Unsere Zeit ist reich an Memoiren, vielleicht mehr als jede frühere. Das kommt daher, weil es viel zu erzählen gibt.“

So beginnt Leo Trotzki sein Buch „Mein Leben“, das er 1929 als 50jähriger im türkischen Exil auf der Insel Prinkipo im Marmara-Meer schrieb. Trotzki spricht nicht von Bericht oder Protokoll, und das ist kein Zufall; er wollte damit nicht Geschichte schreiben, sondern sein Leben erzählen. Dies sind nicht die Erinnerungen eines Staatsmannes, das Buch ist nicht einmal, wie er es bezeichnet, „die Autobiographie eines revolutionären Politikers“, sondern die politische Autobiographie eines Schriftstellers; subjektiv, polemisch – und dennoch nicht privat. Trotzkis großer Biograph Isaac Deutscher zitiert einmal die Bemerkung eines Jugendfreundes: „Trotzkis ganzes Verhalten wurde durch sein Ich beherrscht, aber dieses Ich wurde von der Revolution beherrscht.“ Dies trifftauch für diesen „Versuch einer Autobiographie“ zu. Privates fließt nur in vagen Umrissen hinein; Kindheit und Jugend werden zwar geschildert, doch nicht um ihrer selbst willen, sondern nur als Vorstufe, als Entelechie eines künftigen Revolutionärs. Wenig von ersten Beziehungen zu Frauen, wenig über seine erste kurze, aber auch über seine zweite, dann lebenslange Ehe. Frauen sind Kameradinnen, Genossinnen, keine privaten Partnerinnen.

Fast nichts auch über sein Judentum, obwohl diese Herkunft ihm – auf Grund der zaristischen Gesetze – Schwierigkeiten beim Schulbesuch bereitet hat. War das Milieu des Elternhauses wirklich so weit säkularisiert von der Religion der Väter, wie er meint? Gewiß, die Welt bäuerlicher Kolonisten in der südlichen Ukraine, nahe am Schwarzen Meer, in der er heranwuchs, war – nicht nur geographisch – weit entfernt von der des galizischen „Städtels“, mit dessen Handwerkern und Händlern, wie sie etwa Joseph Roth und Manès Sperber beschrieben haben. Gab es aber für den Knaben und Jüngling Lew Dawidowitsch Bronstein wirklich keine Probleme mit dem Antisemitismus? Der – gescheiterte – marxistische Revolutionär des Jahres 1929 hat sie jedenfalls verdrängt.

Die Sicht des Entstehungsjahres bestimmt Auswahl und Akzente des ganzen Buches als Rechtfertigung und als Abrechnung zugleich: Rechtfertigung des konsequenten, des „reinen“ Revolutionärs und Abrechnung mit den „Epigonen“. Denn Trotzki betrachtet sich als den legitimen Erben Lenins, verwischt die Gegensätze zu ihm in seiner menschewistischen, präbolschewistischen Periode. Die „Epigonen“, Sinowjew, Kamenjew, Bucharin und – Stalin, haben ihn um sein Erbe gebracht; Stalin ist für ihn nur einer von ihnen, der bösartigste, gemeinste gewiß, doch nicht von schärferer politischer Intelligenz als die anderen.

Aber ist Trotzki wirklich um sein Erbe gebracht worden, hat er es nicht selber verspielt? Die Antwort auf die Frage, ihm immer und immer wieder gestellt: „Wie konnten Sie die Macht verlieren?“, bleibt unbefriedigend. Seltsam blaß bleiben auch die Porträts Lenins und Stalins, Bewunderung und Haß trüben auch ihm den Blick. Lenin war keineswegs frei von politischen und menschlichen Widersprüchen, Trotzki aber schweigt darüber fast völlig; und Stalin war mehr als der bornierte Apparatschik, als der er hier erscheint. Das liegt nicht an Trotzkis mangelnder Kunst der differenzierenden Beschreibung: mit beiden ist er im Grunde nicht fertig geworden. Und im Fall Stalin entzieht sich der Groll des gestürzten Titanen fast jeder rationalen Kontrolle, wie fast nur in einer anderen klassischen Autobiographie der Weltliteratur, in Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“.

Wie einprägsam vermag Trotzki demgegenüber von anderen Menschen in wenigen präzisen Strichen ein Bild zu vermitteln. Das beginnt bei den Lehrern seiner Jugend, setzt sich über die Beschreibung westlicher, vor allem deutscher und österreichischer Sozialdemokraten fort bis hin zu den unvergeßlichen Porträts der Unterhändler der Mittelmächte bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk: des österreichischen Außenministers Graf Czernin, des deutschen Staatssekretärs v. Kühlmann und des deutschen Generals Max Hoffmann. Nicht minder eindringlich – bis eben auf Lenin und Stalin – die Konterfeis der führenden Genossen der bolschewistischen Partei.

Die Stilmittel eines großen Schriftstellers, über die Trotzki in allen seinen Büchern souverän verfügt, sind auch hier am Werke, nicht nur in der Beschreibung der Personen, sondern auch in Auswahl und Reihung der erzählten Episoden. Ein durchgehendes Thema sind Verbannung, Exil und Flucht; Trotzki arbeitet hier mit dem Mittel der bewußten Parallelisierung und Wiederholung, von den beiden ersten – durch die zaristischen Behörden verfügten – Verbannungen nach Sibirien bis zu denen – nun von Stalin verordneten – in Alma Ata in Russisch-Asien und schließlich auf Prinkipo im Marmarameer.