Fünfundzwanzig Jahre nachkriegsdeutsche Verkehrsluftfahrt: Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für mich! Wer von Anfang an dabei war, kennt noch die Sensation, zum erstenmal eigenhändig einen Doppelsternmotor von 2500 PS zu starten. Dieses erregende Zittern, das durchs unklimatisierte Cockpit lief, wenn die Zweimotorige mit Spornrad durch ihre Motoren zum Leben erweckt wurde – ich habe es später auf den Jets nie mehr gespürt, obwohl ihre Triebwerke doch das Mehrfache an Leistung brachten.

Es ist inzwischen alles eine Spur sachlicher, cooler geworden; sachlich und cool sollte auch der Abschied vor sich gehen, wenn man nach fast fünfundzwanzig Jahren Luftfahrt, zwanzig Kapitänsjahren, das Steuer aus der Hand läßt.

Doch gemach, gemach... Da schleicht sich in wenigen Abschiedszeilen schon ein ganzes Geschwader von Klischees ein! In diesen Tagen voller Abschiedsschwermut und freudiger Gespanntheit auf den längst verplanten neuen Lebensabschnitt lese ich gern in einem alten Buch, das mich als Zwölfjährigen für die Fliegerei begeisterte – nein, es war nicht Saint-Exupéry. Es war ein holländischer KLM-Pilot (Adriaan Viruly: Logboek). Der beschrieb, wie er damals, 1934, von den hölzernen Dreimotorigen à la Fokker F VII und F 18 umschulte auf die hochmoderne, ganzmetallene Douglas DC 3. Für ihn ging damals eine romantische Epoche endgültig zu Ende, in der der Pilot noch Mensch, Pionier, Individualist gewesen war; das nackte, kalte Ganzmetall ließ gar keine „Romantik“ mehr zu. Alles wurde unpersönlicher, auch die Beziehung zwischen Management und den Piloten; kein Direktor mehr, der den Wolkenstürmer nach erfolgreichem Flug mit Handschlag auf der wiedergewonnenen Erde begrüßte.

Meine Jugendsehnsucht, die legendäre DC 3 fliegen zu können, erfüllte sich: 1959 wurde ich auf ihr Kapitän. Sie wird für mich immer der größte Jumbo aller Zeiten bleiben – die Boeing 747 hat mich nie beeindruckt. Doch als ich später auf die gewaltige Super-Constellation um-„schulte, hätte ich mit den gleichen Worten wie einst der holländische Schriftsteller-Pilot Adriaan Viruly den „endgültigen“ Untergang der „alten Romantik“ beklagen können, was immer man darunter verstehen mag. In der vollklimatisierten luxuriösen Druckkabine der Lockheed mit all den automatisierten Instrumenten vorn blieb kein Platz mehr dafür.

Doch inzwischen blickte man nostalgisch auf die „romantische Epoche“ der DC 3 zurück. Und genauso ließe sich vom Jet à la Boeing 727 und Douglas DC 10 nostalgisch auf die Romantik der Super-Constellation-Epoche zurückschauen. Es ist alles eitel, sprach der Prediger.

Und nun, alles ist relativ, ließe sich wiederum, sehr passend zum Abgang eines alten Luftstraßen-Routiniers, der Untergang der Romantik beklagen. Endgültig, wieder einmal! Da gibt es junge Pilotenbewerber, die nicht bereit sind, länger als ein halbes Jahr auf die Aufnahmeprüfung zu warten; sonst würden sie lieber ins Bankgeschäft ihres Vaters gehen. Die alte Generation, natürlich, war noch bereit draufzuzahlen, um überhaupt fliegen zu können – was anfangs auch weidlich ausgenutzt wurde. Da sind die jungen Menschen, denen man nachts im Cockpit ein phantastisches Nordlicht über Kanada zeigen möchte, und die doch viel lieber bei ihrer Illustriertenlektüre in der Galley bleiben. Verkümmerung der „Romantik“? Okay; aber entwickelten die Postsäcke, die Saint-Exupery einst in seinem Farman-Schulterdecker über den Südatlantik beförderte, eigentlich mehr Gefühl? Es kommt doch immer auf den einzelnen Menschen an, ob er den Überflug Grönlands genießt oder sich seiner Zeitung oder einem alten Bordfilm zuwendet. Die Freiheit, Gefühle zu entwickeln, hat er mehr denn je.

Und immerhin verfügt eine DC 10, die ich bis zum Schluß, trotz aller unmotivierten Unkenrufe, leidenschaftlich gern geflogen bin, über rund sechzig Fensterplätze, durch die man auf aufregende Wolkenformationen, Polarlichter, Sonnenkreuze, Sankt-Elmsfeuer, Luftspiegelungen, Flußmündungen und so weiter blicken kann. Bequemer als in einer Junkers Ju 52 der dreißiger Jahre!