Nach einem blutigen Bürgerkrieg, der rund 40 000 Tote forderte und weite Teile des Landes verwüstet hat, ist Nicaraguas Diktator Anastasio Somoza zurückgetreten und ins amerikanische Exil gegangen. Mit seiner Flucht endeten fast 43 Jahre autokratischer Herrschaft der Somoza-Familie, die dabei ein Vermögen von einer halben Milliarde Dollar zusammentrug.

Entsprechend einem unter amerikanischer Vermittlung ausgehandelten Kompromiß mit den Somoza-Gefolgsleuten, dem freilich die sandinistische Befreiungsfront nicht zustimmte, ernannte das Parlament in Managua den 62jährigen Arzt und Somoza-Paladin Francisco Urcuyo Maliano Zum Interimspräsidenten, der die Macht zu einem späteren Zeitpunkt an die Revolutionsregierung übergeben soll.

Der 53 Jahre alte Anastasio Somoza, der das mittelamerikanische Land, seit 1967 wie zuvor sein Vater und sein Bruder durch brutale Unterdrückung beherrschte, verließ Nicaragua am Dienstagmorgen vor Sonnenaufgang. In einem privaten Düsenflugzeug flog er, begleitet von seinem Sohn, Generalleutnant Anastasio Somoza Portocarrero, und seinem Halbbruder, General José Somoza, zum amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Homestead in Florida, wo seine Familie einen Landsitz und verschiedene Unter-, nehmen erworben hat.

„Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt, um meinem Volk Frieden zu bringen“, ließ Somoza in einer im Parlament verlesenen Botschaft verkünden, als er sich schon auf dem Weg zum Flughafen befand, „und die Geschichte wird, mich rechtfertigen, weil ich mein ganzes Leben lang gegen den Kommunismus gekämpft habe.“

Die ersten Nachrichten über das Ende der Somoza-Herrschaft erfuhren die 2,3 Millionen Einwohner Nicaraguas über ausländische Radiostationen. Als um vier Uhr in der Frühe die nächtliche Ausgangssperre zu Ende ging, waren die Nationalgardisten, die in den vorangegangenen Wochen in den Strafen der Hauptstadt patroulliert hatten, verschwunden. Die Kämpfe waren schon Stunden vorher eingestellt worden.

Die sandinistischen Aufständischen verkündeten ihren Sieg in einem Kommuniqué, das von einem geheimen Sender ausgestrahlt wurde: „Die völkermörderische Diktatur von Somoza ist gestürzt worden, und das Volk von Nicaragua ist frei.“

Unklar ist jedoch noch, wann die von der sandinistischen Befreiungsfront eingesetzte Revolutionsregierung, die sich im Nachbarstaat Costa Rica bereithält, die Macht in Managua übernehmen wird. Sergio Ramirez Mercado, ein Mitglied der Junta, erklärte in einem Rundfunkinterview, dieneue Regierung würde ohne zeitliche Verzögerung und begleitet von acht lateinamerikanischen Außenministern in Managua einziehen. Kurz darauf hieß es allerdings, daß Präsident Urcuyo der Gegenregierung zumindest vorläufig die Einreise verweigern werde.

Innerhalb weniger Stunden nach Somozas Rücktritt ist der gesamte Kommandostab seiner 20 000 Mann starken Nationalgarde abgelöst worden: Über 100 Militärs – alle Generale und die meisten Obristen – wurden in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Die Vereinigten Staaten sollen diesen Offizieren ebenfalls Asyl angeboten haben. Unter ihnen ist auch General Gonzalo Evertz, der für die Ermordung von 3000 Bauern während der Kämpfe verantwortlich sein soll.

Der Aufstand der Sandinistas, der jetzt zum Sturz Somozas führte, hatte seine militärische Phase im Februar 1978 begonnen und war durch innenpolitische Säuberungsaktionen des Somoza-Regimes ausgelöst worden. Den Killer-Kommandos des Diktators, der bis zuletzt von den Vereinigten Staaten aus Furcht vor einem zweiten Kuba in Mittelamerika gestützt worden ist, fiel neben vielen Namenlosen auch der prominente Oppositionsführer und Herausgeber der Zeitung La Prensa, Pedro Chamorro, zum Opfer. Sein Tod war der Anlaß für viele bürgerliche Oppositionelle, sich der Untergrundarmee der Sandinistas anzuschließen. Vor sieben Wochen begannen die Guerilleros ihre letzte Offensive, in deren Verlauf sie bis zum Dienstag bis auf die Hauptstadt Managua alle größeren Städte des Landes einnehmen konnten.

Die Entscheidung zum Rücktritt traf Somoza offensichtlich am Montag nach einer Konferenz in Caracas, an der auf Einladung Venezuelas auch Vertreter der gemäßigten Opposition Nicaraguas und der sandinistischen Revolutionsregierung sowie Erzbischof Miguel Obando von Managua und die Außenminister der fünf Andenpakt-Staaten Venezuela, Peru, Kolumbien, Ecuador teilgenommen hatten. Nach dieser Konferenz, die Somoza jede Unterstützung zur Fortsetzung seines Regimes genommen hat, sahen auch die Vereinigten Staaten keine Möglichkeit mehr, Somoza ohne offene militärische Intervention zu halten – Somoza fiel.

Die siegreiche Revolutionsregierung wird in ein ruiniertes Land einziehen. Der Bürgerkrieg, der mehr als 40 000 Menschenleben forderte und über 100 000 Menschen als Flüchtlinge ins Ausland trieb, richtete unermeßliche Schäden an. Aus eigener Kraft wird sie Nicaragua auch dann nicht beheben können, wenn die neue Regierung das noch im Land verbliebene Vermögen Somozas beschlagnahmt. Die Auslandsverschuldung lag Ende 1978 bei etwa 1,2 Milliarden Dollar und nähert sich der Zwei-Milliarden-Grenze. Nach unabhängigen Schätzungen werden allein 200 Millionen Dollar erforderlich sein, um zerstörte oder beschädigte Fabriken zu ersetzen.

Dies alles läßt die enormen Kosten für den Wiederaufbau der zerstörten Städte, die Neuanlage der Infrastruktur oder die humanitäre Hilfe unberücksichtigt. Darüber gibt es noch keinerlei zuverlässige Schätzungen. Sicher ist unter diesen Umständen nur, daß die Zahlungsbilanz, die schon Ende 1978 mit einem Defizit von 223,5 Millionen Dollar abschloß, weiter ins Minus gleiten wird. Eine erneute Abwertung der Landeswährung nach der 43prozentigen Entwertung im April dürfte unvermeidlich sein. Schnelle und umfassende internationale Hilfe liegt nicht zuletzt auch im Interesse der Vereinigten Staaten, die andernfalls tatsächlich auf längere Sicht eine sozialistische Umgestaltung Mittelamerikas in ihr außenpolitisches Szenario einbeziehen sollten.

Ulrich Völklein