Von Wilhelm Irsch

Im pflanzlichen System gehören sie zu den niederorganisierten Formen. Und dennoch sind die Organismen, die eigentlich eine Lebensgemeinschaft, eine Symbiose von Pilz und Alge sind, alles andere als primitiv: die Flechten.

Aus der „Ehe“ von Pilz und Alge ziehen beide Partner ihren Nutzen. Der Pilz beschafft das Wasser und die Nährsalze, während die grüne Alge die Photosynthese besorgt und dabei mit Hilfe des Sonnenlichts Kohlenhydrate aufbaut.

Dank der perfekten Zusammenarbeit der Partner gibt es kaum einen Lebensraum, den diese blütenlosen Gewächse noch nicht erobert haben – sei es an trockenen Standorten oder auf nacktem Fels, auf den Rinden der Bäume oder auf totem Holz, unter Wasser oder in den Spritzwasserzonen der Küsten. Sie trotzen sogar stärkster Kälte. Eine Abkühlung auf 196 Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt überstehen sie ohne Schaden, bei minus 24 Grad Kälte vermögen sie sogar noch Photosynthese zu betreiben.

Für den Menschen sind die „rauhen Burschen“ seit jeher von großer Bedeutung. Die Nutzungsmöglichkeiten der einzelnen Arten reichen vom Nahrungsmittel bis zum Antibiotikum, vom Parfüm bis zum Gift gegen Wölfe bei unseren Vorfahren. Einige Arten bilden die Grundnahrung der Rentiere, andere sind als Lackmuslieferanten wertvolle Helfer der Chemiker bei der Bestimmung von Säurestärken. Geologen wiederum können am Vorkommen gewisser Flechten das Alter von Gesteinen bestimmen.

In den letzten Jahren stießen Wissenschaftler bei der Erforschung der zunehmenden Umweltbelastung durch unsichtbare Schadstoffe auf eine neue Anwendungsmöglichkeit für Flechten. Denn die im allgemeinen sehr unempfindlichen Gewächse sind sensibel, wenn es um Luftverschmutzung geht. Sie kapitulieren vor allem bei zu hoher Belastung durch Schwefeldioxid, aber auch dann, wenn andere Schadstoffe bestimmte Schwellenwerte überschreiten.

Flechten nehmen ihre Nährstoffe über die gesamte Körperoberfläche auf, so daß sie Schadstoffen aus der Luft und aus dem Niederschlagswasser ausgesetzt sind. Die Umweltgifte reichern sich in Pilz und Alge an und schädigen deren Gewebe. Diese Schadstoffsensibilität der Flechten machten sich Wissenschaftler des Schwerpunktes Biogeographie an der Universität des Saarlandes zunutze. Um einen Überblick über das Ausmaß der Luftverschmutzung im Stadtgebiet Saarbrückens zu bekommen, nahmen sie die Flechtenflora des Ballungsgebietes unter die Lupe.