„La Nouvelle Droite“: Mehr als eine intellektuelle Mode – ein politisches Projekt

Von Jürg Altwegg

Es gab die Mode der marxismuskritischen Neuen Philosophie, welche die französische Linke in eine Identitätskrise stürzte; es folgten ein Rechtsrutsch der Intellektuellen vor dem drohenden Sieg der Kommunisten und Sozialisten anläßlich der Parlamentswahlen vom März letzten Jahres und der „Nouveau Romantisme“ des harten Winters 1978/79, überspült von einer „deutschen Welle in Paris“ als innenpolitische Einstimmung auf die Wahlen ins europäische Parlament. Mit Verspätung erkennt das Land einen gemeinsamen Nenner all dieser Strömungen: Die „Nouvelle Droite“, die seit wenigen Wochen die Schlagzeilen und Kolumnen der Presse beherrscht, ist nicht eine Erfindung der „journalistischen Unterkultur“, wie ihre Chefideologen behaupten – Frankreichs Neue Rechte hat sich in zehnjähriger konsequenter Anwendung von Gramscis Theorien in den publizistischen und politischen Institutionen etabliert. Die neurechten Avantgardisten sind auf ihrem langen Marsch bereits in den Vorzimmern der Macht angekommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg – und dem Sieg der Résistance – behielt zwar die Rechte, in deren Reihen es ja nicht nur Kollaborateure gegeben hatte, die politische Macht; an den Besitzverhältnissen hatte sich kaum etwas geändert – die spektakulären Säuberungen wurden im kulturellen Sektor vorgenommen. Nur die Zeitungen, die sich im Widerstand bewährt hatten, durften überleben; faschistische Schriftsteller wurden mundtot gemacht. Die Linken und die Christdemokraten übernahmen die kulturelle Hegemonie. Sie verfügten zwar nur beschränkt über die Produktionsmittel, gaben aber den Ton an. Während der folgenden dreißig Jahre war die Rechte auf dem Jahrmarkt der Ideen abgemeldet.

Die Schuldgefühle der Linken

Bereits aber hatte – von der Provinz aus – der unaufhaltsame Aufstieg des Kollaborateurs Robert Hersant (er hatte im Vichy-Frankreich die „Junge Front“ gegründet) begonnen: massenhaft kaufte er Zeitungen auf – bis zu den tradis ionsreichen Blättern „France-Soir“ und „Figaro“, bei dem er sich selber zum „politischen Direktor“ ernannte. Zu den ersten Großtaten der aufstrebenden Hersant-Kultur gehörte das Hochspielen der Neuen Philosophie; Beobachter notierten die erste Tendenzwende, und als die Linke drauf und dran war, nach dreißigjähriger kultureller Vorherrschaft auch die politische Macht im Lande zu übernehmen, vollzogen zahlreiche Intellektuelle einen Rechtsrutsch. Der Nouveau Philosophe Jean-Marie Benoist führte gegen KPF-Chef Georges Marchais einen ideologischen Schauwahlkampf (ZEIT Nr. 11 vom 10. März 1978).

Für die siegessicheren Kommunisten und Sozialisten hatte die Niederlage katastrophale Folgen. Selbstzweifel und Schuldgefühle – sind wir mit Marx für Gulag verantwortlich, wie Glucksmann und Levy behaupten? – lösten einen Prozeß der Selbstzerstörung und Auflösung aus. In dieser Situation lancierten Robert Hersant und sein „Directeur culturel“ Louis Pauwels sechs Monate nach den Iden des März im Herbst 1978 das „Figaro-Magazin“ (ZEIT Nr. 49 vom 1. Dezember 1978). Die Majorität war wahlarithmetisch gesichert, nun galt es, auch die kulturelle Macht zu erringen. Mit unverfrorener Selbstverständlichkeit beriefen damals Hersant und Pauwels jene neofaschistischen Intellektuellen, welche sich seit einem Jahrzehnt systematisch auf diese historische Stunde ihrer publizistischen Machtergreifung vorbereitet hatten.