Auszüge aus der Senatserklärung Henry Kissingers zum amerikanisch-sowjetischen Raketenabkommen

In seinem Essay vom Ewigen Frieden hat Immanuel Kant die beiden einzig möglichen Wege zum Weltfrieden beschrieben: entweder nach einem Zyklus von immer schrecklicheren Kriegen oder durch einen Akt der moralischen Einsicht, der die Nationen veranlassen würde, ihre selbstzerstörerischen Rivalitäten zu beenden.

Unser Zeitalter steht genau vor dieser Wahl. Zum erstenmal in der Geschichte verfügen zwei Nationen über ein Zerstörungspotential, mit dem sie die Zivilisation weltweit auslöschen könnten. Genauso beispiellos sind freilich auch ihre Möglichkeiten zur Zusammenarbeit im Dienste der gesamten Menschheit.

Hoffnung und Furcht der Menschheit sind auf das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gerichtet. Diese beiden Länder verfügen über gewaltige Kernwaffenarsenale, doch ihre Auffassungen von sozialer Gerechtigkeit und ihre Zukunftsvisionen liegen im scharfen, unüberbrückbaren Widerstreit. „Sozialismus in einem Land“ reicht der Sowjetführung nicht, sie strebt nach dem weltweiten Triumph ihrer Ideologie. Deshalb kommt es zwangsläufig zu Konflikten in Gegenden, die jeder als lebenswichtig betrachtet. Wir haben Bündnispartner, deren Interessen wir nicht opfern werden. Die Alliierten der Sowjetunion – etwa Kuba und Vietnam – sind zwar imstande, eigenhändig Krisen zu provozieren; freilich allzuoft werden sie vom Kreml dazu ermuntert.

Der Frieden, den wir meinen, muß deshalb auf stärkeren Fundamenten ruhen als auf dem Prinzip Hoffnung oder der Furcht vor dem atomaren Holocaust. Er erfordert ein militärisches und geopolitisches Gleichgewicht. Die Idee des Gleichgewichts hat in Amerika noch nie viele Anhänger gefunden, doch Ebenbürtigkeit ist die Voraussetzung aller Sicherheit, ja sogar des Fortschritts. Wenn unser Ziel lediglich die Konfliktvermeidung ist, wenn wir militärische Macht verpönen, dann liefern wir die Staatenwelt an ihre rücksichtslosesten Mitglieder aus. Wenn wir den Ausgleich zum einzigen Prinzip aller Politik erheben, dann wird die Drohung mit Krieg zur Waffe des Erpressers, dann schweben unsere Verbündeten und unsere moralischen Werte in ständiger Gefahr. Den Frieden zu sichern, ohne unsere sittlichen Grundsätze zu opfern – dies ist das vorrangige Problem unserer Zeit.

Die Vereinigten Staaten müssen an drei Fronten tätig werden:

Erstens müssen wir ein militärisches Gleichgewicht bewahren, das jede Versuchung ausschaltet, unsere Freunde, unsere lebenswichtigen Interessen und, im Extremfall, uns selbst anzugreifen.