Auf dem ersten Bild einer Photosequenz von John Hilliard ist eine zigarettenrauchende Frau im Halbprofil vor unscharfem Hintergrund zu erkennen. Auf dem zweiten Bild sind die Konturen der Frau undeutlich geworden, nun ist der Hintergrund scharf – es ist eine Reproduktion des Gemäldes „Venus und Cupido“ von Velasquez, gerahmt und hinter Glas. Auf der Scheibe wird schemenhaft der Reflex der Frau sichtbar. Die Göttin betrachtet sich in dem Spiegel, den Cupido ihr hinhält, die reale Situation entspricht der von Velasquez gemalten. Das dritte (und letzte) Bild zeigt die Szene noch einmal anders, diesmal ist die Spiegelung der Frau in der Scheibe deutlich zu erkennen, alles übrige ist verschwommen. Jedes der drei Photos hat dieselbe Bildunterschrift: „Sie beobachtete ihre Widerspiegelung im Spiegel.“

Der Photo/Text 59 von Jochen Gerz besteht aus sechs Photos – fünf sind von einem Tisch im hinteren Teil eines Restaurants aufgenommen, das sechste zeigt den Photographen, Gera – und einen Text, in dem der Künstler, über sich selbst in der dritten Person schreibend, sein Tun und die seiner Meinung nach wahrscheinliche Wirkung des Hantierens mit der Kamera auf die Gäste im Lokal reflektiert: „Von einer bestimmten Entfernung aus konnte man durchaus den Eindruck haben, er sei in das Studium der Gäste vertieft...“

Didier Bay hat Aufnahmen von einer Hochzeit – Braut und Bräutigam auf dem Wege zur Kirche, die Braut mit den Brautjungfern, Braut und Bräutigam posieren für das Hochzeitsphoto – kombiniert mit einem längeren Essay über das Leben überhaupt, die Ehe und die Scheidung, über Stereotypen sozialen Verhaltens und die Gesellschaft im allgemeinen. Titel des Ganzen: „So ein schöner Tag“.

Das sind drei Beispiele einer Kunstrichtung, die eine Ausstellung im Heidelberger Kunstverein (Mitveranstalter sind die Kunstvereine, in Bonn und Krefeld) zum erstenmal in Deutschland im Zusammenhang vorführt: „Text-, Photo-Geschichten“. Der Überblick über das Schaffen von Künstlern, die in ihren Arbeiten die Medien Photo und Text nebeneinander und gleichberechtigt verwenden, enthält zu einem großen Teil Werke, die bislang mit den Etiketten „Story Art“ oder „Narrative Art“ rubriziert waren. Diese Bezeichnungen hat man nun fallenlassen, da sie in der Tat nur ein Merkmal der Arbeiten, das in welcher Weise auch immer erzählende Element, beschreiben. Kennzeichen dieser Kunstart ist nämlich, so hat Margarethe Jochimsen es definiert, daß sie Geschichten erzählt, dieses aber auf eine neuartige Weise tut, mit dem Einsatz von Photo und Text als gleichwertige Partner.

Die als Bipolarität bezeichnete Wechselbeziehung der beiden Medien, die zusammen erst das Ganze ausmachen, ist das eigentliche Merkmal der Arbeiten. Theoretisch betrachtet wenigstens. Denn schon die eingangs kurz vorgestellten Text-Photo-Geschichten machen deutlich, daß auf den ersten Blick Verwandtes keineswegs durch die Familienzugehörigkeit definiert ist. Angenommen, John Hilliard erzählte eine Geschichte (darüber könnte man sich streiten, aber man muß den Begriff nicht allzu eng fassen), dann erzählt er sie mit Bildern, der beigefügte Text bleibt das, was er ist: eine Unterschrift. Der Betrachter erfährt aus den Photos etwas über unterschiedliche Wahrnehmungsintensität, die wechselnde Einstellung der Tiefenschärfe bei gleichbleibendem Motiv simuliert die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Auges. „Sie beobachtete ihre Widerspiegelung im Spiegel“, erzählt von der Beziehung zwischen Wahrnehmungsebenen und Bedeutungszusammenhängen – und das ist im Text nicht reflektiert.

Bei Didier Bay treten Bild und Reflexion auseinander, der Essay hat zum Verständnis keine Illustration nötig, die Hochzeitsphotos brauchen nicht erklärt zu werden. Die Einheit dieser Arbeit gründet offensichtlich in einer Bild und Text übergreifenden, außerkünstlerischen Metaebene – Bay interpretiert sozio-kulturelle Verhaltensmuster. Nebeneinander, aber getrennt, sind sie, für sich betrachtet, nicht voll aussagefähig, sie beschreiben eine identische Situation aus unterschiedlicher Perspektive, jede gibt einen Aspekt wieder, die Photos belegen das Sichtfeld des Beobachters, die Notizen halten die Gedanken des Beobachtenden fest. Beides zusammen erst ermöglicht dem, der den Photo/Text betrachtet, die Rekonstruktion des ursprünglichen Vorgangs.

Die Auskunft, die Bild und Text geben, ist unvollständig, man muß sie komplettieren, indem man die vorhandenen Daten aufeinander bezieht. Gerz’ Arbeiten fordern Aufmerksamkeit für Bild und Text, die gemeinsam die Verständnisebene bilden, also nicht über sich hinausweisen. In anderen Fällen ist die Kenntnis eines Bezugsrahmens nützlich. Victor Burgin etwa spielt virtuos mit den Darstellungsmitteln der gehobenen, intelligenten Werbung, und Robert Cummings erfindet Bildgeschichten im Playboy-Stil, die das Blatt allerdings doch nicht publizieren würde. John Baldessari erfindet hintersinnige Kürzestgeschichten, sie handeln meist von Kunst und Künstlern, die mit jeweils einem Photo illustriert sind – einem Photo, das nicht mit der Geschichte, sondern mit ihrer Pointe zu tun hat. Durchaus witzig sind die Unternehmungen von Peter Hutchinson. Für sein Projekt „Jahr“ zum Beispiel hat er sich aus allerlei Quellen die Monatsnamen beschafft. So ist er an einem Junitag in den Wald gegangen, hat dort nach Stämmen, Wurzeln und Zweigen gesucht, die die Form der gesuchten Buchstaben hatten, und das Wort Oktober hat er auf ganz vertrackte Weise aus Buchstaben auf Reklameschildern und Hinweistafeln konstruiert – die Texte dazu sind allerdings: eher Arbeitsberichte.