Von Gerhard Prause

Ephyra (Nordwestgriechenland), im Juli

Unvorbereitet, eilig und allzu arglos waren wir in den Hades hinabgestiegen, ins Schattenreich der Todesgöttin Persephone. Wir versäumten es, die Verstorbenen mit Steinwürfen abzuwehren. Wir opferten ihnen kein Schaf, gaben ihren Schatten nicht das begehrte Blut zu trinken, haben nicht geschwiegen im lichtlosen Heiligtum. Und als wir es wieder verließen, haben wir uns umgeschaut, so wie einst Orpheus, der Sänger, sich nach Eurydike umsah und damit die Chance ihrer Rückkehr ins Land der Lebenden verspielte. Wir haben einfach alles falsch gemacht hier in Ephyra, in der Unterwelt am Totenfluß Acheron, wo einst das berühmteste Totenorakel der Griechen war. Und das sollte sich rächen. Doch davon später.

Einst hat – so erzählt es Homer – auch Odysseus dieses Totenorakel besucht. Er wollte den verstorbenen Seher Teiresias fragen, ob und unter welchen Bedingungen er in die Heimat zurückkehren werde, nach Ithaka zu Frau und Sohn. Odysseus, der Held, den vor „den unzähligen Scharen der Toten bange Befürchtungen packten“, hielt die Spielregeln sorgfältig ein: zwei Schafe opferte er, ein männliches und ein schwarzes weibliches, goß in ein Loch „die Spende der Toten, erst gemischt mit Honig, dann mit der Süße des Weines, drittens mit Wasser und streute dann helles Gerstmehl darüber“, versprach für spätere Zeit noch weitere Opfer, gab jenen Schatten, die er befragen wollte, reichlich von dem Blut der geschlachteten Schafe, sprach mit seiner toten Mutter, mit Agamemnon und anderen Helden des Trojanischen Krieges und ließ sich von Teiresias eine zwar umständliche, aber am Ende glückliche Heimkehr und einen späten Tod voraussagen: „Fern dem Meere wird einmal süß und sanft dir nahen der Tod und wird dich ereilen, wenn du in glücklichem Alter entkräftet.“ Trotz dieser Garantie auf die Zukunft hatte Odysseus Angst, Persephone könne ihm das „gorgonische Haupt des entsetzlichen Scheusals“ nachschicken, dessen Anblick die Lebenden versteinert.

Wir waren tiefer als einst Odysseus in die Unterwelt hinabgestiegen. Daß wir dies konnten, daß jeder dies heute kann, ist dem griechischen Archäologen Sotiris Dakaris zu danken, Professor an der Universität von Ioannina. Vor gut zwanzig Jahren entdeckte er in der nordwestgriechischen Landschaft Epirus den Eingang zum Hades, und zwar auf Grund der Beschreibung Homers, der diesen unheimlichen Ort da vermutete, wo die Flüsse Pyriphlegethon und Kokytos (die mit dem Styx zusammenhängen) in den Acheron fließen.

Dort, bei dem heutigen Dorf Mesapotamos, nur wenige Kilometer von der strandigen Badeküste nördlich von Preveza, an der Straße nach Igoumenitsa, lag einst die spätmykenische Siedlung Ephyra, eine Gründung aus dem 14. vorchristlichen Jahrhundert und damit die älteste Stadt von Epirus. Nur sechshundert Meter von ihren Ruinen entfernt, auf einem Felskegel, wo Mönche im 18. Jahrhundert eine kleine Klosterkirche und einen Friedhof angelegt hatten, stieß Dakaris 1958 bei Probegrabungen auf gewaltiges polygonales Mauerwerk. Nachdem er den Friedhof abgetragen, die Toten umgebettet und unter die Kirche eine Betondecke gezogen hatte, um sie untergraben zu können, legte er in mehreren Kampagnen das Nekromanteion von Ephyra frei, das – so sagt er – „berühmteste Totenorakel der antiken griechischen Welt“: ein etwa 62 mal 46 Meter großes Bauwerk aus sorgfältig gearbeiteten unregelmäßigen Vieleck-Blöcken.

Die Mauern mit mehreren Torbögen sind bis zu einer Höhe von dreieinhalb Metern erhalten, auch die Innenmauern, die den Gesamtkomplex in unterschiedlich große Räume und Korridore unterteilen. Ursprünglich waren sie höher gewesen. Der obere Teil, offenbar für ein zweites Stockwerk, war aus gebrannten Ziegeln aufgemauert. Ein zentraler Teil der gesamten Anlage, im Quadrat von 22 mal 22 Metern, hatte besonders starke Mauern. Ihre Stärke beträgt 3,30 Meter. Sie umschlossen, wie Dakaris überzeugt ist, das eigentliche Heiligtum des Orakels.