Von Rudolf Walter Leonhardt

Schwüle Hitze am Wörthersee. Aber statt im Wasser sich zu tummeln, sitzen sie dreieinhalb Tage lang von morgens neun bis mittags ein Uhr und dann wieder von halb drei bis halb sieben in der Stadthalle: 27 Autoren und 13 Juroren aus der Schweiz, aus Österreich und aus der Bundesrepublik. Auch aus der DDR war ein Autor eingeladen worden, aber er hatte keine Ausreiseerlaubnis bekommen. Dazu ein interessiertes Publikum, Presse, Verlagsangestellte, morgens um neun noch nicht so zahlreich, am Dienstagabend der Preisverleihung den kleinen Saal überfüllend.

Verliehen wurde am 26. Juni zum dritten Male der von der Stadt Klagenfurt gestiftete Ingeborg-Bachmann-Preis (100 000 Schilling, 7 Schilling etwa gleich einer Mark), dem sich gleich am Anfang noch ein „Verleger-Preis“ (50 000 Schilling) zugesellte und ein Stipendium (25 000).

Geistiger Urheber des Ingeborg-Bachmann-Preises ist Humbert Fink, Schriftsteller, Österreicher, Mitarbeiter beim Rundfunk-Studio Klagenfurt, das sich an der Organisation und an der Finanzierung beteiligt, ehemals auch zuweilen „Mitglied“ der Gruppe 47 (die sich immer etwas darauf zugute hielt, keine Mitglieder zu haben).

Die Gruppe 47 stand offensichtlich Pate bei der Geburt des Ingeborg-Bachmann-Preises. Sonderbare Gewohnheiten wie die, daß der Autor aus einem unveröffentlichten Manuskript vorzulesen und dann zu schweigen hat, sind durch jene Patenschaft zu erklären. Andererseits jedoch ging es bei der Gruppe seligen Angedenkens aufgeklärt despotisch zu unter dem literatur- und menschenfreundlichen Tyrannen Hans Werner Richter; in Klagenfurt jedoch herrscht demokratisch-bürokratische Akribie, da ja „öffentliche Gelder“ nicht ohne strikte Rechtfertigungsrituale ausgegeben werden dürfen.

Von vornherein übernommen wurde in Klagenfurt, was bei der Gruppe 47 vielleicht schon Verfallserscheinung war: Das entscheidende Wort sprechen die Profis der literarischen Kritik. Ohnehin beherrscht von Marcel Reich-Ranicki, in diesem Jahr noch verstärkt durch die Gruppenveteranen Walter Jens und Joachim Kaiser, sucht die Klagenfurter Jury, was Kompetenz anlangt, ihresgleichen. Auch wird nirgendwo sonst einem Juror zugemutet, für 1000 Schilling Honorar dreieinhalb Tage lang, jeden Tag sieben bis acht Stunden, seine Urteile so prompt abzugeben und so öffentlich zu vertreten. Ich habe dreimal dazugehört – dennoch: das auch anderswo Kopfschmerzen bei den einen und Rachegelüste bei anderen provozierende Schiedsrichterproblem scheint in Klagenfurt vorbildlich gelöst.

Aber während die kritische Intelligenz im Verlauf von drei Jahren noch zugenommen hat, hat die kreative Potenz der teilnehmenden Autoren eher abgenommen. Noch nie gab es so viele Absagen wie heuer. Eine deutsche Schriftstellerin, die ich gern im Namen Ingeborg Bachmanns ausgezeichnet hätte: Bin ich denn blöd? Ich lasse mir doch einen Ruf, den ich mir durch viele Jahre literarischer Arbeit erworben habe, nicht im Schnellverfahren von dreizehn Scharfrichtern kaputtmachen.

So hatte die Jury einige Mühe, sich auf fünf Kandidaten zu einigen, die ihr preiswürdig erschienen.

Jurek Becker, Grenzwanderer zwischen DDR und dem westlichen Deutschland, las eine sehr vergnügliche Geschichte, seiner stilistischen Mittel völlig sicher, in bester chassidischer Erzähltradition. Stilprobe: „1922, während der kühlen Jahreszeit, fährt Onkel Gideon nach London. Nicht zu seinem Vergnügen etwa, wie ein Fremder denken könnte; zwei Maschinen muß er kaufen für die Strumpffabrik, deren Direktor er so gut wie ist.“

Gert Hofmann wohnt in Klagenfurt, unterrichtet Deutsch an der Universität in Lubljana, aber seinem leidenschaftlich geschickten Vortrag hört man an, daß seine erste Heimat zwischen Leipzig und Dresden liegt. Stilprobe: „Und das, Herr Doktor, ist unser Nationaltheater, welches wir Drama nennen und welches unter den Arkaden liegt. Päd Arkadami, sagen wir.’ – ‚Aha‘, sage ich, ‚das also ist Ihr Nationaltheater.‘ – ‚Und sehen Sie gleichfalls die Arkaden?‘ fragt Ilz. ‚Ja‘, sage ich, obwohl ich natürlich auch die Arkaden nicht sehe.“

Diana Kempff, als Lyrikerin hervorgetreten, las anspruchsvolle Gedanken-Prosa, die zu einer Erzählung sich nicht recht fügen wollte. Stilprobe: „Will man mich nämlich zwingen, aus dem Haus zu gehen, zum Zwecke der Kommunikation, ziehe ich mich in meinen Sessel zurück, greife zu Mescalcorcurar und warte auf die paralytische Wohltat.“

Walter Müller, von allen der Munterste, auch emsigen Verfolgern der Gegenwartsliteratur bis dato unbekannt, erzählte jugendlich bewegt von apokalyptischen Schwierigkeiten, den Takt eines Calypso richtig hinzukriegen. Stilprobe: „Mein Gott, kann doch nicht so schwer sein, im Takt zu bleiben, den Rhythmus zu halten, einen Calypso durchzuklopfen! Viertelschlag, Achtelpause, Achtelschlag und noch zwei Viertel. Muß doch zu machen sein!“

Schließlich Josef Winkler, ein Klagenfurter, verletzlich und aggressiv – alles oder nichts! Stilprobe: „Als du, nachdem ich gezeugt war, mit meiner Mutter wieder eine fleischliche Erfüllung gesucht hast, ich wuchs und wuchs und assimilierte bereits die Geräusche der Bauernwelt, stieß dein Geschlecht in ihren Schoß – ich wich als Embryo weit zurück und wehrte mich mit meinen schleimbedeckten Händen gegen deine vorwärtstreibende Kraft...“

Auf der Liste meiner ganz persönlichen Präferenzen standen übrigens vor Josef Winkler und Diana Kempff noch: Klaus Konjetzky, Hanna Johannsen, Karl-Günter Hufnagel und Gunter Falk.

Mehr wird über diese Texte zu sagen sein, wenn sie dem Leser gedruckt vorliegen. Einige konnten es nicht fassen, daß der zweifellos talentierteste Erzähler, Jurek Becker, leer ausging; andere hätten der Diana Kempff so sehr einen Preis gewünscht. Sogar die Juroren waren am Ende verblüfft vom Ergebnis ihrer von Fernsehscheinwerfern ausgeleuchteten Abstimmung: Ingeborg-Bachmann-Preis für Gert Hofmann; Verleger-Preis für Josef Winkler; Stipendium für Walter Müller.

Daß dabei zwei geborene und ein Wahl-Österreicher sich durchsetzten, war gewiß nicht beabsichtigt. Aber vielleicht ist das Ergebnis so untypisch gar nicht für den Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur.