Managua, im Juli

Man nannte ihn „Tacho“, das heißt Mülleimer. Der Tag seiner Abfuhr war gekommen: General Anastasio Somoza Debayle, Diktator a. D. und langjähriger Besitzer der Republik Nicaragua in Mittelamerika, verließ auf dringenden Wunsch Washingtons am 17. Juli um 5.10 Uhr El Bunker, seinen armierten Regierungssitz in der belagerten Hauptstadt Managua.

Zwei Papageien und 45 Berater, Kisten, Kästen und Kontoauszüge begleiteten den flüchtigen Multimillionär und Despoten auf dem Flug nach Miami, Florida, ins Exil. Seine amerikanische

Frau Hope Somoza war schon da. Er hinterließ „eine ungewöhnliche Allianz“ (New York Times) – einen ausgiebig geschröpften Mittelstand, dessen Söhne sich mit 7000 Sandinista-Guerilleros verbündet hatten.

„El Bunker ist gefallen, wir sind frei“, proklamierte alsbald Radio Sandino, der Rebellensender. Das stimmte noch nicht ganz: Eine burleske Statthalterposse, inszeniert von Somozas Kumpan Francisco Urcuyo Malianos, der sich zum Somoza-Nachfolger ernennen ließ, verzögerte das Ende der Revolution um 36 Stunden. Als die amerikanische Botschaftsbesatzung aber Managua verließ, kündigte auch der Zwei-Tage-Presidente. Er verschwand.

Die gefürchtete Schutzstaffel der Diktatoren, die Privatarmee Guardia National, schlüpfte in zivile Kleider und floh zuhauf – unter anderem beschlagnahmten sie Rot-Kreuz-Flugzeuge nach Florida. Die ersten zwei Sandinistas, die in El Bunker eindrangen, stapften durch zerfledderte Dokumente, fanden schließlich staunend ein Riesenbett und auf ihm eine sorgfältige gebügelte Generalsuniform.

Wer eines Tages in das symbolische Tuch schlüpfen mag, steht noch nicht fest. Ein Fidel Castro Nicaraguas – el maximo lider – scheint. nicht in Sicht, wenngleich einer der Revolutionäre, der prahlerische und populäre Commandänte Zero („General Null“) – sein Kommando besetzte am 22. August 1978 das Parlamentsgebäude in Managua (14 Tote) und preßte 84 politische Gefangene frei – schon den richtigen Tonfall findet. Er erklärte der ZEIT: „Alles, was wir verteilen können, sind Strapazen. Der Wiederaufbau einer Nation ist immer eine harte Arbeit.“ (Interview S. 10)

Somoza, inzwischen auf seinen Millionen-Dollar-Latifundien in Florida gelandet, faltete die Hände vor dem makellosen Börsenanzug und erklärte einem Fernsehteam: „Nicht mein Volk hat mich vertrieben, sondern Aufständische, die von anderen Regierungen unterstützt wurden, und diese haben nur Angst vor Kommunisten und sonst nichts.“

Das militärische Direktorium der Revolutionäre von Nicaragua zählt in der Tat einige radikale Kommunisten zu seinen Mitgliedern – andererseits hat Somoza auch amerikanische Journalisten, die über ihn und sein Regime ungünstig berichteten, der „kommunistischen Verschwörung“ ohne Federlesen eingereiht. Die Angst des Diktators vor einem neuen Fidel Castro nahm obsessive Züge an, lange bevor ein Sandinista in Sicht war.

Somozas Furcht beherrscht auch Zentralamerika – den Block der nördlich von Nicaragua gelegenen Militärdiktaturen Honduras, El Salvador und Guatemala: Hier feiert die alte Domino-Theorie („Fällt Vietnam, dann fällt Laos, Kambodscha, Indien, und so weiter – bis zum Suez“) fröhliche Urständ’: Fällt Nicaragua, so die Hypothese, dann fallen die drei anderen Diktaturen auch. Auf den übriggebliebenen Klassikern des Bananenrepublikanismus liegt der Schatten Castros – und in der Tat hat Kuba einige der Sandinista-Führer ausgebildet und Castro hat aus seinen politischen Sympathien in dem Bürgerkrieg auf dem Festland niemals einen Hehl gemacht. Immerhin starteten die Schweinebucht-Invasoren von 1961 in Nicaragua.

