Vom Strandtourismus an der verdreckten und überfüllten Küste enttäuscht, sitzt eine deutsche Familie in Marseille und fragt sich, wo um Himmels willen sie im Inland den Rest der kostbarsten Tage des Jahres verbringen soll. In dieser Situation hilft ein zufällig im Zeitungsladen entdecktes Buch, das dem Reisenden auch in der Hochsaison von großem Nutzen sein kann. Titel: „Vacances et week-ends à la ferne“, Urlaub auf dem (französischen) Bauernhof also, und dieses Buch ist mehr als ein Geheimtip. Es ist eine Fundgrube.

Der 59-Franc-Band, ausnahmsweise seinen Preis wert, beschreibt Bauernhöfe in Frankreich, die vom Staat autorisiert sind, ein bis zwei Zimmer (chambres d’hôte) nebenbei zu vermieten. Zusammengestellt hat sie der französische Journalist Michel Smith; alle Angaben sind auf dem neuesten Stand (1979/80).

In den jeweiligen Gebietskapiteln gibt es für jeden einzelnen Hof eine ganze Seite: mit Adresse, Telephonnummer, Photo, Beschreibung der Besitzer und des Betriebs (Anbau, Viehhaltung), mit einer Aufzählung von Sehenswürdigkeiten und Freizeitmöglichkeiten in der näheren Umgebung bis hin zu Erläuterungen über Zimmereinrichtung, Mahlzeiten und Anreise.

Die von Michel Smith ausgewählten Höfe liegen zumeist etwas außerhalb der Dörfer, aber niemals inmitten einer trostlosen Monokultur, sondern immer in reizvoll aufgelockerter Landschaft, die zu Ausflügen einlädt. Die Zimmer sind wohnlich eingerichtet mit Tischen, Sesseln, Leselampen – nicht unwichtig für Regentage. Kinder sind ganz selbstverständlich willkommen.

Das Frühstück ist ein Erlebnis – wer hat schon morgens Weingelee, Eier, Schinken, Schweinepastete in Cognac, frischen Schichtkäse und warmen Kirschkuchen (alles Produkte des Hauses natürlich) auf dem Tisch? Auf manchen Höfen ist Halb- und Vollpension möglich. Es versteht sich, daß dem Besucher ansonsten kein Luxusappartement mit Kleinküche zur Verfügung steht. Doch kann er in der Regel ohne weiteres den Herd mitbenutzen.

Im weiteren Tagesablauf steht die Bewirtschaftung des Hofs an erster Stelle, der Gast ist Nebensache. Man erwarte also nicht vom Bauern und seiner Frau ein Animateurprogramm à la Club Méditerranée. Aber dafür vermittelt er die Besichtigung des bewohnten Schlosses nebenan, er verrät, wo die Forellen am besten beißen und wo die Rebhühner zu finden sind, und seine Frau ist gern bereit, ein spezielles Rezept für Weinbergschnecken zu verraten.

Michel Smith wendet sich in seinem Buch ausdrücklich an Franzosen. Das braucht Deutsche nicht abzuschrecken. Nur dürfen sie keine Fremdsprachenkenntnisse erwarten; etwas mehr als „bonjour“ oder „merci bien“ sollten sie also schon sagen können. Wer sich jedoch ein wenig auskennt in der französischen Sprache, der hat nach zwei, drei Tagen seinen Platz im Dorf gefunden. Auch wer den ganzen Tag nur spazierengeht, schwimmt (noch unverseuchte Flüsse oder Freibäder sind fast immer in der Nähe), angelt oder reitet, wird nicht als Tourist, sondern als Gast behandelt.

Worauf der Benutzer des Buches achten muß: nicht immer stimmen die Wegbeschreibungen im Detail. Die Beschreibungen der Höfe aber sind durchweg korrekt und eher untertreibend. Auch die Preisangaben werden in der Wirklichkeit eingehalten, sie sind in der Vor- und Nachsaison sogar noch etwas niedriger (Übernachtung für zwei Personen je nach Gegend zwischen 25 und 35 Franc, in vielbesuchten Gegenden wie zum Beispiel Loire, Cher oder Haute Vienne das Doppelte. Das Frühstück wird mit fünf bis sieben Franc, eine Mahlzeit mit etwa 22 Franc berechnet). Die hemmungslose Plünderung der Kirschbäume und Erdbeerbeete war freilich umsonst. (Roger Picherie/Michel Smith, „Vacances et week-ends à la ferme“, 400 ausgewählte Adressen, Balland, 1979, 320 Seiten, nur in Frankreich erhältlich.) Fred Schrader