Von Peter Christ

Der Zeitpunkt scheint völlig verfehlt Da melden die Bau-Statistiker übervolle Auftragsbücher und zweistellige Zuwachsraten bei den Auftragseingängen, aber fast zur gleichen Zeit sieht Albrecht Schumann „dunkle Wolken“ den Himmel über der deutschen Bauwirtschaft verfinstern und beklagt spürbar eingetrübte Aussichten. Albrecht Schumann ist Chef eines der führenden deutschen Baukonzerne, der Hochtief AG, für die er, verbunden mit lautem Wehklagen, ein Rekordergebnis voraussagte. Denn in diesem Jahr will das Essener Unternehmen mehr als fünf Milliarden Mark verbauen und gewiß auch mehr verdienen als je zuvor.

In der Tendenz wie Schumann, in der Diktion martialischer beschwor Albert Vietor, Chef des gewerkschaftseigenen Baukonzerns Neue Heimat, „die Gefahr, daß die Baukonjunktur mit dem Schwert erschlagen wird“.

Artikuliert sich in solchen Sprüchen nur professioneller Pessimismus, oder sitzt den Bau-Herren tatsächlich die frühe Furcht vor einer neuen Krise im Nacken?

Tatsache ist, daß die Leute vom Bau ihren zweiten Boom in dieser Dekade erleben. „Die Baukonjunktur läuft super. Wir haben mehr Aufträge, als wir bewältigen können“, faßt Michael Niffka, Chefökonom beim Zentralverband des Deutschen Baugewerbes, die Lage seiner Klientel zusammen. Zahlen bestätigen diese Einschätzung: Im Mai erhielt das Bauhauptgewerbe um 17,1 Prozent mehr Aufträge als im gleichen Vorjahresmonat, mit 7,1 Milliarden Mark setzten sie sogar 34,1 Prozent mehr um als noch vor Jahresfrist, die Zahl der Beschäftigten kletterte um zwei Prozent auf mehr als 1,2 Millionen, und die Auftragsbestände sichern die Beschäftigung für mehr als drei Monate.

Diese Zahlen können Zweifel nähren an den Krisenvisionen von Schumann und Vietor. Und wenn es tatsächlich bald wieder bergab gehen sollte, so halten Kritiker der Baubranche vor, dann sei ihre eigene Unmäßigkeit dafür verantwortlich. Denn der Boom weckte die Begehrlichkeit der Bauunternehmen, und sie nutzten die Gunst der Stunde zu drastischen Preisaufschlägen. Die Baupreise für Wohngebäude stiegen von Mai 1978 bis Mai 1979 um 8,4 Prozent, für Bauten der Industrie um 9,5 Prozent und für den Straßenbau sogar um 10,5 Prozent. In Ballungsgebieten seien die Preise für Wohnbauten, so weiß Neue-Heimat-Chef Vietor, um zwanzig bis dreißig Prozent geklettert.

Für ihre vermeintliche Preistreiberei mußten sich die Baufirmen rügen lassen. Der Verband der öffentlichen Bausparkassen etwa warnte vor „allzu forscher Preisgestaltung“, die mit den Eigenheimbauern nur die Kunden von morgen verschrecke. Kritiker übersehen freilich, daß die Preissprünge in diesem Jahr so groß ausfallen, weil die zum Vergleich herangezogenen Preise des Vorjahres in der Krise noch mit spitzem Bleistift kalkuliert wurden. Eine längerfristige Betrachtung der Baupreise zeigt, daß sie seit 1970 kaum schneller gestiegen sind als die allgemeinen Lebenshaltungskosten.