Kubaner kämpften in Nicaragua, Vietnamesen und Nordkoreaner wurden ebenso gesichtet wie – auf der anderen Seite – Exil-Kubaner, Franco-Spanier und englische und deutsche Söldner.

In Wirklichkeit freilich entzieht sich eine Analyse der zentralamerikanischen Revolution (und ihrer möglichen Folgen) dem dualistischen Hell-Dunkel-, Gut-Böse-, Freiheit-Kommunismus-Schema, mit dem sich jeder Diktator, nur weil er kein Kommunist ist, zum Demokraten stilisiert. Daß, andererseits, die kommunistischen. Kräfte der Sandinistas die Gelegenheit nicht verstreichen lassen werden, die Macht zu ergreifen, ist ebenso selbstverständlich: Die Revolution ist siegreich, aber noch nicht beendet...

Kein Umsturz in Südamerika hat in letzter Zeit die Amerikaner so intensiv beschäftigt wie der in Nicaragua. Die ideologische Qualität der Ereignisse erinnerte Washingtons Diplomaten an die Wochen vor Batistas Ende auf Kuba. Auch damals gab es Revolutionstouristen – wie zum Beispiel „Che“, den Argentinier.

Ein junger Exil-Chilene, Roberto, hat zwei Jahre lang in den USA studiert, ehe ihn der revolutionäre Enthusiasmus im Kampf ums Dabeisein in die Reihen der Sandinistas führte. Er ruft mir drei Tage vor der Abdankung Somozas zu: „Mann, das ist ein Volkskrieg, für die Freiheit, gegen die Imperialisten und ihre Handlanger. Hier hat der zweite Befreiungskrieg Südamerikas begonnen!“ Noch einer...

Andere Kenner der Situation meinen freilich, daß die Mehrzahl der Nicaraguaner lediglich versuchten, einige selbstverständliche, durch und durch bürgerliche Rechte zu erobern, die ihnen 1909 abhanden kamen, als amerikanische Interventionstruppen in das Land einrückten. Die Elitesoldaten Washingtons, Marines blieben bis 1933 – einige wurden von Partisanen ermordet: „Amerikas erstes Vietnam(New York Times). Kurz vor ihrem Abzug legten die USA damals der Familie Somoza die Macht über das Land als Weihnachtsgabe auf den Tisch der Hazienda. Offiziell kamen die Somozas zwar erst 1937 durch eine „demokratische Wahl“ an die Regierung – ihren Hauptgegner, den liberalen Reformer General Sandino, hatten sie schon drei Jahre zuvor aus dem Weg geschafft.

Nach dem ermordeten Volkshelden sollten sich drei Jahrzehnte später die Sandinistas nennen.

Ihr Auftritt wurde von einer Somoza-Dynastie provoziert, die auch durch einen Aufruf des katholischen Primas im Lande nicht in ihrer Habgier zu mäßigen war: 1972, nachdem Managua von einem Erdbeben verwüstet wurde, kaufte der Somoza-Clan die Grundstücke der Hauptstadt auf, die ihm noch nicht gehörten und bot sie zum zwölffachen Preis wieder an. Viele Hilfeleistungen westlicher Länder für das Katastrophengebiet landeten unweigerlich in Somozas Schatullen. Gespendete Blutkonserven soll die tüchtige Diktatorsfamilie an US-Hospitäler verhökert haben.

