten acht Kapiteln, auf die dann im neunten der berühmte Traum folgt, in dem man von Oblomows Kindheit auf dem Lande, von seiner Verwöhnung, ja Verzärtelung durch die Erwachsenen erfährt – eine Anamnese der Oblomowschen Störungen und ein Prosastück von kühnsten Einsichten in die frühkindliche Psyche –, feststellen können, wie viel hier passiert und daß die Ereignisse sich nahezu überstürzen.

Oblomow, der gerade – damit beginnt der Roman – einen Brief über die katastrophalen Zustände auf seinem vom Vater geerbten Gut und obendrein eine Kündigung seiner Stadtwohnung erhalten hat, wird bereits am Vormittag von einem halben Dutzend Besuchern bestürmt, Das wäre nun eine Chance, sich eingehend über die anstehenden Probleme zu beraten. Aber keiner ist bereit, Oblomow auch nur anzuhören. Der eine lädt ihn zu einer Lustpartie, der andere zu einem Dinner ein. Der Literat Penkin versucht, ihn für die Belletristik zu gewinnen, das Schlitzohr Tarantjew, ihn mit seiner Schwägerin zu verkuppeln. Rat und Hilfe bringt nicht einmal der Arzt, der nur unwillig feststellt, daß Oblomow nie ernsthaft krank ist. Man fragt sich nach diesen ersten Kapiteln, wie Oblomow, selbst bei gutem Willen, da hätte Zeit finden sollen, auch nur seine dringenden Angelegenheiten zu ordnen. Doch Gontscharow schildert lediglich einen exzeptionellen Vormittag; denn diese Sybariten, wie Oblomow die Störenfriede tituliert, erscheinen, wie man bald erfährt, keineswegs jeden Tag. Und daß hintereinander sechs Personen in Oblomows gute Stube kommen, wird vom Autor zwar mit dem 1. Mai begründet, an dem die Petersburger ihre Ausflüge unternehmen, ist aber vor allem ein dramaturgischer Kniff. Durch Oblomows Reaktionen auf diese Besucher, durch seine Art, wie er deren Einladungen ausschlägt, lernen wir nicht nur Oblomows Verhältnis zur Petersburger Gesellschaft kennen, sondern mehr noch das Ausmaß seiner Passivität. Und weil Gontscharow diese Passivität, diese kolossale Trägheit nicht nur beim Namen nennt, sie vielmehr in allen Schattierungen darstellt und ihre Auswirkungen zeigt, folgt man über annähernd 700 Seiten gefesselt und von dem Gegenstand angesteckt dieser Geschichte, in der angeblich nichts passiert. Erst am Ende der Lektüre wird einem der homerische Umfang dieses Romans bewußt, begreift man, daß diese Seitenzahl nötig war, Oblomows Leben darzustellen: sein allmählicher, aber unaufhaltsamer Abstieg und sein Versinken in Stumpfheit und Gleichgültigkeit. Doch mit welcher Phantasie, mit welcher Detailgenauigkeit ist dieses monotone Dasein sprachlich realisiert, mit welcher künstlerischen Ökonomie die erzählte Zeit gedehnt und dann wieder gerafft! Von dem Traumkapitel abgesehen, spielt der ganze erste Teil des Romans, also gut ein Drittel, an einem einzigen Tag. Dieser Zeitvergrößerung, die Dostojewski in Schuld und Sühne übernimmt, steht gegenüber der zweite, umfangreichere Teil des „Oblomow“, in dem die erzählte Zeit eine Spanne von Jahrzehnten umfaßt. Damit ist es Gontscharow nicht nur gelungen, die verschiedenen Facetten der Oblomowschen Trägheit darzustellen, das Verhältnis von objektiver und subjektiver Zeit, sondern auch die Fallgeschwindigkeit zu veranschaulichen, die Beschleunigung des Tempos von Oblomows Sturz in die Tiefe abzubilden.

Daß Gontscharow seinen Helden und dessen Schwächen so ungemein sympathisch schildert, bereitet den meisten Interpreten offensichtlich die größten Deutungsschwierigkeiten. Aber sah der Autor in Oblomow denn tatsächlich, wie die Exegeten so unbeirrbar glauben, nur einen „dürren Ast am Baume Rußlands“, eilten „Überflüssigen“, einen „Vertreter der Undichtigkeit, Schlamperei und Versumpfung“? Oder wirkt Oblomow nur deshalb so sympathisch, weil sein Gegenspieler Stolz von Gontscharow so farblos hingestellt ist?

Man sehe sich diese beiden Hauptfiguren einmal etwas genauer an: den tüchtigen Geschäftsmann Stolz und den Versager Oblomow – und man weiß, wem die wahre Zuneigung des Autors gehört. Aus dem Text geht unzweideutig hervor, daß Gontscharow emotional auf der Seite Oblomows und seines Dieners Sachar steht. Ihm, dem „Feuerkopf“ Oblomow, dessen: „vulkanisches Innenleben“ nur der Diener erkennt, ist gegenübergestellt der nüchterne und pragmatische Stolz. Er wird zwar, wie auch Olga, die ihn heiratet, als idealistischer Mensch geschildert, dürfte aber wohl kaum das Ideal Gontscharows gewesen sein. Stolz ist nicht deshalb so blaß als Figur ausgefallen, weil es dem Autor an gestalterischer Kraft fehlte, sondern weil er die Hohlheit des Idealismus auch formal und stilistisch ausdrücken wollte. Nein, für Gontscharow ist Stolz alles andere als der „neue Mensch“, den Rußland braucht. Er ist bestenfalls dessen Karikatur, und seine wie auch Olgas idealistische Gesinnung wird darum auch auf die einfachste Art ironisiert, nämlich dadurch, daß es diesen beiden, die eigentlich die ganze Menschheit bessern und verändern möchten, nicht einmal gelingt, auch nur einen einzigen Menschen, nämlich Oblomow, zu ihren Idealen zu bekehren.