In Nicaragua sind die Sandinistas zur entscheidenden Offensive gegen den Diktator Anastasio Somoza angetreten

/ Von Claribel Alegria

Die „letzte Offensive“ der Sandinistischen Befreiungsfront steht unmittelbar vor dem Erfolg. Wichtige Städte Nicaraguas sind fest in der Hand der Guerrilleros, in der Hauptstadt Managua haben sie einzelne Vietel bereits erobert. Im Süden hat sich eine provisorische (Gegen-)Regierung etabliert, die von mehreren südamerikanischen Staaten bereits anerkannt worden ist. Die Länder des Andenpakts betrachten die Freiheitskämpfer offiziell als „kriegsführende Partei“, was ihnen erlaubt, sie gegen die Nationalgarde mit Waffen, Geld und sogar mit Soldaten zu unterstützen. Der Sturz des Diktators Anastasio Somoza ist nur noch eine Frage von Tagen.

In Nicaragua hat ein modernes Konzept der Guerilla seine Feuertaufe bestanden: Aus den „Bergen“, den unzugänglichen Gebieten, sind die Freischärler in die Städte vorgestoßen, um ihre Verbindungslinien zu sichern und von mehreren Seiten die Metropole einzukreisen. Parallel dazu haben sie im Inland wie im Ausland für ihre Sache geworben, Zögernden durch ihre Kampferfolge Mut gemacht und ihre Gegner durch die Taktik des „Zuschlagens und Verschwinden“ zu zersplittern gewußt. Ihr Erfolg wird mit Sicherheit auf die Nachbarländer ausstrahlen, die ebenfalls von Militärdiktaturen beherrscht werden.

Doch einen Diktator zu verjagen, ist eine Sache; nach ihm eine Demokratie schaffen, eine andere. Heute sind fast alle Bürger einig, Somoza zu vertreiben; wie Nicaragua nach ihm aussehen soll, ist schon jetzt umstritten. Die siegenden Kämpfer wollen einen ganz anderen Staat, der neben Freiheit auch soziale Gerechtigkeit bringt, und beides erhoffen sie sich vom Sozialismus. Das Bürgertum hat viel zu verlieren und fürchtet die zweite Phase der Revolution, die sich gegen die Nutznießer des ancien regime richten wird. So schnell wird in Nicaragua keine Ruhe einkehren.

Hoch über Managua, der 1972 durch ein verheerendes Erdbeben zerstörten und nie wieder aufgebauten Hauptstadt Nicaraguas, lebt mit seiner Familie in einem Bunker jener Mann, dem fast das ganze Land gehört: Anastasio Somoza Debayle. Zum erstenmal in seiner Karriere muß er jetzt um Macht und Leben fürchten. Denn trotz grausamster Unterdrückung brodelt es überall, in den Städten und in den Dörfern auf dem Lande. Selbst die Nordamerikaner, deren zuverlässigster Interessenverwalter er lange Zeit war, beginnen sich von ihm abzuwenden. Politiker, Bankiers und Geschäftsleute distanzieren sich immer entschiedener von einem Mann, der wohl selbst nicht mehr so recht an seine Zukunft glaubt: Zwar hat er mit der einen Hand soeben noch Waffen für 60 Millionen Dollar gekauft, mit der anderen Hand jedoch schnell weitere 100 Millionen Dollar auf seine ausländischen Konten transferiert. Dort liegen schon ungezählte Millionen.

Somoza gilt als der Reichste unter den Superreichen Südamerikas, dollarschwerer noch als die legendären Zinnkönige von Bolivien, die Familie Patino. Somoza herrscht über zweieinhalb Millionen Menschen in einem feuchtheißen tropischen Land von der Größe Griechenlands. Sein fensterloses Arbeitszimmer im Bunker, dessen Anlage niemand kennt, ist eine Zentrale unbeschränkter Macht. Alle sechs Jahre wird sie in Scheinwahlen bestätigt, das Ergebnis von der Nationalgarde garantiert, die zwar „National“-Garde heißt, aber wie eine Privatarmee Somozas zur Unterdrückung aller Widerstände gegen seine Unternehmen eingesetzt wird. Zwölftausend Gardisten kämpfen heute gegen eine Oppositionsstreitmacht, die Somoza das Fürchten lehrt.