Dem Ex-Diktator gehörten eine Fluggesellschaft, eine Reederei, eine Zeitung, mehrere Rundfunkstationen, Beton- und Zementfabriken, ein Hafen, Fleisch- und Wurstfabriken sowie 30 Prozent des fruchtbaren Ackerlandes von Nicaragua. Ein deutscher Bankier in Guatemala versicherte mir, Somoza sei noch reicher gewesen als die reichste Frau der Welt, Hollands Königin Juliane. Wieviel ihm geblieben ist, weiß niemand – allein in Florida gehören ihm mehrere Millionen-Mark-Anwesen.

Doch erst, nachdem das Regime in Managua,

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immer frecher wurde und anfing, auch den schmalen Mittelstand des 2,3-Millionen-Volkes auszupowern, gelang es den Sandinistas, die sich erstmals und erfolglos im Windschatten von Castros Revolutionserfolg im Jahre 1962 „gemeldet“ hatten, die ideale Guerilla-Situation zu schaffen. In einem Milieu amtlicher Korruption und wachsender militärischer Unterdrückung durch Somozas Gorillas bewegten sich die revolutionären Erlöser und Romantiker aus dem Busch gemäß Maos Maßgabe im Volk der illiteraten Bauern Nicaraguas wie „Fische im Wasser“.

Die Lebensläufe der Rebellen weisen sie fast ausnahmslos als Kinder bürgerlicher Familien aus – Studenten, Intellektuelle, Idealisten, deren Väter zum Teil eng verstrickt in Somozas Machtapparat waren; auf der Seite der Sandinistas kämpften sogar Söhne von Kabinettministern Somozas. Die Nervenzentrale des Krieges lag in einem Universitäts-Institut in Costa Rica. Seminarscheine gab es an der Front...

Wichtige militärische Verbündete dieser jungen Männer waren noch jüngere Nicas, arbeitslose Teenager, muchachos. Manuel Espinoza, Sprecher der Junta de Recconstruccion National de Nicaragua, versichert, daß Somoza niemals ohne die muchachos besiegt worden wäre: die Nachrichten-Wiesel der Revolutionsbrigaden.

Die 23jährige Sandinista Rosa zum Beispiel würde im Sommer während des ersten Ansturms auf die Hauptstadt schwer verwundet und konnte, wie sie mir erzählt, ihrer Einheit nicht auf dem Rückzug folgen. „Landarbeiter haben mich versteckt. Eines Tages liefen Kinder ins Haus: ‚Die Guardia durchsucht alles!‘ Eine Nachbarin lieh mir schnell ihr Baby, während die muchachos mein Gewehr vergruben – es war sowieso nichts wert. Als die Soldaten mich mit dem Kind im ‚Wochenbett‘ sahen, gingen sie weiter. Sie waren nicht immer so rücksichtsvoll.“

Das große Problem – was macht ein Revolutionär nach der Revolution? – stellt sich Rosa noch nicht; sie will erst einmal gesund werden. Andere freilich müssen sich fragen, wie es weitergehen soll.

Die Revolution ist aus: Was tun?

Viele der Revolutionäre werden wohl in ihre bürgerlichen Karrieren zurückkehren. Die politischen Konturen der Bewegung werden dann schärfer hervortreten – in einem Land, das (so das Rote Kreuz) 8000 Opfer im Bürgerkrieg zu beklagen hat und dessen Wirtschaft darniederliegt, künden sich ideologische Konflikte an, die zu neuem Blutvergießen führen könnten:

Die Mehrheit der Sandinistas steht links von der Mitte – kaum verwunderlich nach den Erfahrungen einer 40jährigen Rechts-Diktatur –; doch es sind auch starke liberale Strömungen vertreten, und der immer wieder geäußerte Wunsch. nach einer rechtsstaatlichen Demokratie ist ernstzunehmen als Hoffnung der Mehrheit.

Indes: Zur Zeit existieren zwei reale Machtzentren in Managua – eine sandinistische Junta (unter fünf Mitgliedern zwei sozialistische Radikale) und ein wichtigeres sandinistisches „National-Direktorat“, dessen neun Mitglieder nach Ansicht lateinamerikanischer Experten wesentlich „radikaler“ sind als die Grüß-Gott-Revolutionäre der sogenannten provisorischen Regierung. Im Gegensatz zu ihnen befehligen die neun Direktoren die Armee der revolutionären Kämpfer, die entscheidende Kraft im Lande.

Die „Armee“ allerdings besteht in Wirklichkeit aus drei Fraktionen, die bis zum Sturz Somozas nur das gemeinsame Ziel zusammenschweißte:

  • Die stärkste Fraktion um die Führer Daniel und Humberto Ortega nennt sich Tercerista (Dritte Kraft); sie besteht aus 5000 bis 6000 bewaffneten Sandinistas, ist gut finanziert und in der Masse bürgerlich. Befehligt wird sie freilich von Männern, die – wie Humberto Ortega – ihre Guerillaausbildung in Kuba und Prag erhielten oder, wie Victor Manuel Tirado, alte KP-Mitglieder aus Mexiko sind.
  • Die kleine Gruppe „Tendenz Verlängerter Volkskrieg“ ist das älteste Sandinista-Kader. Es zählt den 40jährigen Tomas Borge zu seinen Führern – der prominenteste aller Aufständischen in Nicaragua. „Nordamerikas Imperialismus fürchtet ganz zu Recht, daß ein revolutionärer Wandel in Nicaragua die Geopolitik in Zentralamerika verändern wird“, sagt der ehemalige Rechtsanwalt, der in Somozas Gefängnissen zum Krüppel gefoltert wurde. Sein Kollege Bayardo Arce ergänzt: „Wir nehmen uns von Marx, was paßt – dann sehen wir weiter.“
  • Die Armee-Fraktion „Proletarische Tendenz“ trennte sich 1973 von Borges Guerilleros, um den sandinistischen Aufstand an die „proletarische Basis“ zu tragen. Ihr Chef, Carlos Nunez, ist einer der radikalsten Revolutionäre Nicaraguas: Ein marxistischer Dogmatiker wie er im Manifest steht.

Verstärkung erhielten alle drei Fraktionen von den internationalen Brigaden „Simon Bolivar“ und „Victoriano Lorenzo“ – zusammen etwa 1000 Männer und Frauen aus aller Welt. Commandante Zero zur ZEIT: „Für mich kämpften Mexikaner, Kolumbianer, Panamesen, Costaricaner, Salvadorianer, Franzosen, Deutsche, Spanier, sogar Nordamerikaner: Menschen aller Hautfarben, Angehörige verschiedenster Religionsgemeinschaften. Diese Revolution hat sie einander näher gebracht.“

Der Internationalismus im modernen Revolutionsgeschäft offenbarte sich auch in dieser mittelamerikanischen Episode der Weltgeschichte: Die Fraktionen der Sandinistas profitierten ohne Ausnahme von Waffenlieferungen aus dem Nahen Osten – die PLO, aber auch israelische Waffenhändler sollen beteiligt gewesen sein. Die Guardia National fuhr in deutschen Unimogs durch den Bürgerkrieg.

Ansonsten zeigte sich während der vergangenen Kriegswochen eine auffällige Trennung der Guerillafronten: Im Norden Nicaraguas kämpften die beiden marxistischen Truppen, im Süden die Terceristas.

Zufall?

Noch versuchen die drei Flügel der Revolution einen post-revolutionären Konflikt zu vermeiden; daß zum Verteidigungsminister ein ehemaliger Guardia-Offizier mit honoriger Anti-Somoza-Vergangenheit ernannt wurde; daß die Junta einen apolitischen Technokraten zum Planungsminister kürte, belegt ihren guten Willen, einen Mittelkurs zu halten. So ist im neuen Regierungsprogramm denn auch die Rede von Rechtsstaatlichkeit, Wahrung der Menschenrechte, von Respektierung des Eigentums – aber auch von Landreformen, staatlicher Kontrolle der Bodenschätze und Preiskontrollen für Mieten und Lebensmittel.

Mit dem neuen Programm könnten schwedische Sozialisten leben – doch was geschieht, wenn eines Tages ein verdienter Guerillero in den Sitzungssaal der Junta kommt, die Maschinenpistole auf den Tisch knallt und erklärt: „Companeros, dafür habe ich nicht gekämpft!?“

Unzufriedene Revolutionäre hat diese Revolution wohl ebensowenig vorgesehen wie den katastrophalen Exodus der nicaraguanischen Elite: Es fehlen Ärzte, Ingenieure und Monteure. Sie sind mißtrauisch wie jener geflüchtete Nica, der mir in Guatemala versichert: „Ich bin doch nicht so verrückt, nur auf die Versprechen dieser Kommunisten hin zurückzugehen. Die müssen wir erst einmal beweisen, daß sie Privateigentum respektieren!“

Freilich: Nennenswertes Privateigentum als Demonstrationsobjekt guten Willens gibt es in Nicaragua nicht mehr, und im Norden des Landes existieren bereits jene Komitees – bis hin zu tribunales del pueblo –, die den sozialistischen Systemwandel nach Castros Einzug in Havana einst charakterisierten. Hier soll „abgerechnet“ werden – ausgerechnet in einer Gegend, in der in bester sizilianischer Manier Blutrache noch gang und gäbe ist.

Der zweite revolutionäre Schritt, die Verwandlung von Landarbeitern und kleinen Pächtern in Genossenschaftsbauern, war in Kuba nur unter dem Schirm sowjetischer Finanz- und Wirtschaftshilfe möglich – wer aber soll Nicaragua helfen? Kuba?

Daß die nächste Zukunft des Landes über die Stabilität nicht nur der Revolution in Managua entscheidet, sondern über die weitere Ordnung der Region, ist allen Beteiligten klar: Mittelamerika von Costa Rica bis Mexiko ist eine geopolitische Einheit – jede revolutionäre Bewegung hat ihre Rückwirkungen auf die anderen Länder der Region.

Und die erste Wirkung von Somozas Sturz ist schnell benannt: Selbst milde soziale Bewegungen werden von seinen Kollegen im Norden als „kommunistisch“ diffamiert und unterdrückt – so zum Beispiel in Guatemala.

Die zweite Wirkung: Guerilleros in den Militärdiktaturen fühlen sich durch Somozas Sturz ermutigt; oder, in den Worten des geflohenen Diktators Somoza: „Ihr glaubt, euch berühre das nicht, was in Nicaragua geschieht. Ihr werdet euch noch wundern.“

Während sich Panama, Venezuela, die Dominikanische Republik (und selbstverständlich auch Kuba) vorbehaltlos auf die Seiten der Sandinisten schlugen, bleibt für die drei Diktatoren im Norden die Hoffnung auf die Yankee-Gringos aus den USA: Sie würden möglicherweise sogar erleichtert aufatmen, sollte Washington durch Finanzspritzen und politische Anerkennung der Sandinistas die erregten Gemüter der Revolutionäre beruhigen – wenngleich Carters undurchsichtige Politik (oder deren Abwesenheit) den Sandinistas niemals das Gefühl gab, vom großen Apologeten der Menschenrechte so recht verstanden zu werden.

Verändert hat sie die Region auch durch das Verhalten Costa Ricas, das den Sandinistas entlang der Grenze einen fünf bis sechs Kilometer breiten Streifen einräumte, den die Rebellen wie ihr eigenes Territorium behandeln durften – während Somoza nicht wagte, die reguläre Grenze zu überschreiten. Ohne diesen Rückzugs-, Aufmarsch- und Erholungsstreifen im Stile des vietnamesischen Ho-Tschi-Minh-Pfades (durch Laos und Kambodscha) wäre die Südfront der Sandinistas bald zusammengebrochen und ohne Costa Ricas Flughafen Liberia hätten die Sandinisten keinen Nachschub erhalten – und die Truppen Somozas hätten sich auf den Norden konzentrieren können. Hätten. Wenn.

Warum aber hat das kleine Land Costa Rica so resolut die regionale Tradition der Nichteinmischung gebrochen? Zu den verblüffendsten Erklärungen zählt eine sozialpsychologische Theorie: Costa Rica hat 64 000 Studenten; keine 10 0000 werden nach Abschluß ihres Studiums einen angemessenen Arbeitsplatz finden. Hier droht ein akademisches „Proletariat“ – das ideale „revolutionäre Subjekt“ des 20. Jahrhunderts – dessen umstürzlerisches Potential sich besser im Nachbarland als zu Hause verwirklichen möge.

Indes: Die Arbeitslosigkeit von Studenten hat noch keine echte Revolution bewirkt; dazu mangelt es einiger zusätzlicher ideologischer Komponenten. Ideeller Revolutionsexport freilich ist ein Geschäft, auf das sich Fidel Castros Kuba gut versteht. Gescheitert ist die Ausfuhr von richtigen Revolutionären wie Che Guevara; erfolgreich hingegen war die Ausleihe von schlagkräftigen Revolutionstruppen (Äthiopien und Angola) – doch derlei Interventionismus in Zentralamerika verbietet sich für Castro durch die Nähe der USA. Hilflos aber sind die Gringos gegen die kubanische Indoktrination und Schulung unzufriedener zentralamerikanischer Intellektueller und gegen die kommunistische Unterwanderung von Gewerkschaften.

Ein guatemaltekischer Offizier ringt darum die Hände und spricht von dem kubanischen, „schleichenden Gift, gegen das es kein Serum gibt“. Natürlich gäbe es für die Militärdiktaturen Honduras, San Salvador und Guatemala ein Serum – Abdankung – aber das erübrigt sich für die Herrscher von selbst. In zwei Staaten, San Salvador und Guatemala, ist die interne Unruhe schon so stark, daß auch die kleinste Reform geradezu revolutionäre Folgen haben könnte. So bleibt eben alles bei der alten Repression.

Provinz für Sozialbanditen

In Honduras hingegen droht noch kein revolutionärer Bürgerkrieg; das Militärregime taktiert geschickt und ohne sonderlichen Terror; man ist hier sogar stolz darauf, von amnesty international vergleichsweise gute Noten erhalten zu haben. Das regierende Offizierskollegium hat den Draht zur Parteiopposition nie gekappt und – erstaunlich, ja, sensationell – es hat die hierzulande normale Korruption auf ein ziemlich niedriges Maß gebracht.

Im übrigen herrscht auf dem Land wie eh und je der Dorftyrann – in dieser hinterwäldlerischen, dünn besiedelten Gegend hat ein Sozialbandit eher Aussichten auf folkloristische Verehrung, denn ein moderner kommunistischer Revolutionär Hoffnung auf politischen Erfolg. Die obligate Guerilla ist schwach und bleibt ohne Resonanz, der Antiamerikanismus ist unterentwickelt, das Wetter ist heiß.

Die Stabilität der Region wird – was das Verhältnis zwischen Honduras und San Salvador betrifft – denn auch weniger durch den sandinistischen Revolutionserfolg geprägt, als durch die jüngere Geschichte: Und zu ihr zählt der notorische Fußballkrieg (1969). Doch der Begriff verharmlost die Spannungen, die aus der Einwanderung von Hondurenos aus ihrem unterentwickelten Lande in das überbevölkerte San Salvador entstanden. Seit Jahren wurden mit Hilfe eines peruanischen Schlichters die Konflikte und Grenzstreitigkeiten verhandelt; der Abschluß stand unmittelbar bevor – bis Salvador neue Forderungen vorbrachte...

Erst die revolutionären Ereignisse in Nicaragua verstärkten das Interesse Salvadors. an einer friedlichen Grenzregelung mit dem Nachbarn Honduras; denn Salvador benötigt Rückendeckung: Drei Terroristengruppen operieren im Lande – Ausnahmezustand hin oder her – und zielen auf den Umsturz mit Hilfe eines „Volksmilizen-Systems“, demzufolge heimlich ausgebildete Revolutionäre bis zum Tage X warten, ehe sie dann – auf einen Schlag – zu den Waffen greifen. Die Regierung wehrt sich schlau mit Zeitungsannoncen: „Väter, achtet darauf, daß Eure Söhne nicht in schlechte Gesellschaft geraten.“

Als einige Demonstranten – „schlechte Gesellschaft“ – kürzlich in San Salvador eine Kirche besetzen wollten, wurden sie auf den Treppen vor dem Gotteshaus mit Pistolen und Gewehren von der Polizei niedergemäht – eine Staatsaktion, deren mörderischer Erfolg in aller Welt in Farbe auf den Fernsehschirmen zu besichtigen war. Das Ziel der exekutierten Demonstranten wurde in den Übertragungen nie ganz klar: Sie wollten, so stellte sich heraus, die Kirche ihres Landes dazu überreden, sich für die Sache der sandinistischen Rebellen zu erklären.

Salvador fürchtet den Einfluß des revolutionären Nicaraguas am stärksten: Sollte an seiner Südgrenze ein „Ho-Tschi-Minh-Territorium“ entstehen wie jüngst in Costa Rica, hätten seine Guerilleros das Rückzugsgebiet, das ihnen heute noch schmerzlich fehlt.

Die nördlichste Militärdiktatur gibt sich derweil gelassen: In Guatemala sei, so erklärt mir ein Regierungspolitiker, die „Stadtguerilla unter Kontrolle“. Der Regimeterror bestraft schon den Kampf um höheren Lohn, wenn’s drauf ankommt, mit dem Tode.

Derlei „Abschreckung“ zum Trotz ist es einem „Guerillaheer der Armen“ gelungen, sich an der grünen Grenze zu Mexiko festzusetzen: Die Verbände verfügen über Stützpunkte in Provinzen, die sich selbst heute noch nicht dem mexikanischen Staatenbund fest zugehörig fühlen.

Gibt es also doch den zentralamerikanischen Domino-Effekt, der in Washington und in den Metropolen Lateinamerikas mit dem Sturz Somozas verknüpft wird, so dürfte die Reihenfolge vermutlich lauten: „Salvador – Guatemala – Honduras.“

Die Geschichte des Somoza-Regimes beweist, daß die Widersprüche dieser Diktaturen auf Dauer unlösbar werden: Ohne ökonomische Reformen verkommen die Länder zu Armenhäusern ohne Produktivität keine maximalen Profite für Diktatoren im Stile Somozas – einerseits.

Doch Reformen bedeuten unweigerlich – keine Somozas, andererseits.

Patentlösungen, die einen friedlichen Weg aus den historischen Sackgassen weisen, die einst Despoten wie der Clan der Somozas einschlugen, gibt es allerdings nicht: Die neue Zivilregierung in Nicaragua soll den Demokratieforderungen der westlichen Welt genügen, sie soll die sozialen Wünsche ihrer verarmten Wähler erfüllen und obendrein muß sie die radikalen Versprechen der Revolutionäre ernstnehmen. In solchen vertrackten Aufgaben ist das Scheitern eingebaut: Mag sein, daß es sein Symbol in der neuen, nicaraguanischen Nationalflagge findet, die mir ein skeptischer Sandinista am Tag des Einzugs in Managua so deutete: „Rot wie der Sozialismus, schwarz wie die Trauer.“

Neben ihm standen zwei zehnjährige Landsleute, Kinder, und sie schwenkten zwei uralte Jagdflinten – zu groß, zu gefährlich, zu ungenau.

Immerhin bleibt ihnen erspart, eines Tages von Somozas Sohn regiert zu werden, den sie nach seinem Vater nannten, Tachito, Mülleimerchen. Er verschwand wie Papa in Florida am Tage der Abfuhr. •